Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Die 33-jährige Grafikdesignerin Esra Gülmen studierte in der Türkei Innenarchitektur, ging dann nach Frankfurt und Amsterdam und landete schließlich in Berlin. Erfuhren ihre neuen Bekanntschaften, dass sie Türkin ist, hieß es oft: "Aber du siehst gar nicht türkisch aus."

Dieses Klischee, mit dem viele Türken im Ausland konfrontiert sind, bekam Esra so oft zu hören, dass sie eine Ausstellung daraus machte. Don’t I Look Turkish? wurde letzte Woche eröffnet, hier hängen die Fragen, die ihr am häufigsten gestellt werden: "Müssen Sie in der Türkei Schleier tragen?" – "Reitet ihr auf Kamelen?" – "Essen Sie Schweinefleisch?"

Bereits im letzten Jahr war die ebenfalls in Berlin lebende Künstlerin Işıl Eğrikavuk mit der Fotoperformance But You Don’t Look Turkish Vorurteilen entgegengetreten. Die Deutschen reisen häufiger als alle anderen Europäer in die Türkei und begegnen in ihrem Land mehr Türken, dennoch sind Vorurteile selbst hierzulande noch verbreitet.

Bei der Verwirrung spielt natürlich auch eine Rolle, dass die "Türken-Typen", denen man begegnet, so unterschiedlich sind. Die Wahrnehmung variiert je nachdem, wann, warum und woher die Menschen aus der Türkei migriert sind.

Für die ersten lauten die Antworten auf diese drei Fragen der Reihe nach: "In den 1960er-Jahren", "um hier zu arbeiten", vor allem "aus Anatolien ..."

Bei den zuletzt Gekommenen hört sich das anders an: "In den 2010er-Jahren", "um frei zu sein", vor allem "aus Istanbul ..."

Die Migrationswelle über drei Generationen hat den türkischstämmigen Migranten in Deutschland eine eigene Identität jenseits von türkisch und deutsch verpasst. Sie werden in der Türkei als "Deutschländer", in Deutschland als "Türken" betrachtet, ihre Identität ist aber weder ganz deutsch noch ganz türkisch, speist sich vielmehr aus beidem und ist ein von beiden Identitäten unterschiedenes Hybrid.

Zu diesem Wirrwarr hinzu kamen wir: die statt unter Arbeitslosigkeit unter Repression leiden, die unter dem autoritären Regime keine Luft mehr bekamen und hier nach Demokratie suchen, die Erdoğan-Opfer, Wissenschaftler, Künstler, Journalisten, Schriftsteller ...

Gemeinsam ist den meisten von uns: die Überzeugung, dass die Türkei so bunt ist, dass sie sich nicht in eine einzige Uniform zwängen lässt; der Kampf gegen die Stereotype, in die Erdoğan uns sperren will, und von der Mehrheit, die er aufgehetzt hat, bezichtigt zu werden, "nicht wie ein Türke zu denken", "anders zu sein als die Türken".

Unsere Bücher und Zeitungen wurden verboten, gegen uns laufen Prozesse, wir wurden von unseren Lehrstühlen vertrieben, somit hatten wir ein "Integrationsproblem" im eigenen Land. Das Problem wurde chronisch und führte uns freiwillig oder notgedrungen ins Exil. Hier aber empfing uns die bekannte Zuschreibung:

"Aber du siehst gar nicht türkisch aus."

Nicht bloß in den Augen der Deutschen, auch für einen Teil der vor uns migrierten Menschen aus der Türkei, die sich an ihre Wurzeln klammern, um dem Sturm standzuhalten, den die Migration auslöst, sind wir "anders als die Türken". Manche von uns empfinden das verärgert als Beleidigung, andere stolz als Kompliment.

Alle, die stereotype Vorurteile hegen und jedem Alkohol trinkenden, atheistischen Blonden sagen: "Du bist ganz anders als die Türken", sollten sich endlich folgender Tatsache stellen: Nicht diese sind anders als die Türken, sondern alle Türken sind unterschiedlich. Und das ist viel besser, als wenn alle gleich wären.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe