Kuscheltier oder lila Monster? "AI Taking Over" von Aneta Kajzer, 2019 © Aneta Kajzer "AI Taking Over, 2019"/​Courtesy der Künstlerin, CONRADS Düsseldorf

Ein Jahr ist es her, da wurde in New York für sehr viel Geld ein Gemälde versteigert, dessen Maler niemand kennt und auch niemals kennen wird. Denn es gibt hinter diesem Werk keinen Autor, es gibt nur einen Algorithmus, er hört auf den possierlichen Namen min G max D Ex[log(D(x))]+Ez[log(1-D(G(z)))] und hat das Porträt entsprechend signiert. Manchen kam das vor wie ein Epochenbruch.

Nun muss man den Vorgang nicht übermäßig dramatisieren, zumal das Porträt, das mittels künstlicher Intelligenz errechnet worden war, schrecklich flau ausfiel und man ohnehin bezweifeln kann, ob Computer je den Farbsinn, die Fantasie oder auch nur den schwarzen Humor besitzen werden, die man sich von Künstlern erhofft. Dennoch wird niemand bestreiten, dass gerade etwas ins Rutschen gerät. Überall sitzen Programmierer vor ihren Rechnern, wollen ihnen das Kreativsein beibringen und damit dem Menschen etwas streitig machen, auf das er sich jahrhundertelang viel einbilden konnte: das Privileg, ein einzigartig kunstbegabtes Wesen zu sein.

Kümmert das die Künstler der Gegenwart? Malt es sich jetzt, in der Digitalmoderne, anders als zuvor? Wer will, kann das gegenwärtig in drei großen Ausstellungen erkunden, in Bonn, Chemnitz und Wiesbaden, wo die Museen zeigen, was in den Ateliers gerade gedacht und gemacht wird. Das Unterfangen ist schon deshalb bemerkenswert, weil in Museen ja meist nur das zu sehen ist, was sich zuvor in Galerien und Kunstvereinen bewährt hat. Nun tauchen dort lauter Unbekannte auf, von keinem Sammler begehrt, von keinem Magazin gefeiert. Für die Museen ein Ausflug ins Offene.

Zwei Jahre lang reisten die Kuratoren kreuz und quer durchs Land, bevor sie sich schließlich auf 53 Malerinnen und Maler einigen konnten, die nun zeitgleich in allen drei Städten gleich mehrere Werke zeigen dürfen, über 500 insgesamt. Schön bunt sehen sie aus, nach Kräften wird hier gekleckert, gepünktelt, gebürstet, gestrichelt, die Farbe züngelt über die Leinwand oder platscht darauf nieder, und wer irgendwann müde ist von den Streifen, Kringeln und aufgepeitschten Wogen, für den gibt es manchmal auch ein paar Menschen zu sehen, mal comic-haft rüde, mal traumverloren.

Ein gemeinsamer Stil, ein generationelles Wollen sind bei all dem nicht auszumachen. Und dass hier irgendwer Handys abmalte, Kabelnester oder sonstwie die digitale Konkurrenz zum Sujet machte, lässt sich nicht behaupten. Nur der Horror Vacui, der viele Bilder prägt, dieser treibende Wunsch, die Leinwand blickdicht zuzumalen und jede unbestimmte Tiefe zu vermeiden, ist wohl doch ein Hinweis auf das, was viele die digitale Revolution nennen.

Denn es ist ja so: Früher konnten die Künstler viel Energie daraus schöpfen, dass sie gegen irgendetwas anmalten, gegen Konvention und Tradition, gegen Schaulust und falschen Subjektivismus. Heute hingegen sind alle ästhetischen Schlachten geschlagen und den Malern alle Feindbilder abhanden gekommen, was sie zugleich freier macht denn je, aber auch haltloser. In dieser Hinsicht ergeht es ihnen nicht anders als den Algorithmen, die im Superoptionalismus – alles kann ein Bild sein! – untergingen, hätten sie keinen Programmierer, der für sie entscheidet, was zwingend ist und was Larifari. Dummerweise müssen die Maler ihre eigenen Programmierer sein, und vielleicht liegt es daran, dass sich nun erstaunlich viele auf das verlegen, was auch Computer machen: aufs Rasterfahnden und Mustererkennen.

Das sieht dann wunderbar flirrend aus (wie bei Florian Meisenberg) oder reizvoll vertrackt (wie bei Jonas Weichsel). Es entstehen Bilder, die schwarz sein wollen, nur schwarz (Paul Czerlitzki) oder ganz nackt und karg (Paula Baader). Allerdings bleibt es nicht aus, dass bei so viel selbstberauschter Farb- und Formenpracht das Auge rasch ermüdet. Es will im Gewirr etwas finden, das sich bezeichnen und deuten ließe, was von tieferem Sinn erzählte und also von dem, das den Menschen von malenden Maschinen vielleicht noch unterscheidet.

Manche der Bilder versuchen das auch, sie bauen Bühnen und stellen Menschen darauf, nur geraten diese Menschen zuverlässig ins Düsterreich der Fantasy, in dem es stets bedeutungsschwanger zugeht, am Ende aber mehr als Geraune nicht zu haben ist.

Marmorkalte Antike trifft auf instagramglatte Gegenwart: Ein Kuss mit dem Titel ") ( VI" von Vivian Greven, 2018 © Vivian Greven ") ( VI", 2018/​Privatsammlung Andorfer

Wie dankbar ist man da für ein wenig mehr Wagnis: für das knallig Farbgewühl einer Aneta Kajzer ebenso wie für die lakonischen Bilder eines Maximilian Kirmse. Er zeigt ein dürres Ärmchen, das mit der Schere an einem fast kahlen Schädel herumschnippelt, eine Friseurszene, in der sich der Farbauftrag fast aufzulösen scheint und die Haarstoppeln wie Pünktchen aussehen, die vermutlich im nächsten Moment zu tanzen beginnen, befreit von den Pflichten einer wirklichkeitsgetreuen Darstellung. Solche Szenen sind es, lapidar und alltäglich, in denen die Kunst von jeder Maschinenhaftigkeit abrückt.

Vor allem in den Bildern von Vivian Greven spürt man ein Ringen um Berührbarkeit, und seltsamerweise begegnen sich hier die Ästhetik klassisch antiker Skulptur und der digtiale Instagram-Schmock auf so selbstverständliche Weise, als hätten sie schon immer zusammengehört. Da ist Marmorkühle, da ist die Glätte der Displays, da ist der Wille zur makellosen Oberfläche und zugleich ein pochendes Verlangen, die Perfektion zu durchbrechen und sich empfindsam zu zeigen. Vor allem in Grevens pastellzarten Farbverläufen, die sich vor Kitsch nicht scheuen und die Figuren surreal grundieren, widerstreben der Glätte, verdichten sich unerwartet zu knackigem Rot oder grellem Mint und lassen die Leiber ungemein durchglüht aussehen. Diese Kunst pendelt zwischen Lust und Berechnung, und ebenso geht es allen, die vor diesen Bildern stehen, sich abwenden möchten und zugleich davon angezogen werden.

Hier zeigt sich etwas Unausrechenbares, eine Malerei, die man menschlich nennen würde, weil sie ambivalent bleibt. Und so müsste eine künstliche Intelligenz, die gern künstlerisch wäre, vor allem das erst einmal lernen: zwischen null und eins nicht länger zu unterscheiden.

Die Ausstellungen laufen bis zum 19. Januar 2020. Eine Auswahl ist vom 7. Februar an in Hamburg zu sehen (www.malerei.jetzt/de)