Der Österreicher Martin Kušej, geboren 1961, ist neuer Direktor des Wiener Burgtheaters. Die Burg gehört zu den größten und wichtigsten Theatern der Welt, sie steht in Sichtweite zum Kanzleramt, zur Hofburg und zum Parlament. Kušej verbittet sich den Namen "Burg", er will nicht, dass man sein Theater mit einer Festung gleichsetzt. Auf feindliche Angriffe ist er allerdings eingestellt.

DIE ZEIT: Herr Kušej, Ihr Vorvorgänger Matthias Hartmann ist als Burgtheaterdirektor im Jahr 2014 spektakulär entlassen worden, weil man ihn für den großen Steuer- und Finanzskandal am Haus verantwortlich gemacht hat. Vor einiger Zeit wurde er rehabilitiert: Die Gerichte haben festgestellt, dass er nicht der Verantwortliche war. Wie es wirklich zu dem Skandal gekommen ist, beschäftigt noch immer die Justiz. Ist die Sache für Sie abgehakt?

Martin Kušej: Ja. Ich will die Vergangenheit weder beurteilen noch darüber reden. Aber natürlich haben wir auch zwei Direktionen später noch immer mit den Folgen dieses Führungsversagens zu tun.

ZEIT: Laut William Faulkner ist die Vergangenheit nie vorbei. Ans Burgtheater hat Sie der ehemalige österreichische Kulturminister Thomas Drozda geholt. Früher – und zwar in Zeiten, als die Unregelmäßigkeiten am Haus schon längst begonnen hatten – war Drozda Geschäftsführer an der Burg; er ist in gewisser Weise in die unklare Vergangenheit des Hauses selbst verstrickt. Sie werden es also mit der Lava von früher auf die eine oder andere Weise noch länger zu tun haben.

Kušej: Da haben Sie recht. Ich kann nur so viel sagen: Ich führe hier eine totale Transparenz in allen Entscheidungen ein; ich leite das Haus nicht allein, um mich ist ein Team, das in einer flachen Hierarchie mit mir arbeitet. Wir beschäftigen uns mit dieser Lava schon, versuchen aber, mit Blick nach vorn, die alten Fehler nicht mehr zu machen.

ZEIT: Sie haben die letzten acht Jahre das Residenztheater in München geleitet. Was ist der große Unterschied zwischen Bayern und Österreich?

Kušej: Auf eine gewisse Art ist Bayern sehr österreichisch. Diese bayerische Spezikultur ist in ihrer Korruptheit ein wenig wienerisch. Aber interessanterweise gibt es in Bayern auch einen Hang zum Preußischen, zum Genauen und Bürokratischen, der einen manchmal zur Verzweiflung treibt. Ich habe insgesamt 26 Jahre in Deutschland gelebt – die Rückkehr nach Österreich fällt mir schwer. Ich habe tatsächlich vergessen und verdrängt, wie intrigant Österreich sein kann, und so laufe ich wahrscheinlich naiv erst einmal in alle Messer, die man mir in den Rücken stoßen will, frontal rein. Ich will es noch nicht wahrhaben, weil ich in Deutschland – und da schließe ich Bayern mit ein – eine offene, klare Kultur der Verständigung, von mir aus auch des Konflikts, erlebt habe. Das ist hier definitiv nicht so, und es herrscht diesbezüglich eine auffällige Sprachlosigkeit. Die pointierte, verschnörkelte österreichische Sprache ist der Intrige vorbehalten und damit einer gebildeten Schicht. Bei offener Meinungsverschiedenheit wird die Sprache dann rasch simpel oder schwarz-weiß – in letzter Zeit auch tendenziell gewalttätig. Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen werde.

ZEIT: Im Interview mit dem Standard bezeichneten Sie das Gerücht und die Denunziation als "Wiener Form der Kommunikation". So spricht ein Außenstehender über etwas, in das er hineingestoßen wird.

Kušej: Ich werde auch von den österreichischen Hate-Mail-Schreibern als Piefke bezeichnet. Was ich lustig finde. Aber auf eine gewisse Art fühle ich mich auch so. Effizient, klar, offen, direkt – damit haben viele Leute in Wien Probleme –, und das sind dann "Piefke-Attribute".

ZEIT: Was steckt hinter der österreichischen Intrigenkultur? Welche Grundangst?

Kušej: Genau kann ich es nicht sagen. Aber mir fällt auf, dass es im Land ein Gefälle gibt: Im Osten, also etwa in Wien, ist diese Kultur viel stärker verankert als beispielsweise in Tirol oder Vorarlberg. Als Professor an der Universität war ich sehr überrascht, dass man relativ rasch gegen mich gearbeitet hat. Es reicht aus, zu sagen: "Ich hätte da vielleicht eine bessere Idee", dann wird das schon als Attacke interpretiert. Dann lächeln dich die Leute an und arbeiten hinter deinem Rücken gegen dich. Mich hat das sehr irritiert.

ZEIT: Was haben Sie für ein Menschenbild? In einer Kritik zu einer Ihrer Inszenierungen stand in dieser Zeitung mal: "Kušej mag den Tod fürchten, noch mehr aber fürchtet er die Möglichkeit, die Menschen könnten ewig leben. Er lacht, so könnte man sagen, mit dem Tod." Ist da was dran?

Kušej: Tod ist sicher ein wichtiges Thema, ja. Ich habe kürzlich in meiner Antrittsrede hier am Burgtheater einen Bogen geschlagen zu den vielen Kollegen im Ensemble, die jetzt verstorben sind, Bruno Thost, Peter Matić, Johann Adam Oest, vorher schon Gert Voss und Ignaz Kirchner. Für mich ist das auch deshalb schlimm, weil ich mich auf die Arbeit mit ihnen gefreut habe. Aber das Theater ist tatsächlich eine Kunstform, die die Toten zum Leben erwecken und wieder auf die Bühne stellen kann – als Figuren, als Autoren. Insofern ist mein Verhältnis zum Tod, dass ich nach vorn schaue und dabei die Toten mitnehme. Das kann auch lachend geschehen.

ZEIT: Ich hatte den Eindruck, dass es in Ihren Inszenierungen immer einen Moment gibt, wo Sie einen Bilanzblick auf die Welt richten. Und das große Ganze extrem skeptisch darstellen.

Kušej: Ja, es geht immer ums Ganze. Jetzt wollen Sie wissen, woher das kommt.

ZEIT: Genau.

Kušej: Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich Teil einer sprachlichen Minderheit bin; daraus speist sich meine künstlerische Identität. Ich bin Kärntner Slowene. Ich habe sehr früh bemerkt, dass ich um meine Identität kämpfen muss. Ein kleiner unbedeutender regionaler Konflikt hat mich befähigt, zu verstehen, was Verfolgung, was Außenseitertum, was Angst, was Heimat und was Flucht heißt. Dieses kleine eigene Problem gab mir die Möglichkeit, große Zusammenhänge zu verstehen. Von da könnte das kommen.