DIE ZEIT: Herr Appiah, Sie haben ein Buch über Kosmopolitismus geschrieben, als der Begriff noch positiv besetzt war. Heute, scheint mir, wird Kosmopolitismus als elitärer Lifestyle betrachtet.

Kwame Anthony Appiah: Ja, aber das ist ein Fehler! Natürlich gibt es schlechten Kosmopolitismus. Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden deines Nachbarn hat zum Beispiel mit Kosmopolitismus nichts zu tun. Auch transnational im Geschäft zu sein ist nicht kosmopolitisch. Kosmopolitismus ist eine Haltung Fremden gegenüber, die man als Mitbürger sieht, nicht so nahe wie unsere Familie, auch nicht so nah wie unsere Nachbarn, auch nicht so nah wie die eigenen Landsleute. Aber eben auch nicht so fern, dass ihr Schicksal uns gleichgültig bleiben könnte.

ZEIT: Sehr beliebt war der Begriff in der Kunstszene, die global aufgestellt ist. Aber was meinten die Kuratoren, Künstler, Galeristen und Sammler damit? Sie kannten die besten Hotspots von Singapur bis Buenos Aires. Es war offensichtlich ein herrliches Oberklassenvergnügen, aber verkauft wurde es als moralisch höherwertiges Bewusstsein.

Appiah: Das nenne ich Frequent-Flyer-Kosmopolitismus. Von Singapur nach Buenos Aires zu fliegen macht dich nicht zum Kosmopoliten, solange du im Hilton bleibst. Der Kosmopolit möchte wissen, was außerhalb des Hilton passiert. Er fliegt nicht nach Buenos Aires, um dort eine weitere Arbeit von Jenny Holzer zu sehen – nichts gegen Holzer, im Louvre Abu Dhabi gibt es eine tolle neue Arbeit von ihr.

ZEIT: Ihr Buch handelt von Identitäten wie Religion, Gender, Nation, Klasse, Hautfarbe, aber Sie machen einen großen Bogen um die aufgeheizte Debatte um Identitätspolitik.

Appiah: Wir können uns auch hier wieder über Worte streiten. Es gibt eine Form der Identitätspolitik, die ihr Augenmerk weder auf den ökonomischen Status noch auf Fragen der nationalen Identität richtet, aber diese beiden Aspekte sind mir wichtig. Wenn heute gegen Identitätspolitik argumentiert wird, ist damit gemeint: Wir haben zu viel über Gender geredet, wir müssen wieder über Klassen reden. Das sehe ich auch so, aber auch Klassen sind Identitätsspender. Klasse ist mehr als ein Blick aufs Bankkonto.

ZEIT: Warum braucht es überhaupt kollektive Identitäten?

Appiah: Es leben fast acht Milliarden Menschen auf dem Planeten, politisch organisiert in etwa 190 Ländern. Das heißt, keines dieser Länder ist das, was sich Aristoteles einst unter einer politischen Gemeinschaft vorstellte: eine Gemeinschaft von Menschen, die den Charakter der anderen kennen. Nationen sind Gemeinschaften von Fremden, und es braucht ein Band, das sie zusammenhält. Diese Aufgabe erfüllen Identitäten, religiöse, nationale, lokale. Sie tun dies, auch wenn sie im Übrigen vollständig imaginär sind.

ZEIT: Sie schreiben, die Rede von Identitäten sei explodiert über die letzten Jahre, aber es sei nicht Ihre Aufgabe, dafür Gründe anzuführen, das würden Sie den Ideenhistorikern überlassen. Aber warum sprechen plötzlich alle nur noch als Vertreter einer kollektiven Gruppe, als Repräsentanten von People of Colour oder LGBQT oder als Verkörperung der weißen Arbeiterklasse?

Appiah: Ich habe einmal vom Imperialismus der Identitäten gesprochen: Identität kann deine ganze Person kolonisieren, sodass du dann nichts anderes mehr bist als diese eine Eigenschaft. Da Identitäten aber imaginär und ziemlich kontingent sind, empfehle ich einen leichten, spielerischen Umgang mit ihnen. Ich habe im Sommer letzten Jahres einen Artikel für die New York Times geschrieben, in dem ich die Leute auffordere: Sprich nicht in einer Eigenschaft, sprich für dich selbst!

ZEIT: Aber warum versteckt man sich heute hinter einer Identitätsmaske?

Appiah: In den USA gibt es das merkwürdige Phänomen, dass progressive Weiße mehr pro-black sind als Black Americans. Progressive Weiße sind überzeugt, dass es sehr wichtig ist, korrekt zu sein im Umgang mit schwarzen Belangen, da sind die Schwarzen selbst oft viel relaxter.