"Man muss dagegenhalten, bis sie einem die Fresse einschlagen" – Seite 1

Der Österreicher Martin Kušej, geboren 1961, ist neuer Direktor des Wiener Burgtheaters. Die Burg gehört zu den größten und wichtigsten Theatern der Welt, sie steht in Sichtweite zum Kanzleramt, zur Hofburg und zum Parlament. Kušej verbittet sich den Namen "Burg", er will nicht, dass man sein Theater mit einer Festung gleichsetzt. Auf feindliche Angriffe ist er allerdings eingestellt.

DIE ZEIT: Herr Kušej, Ihr Vorvorgänger Matthias Hartmann ist als Burgtheaterdirektor im Jahr 2014 spektakulär entlassen worden, weil man ihn für den großen Steuer- und Finanzskandal am Haus verantwortlich gemacht hat. Vor einiger Zeit wurde er rehabilitiert: Die Gerichte haben festgestellt, dass er nicht der Verantwortliche war. Wie es wirklich zu dem Skandal gekommen ist, beschäftigt noch immer die Justiz. Ist die Sache für Sie abgehakt?

Martin Kušej: Ja. Ich will die Vergangenheit weder beurteilen noch darüber reden. Aber natürlich haben wir auch zwei Direktionen später noch immer mit den Folgen dieses Führungsversagens zu tun.

ZEIT: Laut William Faulkner ist die Vergangenheit nie vorbei. Ans Burgtheater hat Sie der ehemalige österreichische Kulturminister Thomas Drozda geholt. Früher – und zwar in Zeiten, als die Unregelmäßigkeiten am Haus schon längst begonnen hatten – war Drozda Geschäftsführer an der Burg; er ist in gewisser Weise in die unklare Vergangenheit des Hauses selbst verstrickt. Sie werden es also mit der Lava von früher auf die eine oder andere Weise noch länger zu tun haben.

Kušej: Da haben Sie recht. Ich kann nur so viel sagen: Ich führe hier eine totale Transparenz in allen Entscheidungen ein; ich leite das Haus nicht allein, um mich ist ein Team, das in einer flachen Hierarchie mit mir arbeitet. Wir beschäftigen uns mit dieser Lava schon, versuchen aber, mit Blick nach vorn, die alten Fehler nicht mehr zu machen.

ZEIT: Sie haben die letzten acht Jahre das Residenztheater in München geleitet. Was ist der große Unterschied zwischen Bayern und Österreich?

Kušej: Auf eine gewisse Art ist Bayern sehr österreichisch. Diese bayerische Spezikultur ist in ihrer Korruptheit ein wenig wienerisch. Aber interessanterweise gibt es in Bayern auch einen Hang zum Preußischen, zum Genauen und Bürokratischen, der einen manchmal zur Verzweiflung treibt. Ich habe insgesamt 26 Jahre in Deutschland gelebt – die Rückkehr nach Österreich fällt mir schwer. Ich habe tatsächlich vergessen und verdrängt, wie intrigant Österreich sein kann, und so laufe ich wahrscheinlich naiv erst einmal in alle Messer, die man mir in den Rücken stoßen will, frontal rein. Ich will es noch nicht wahrhaben, weil ich in Deutschland – und da schließe ich Bayern mit ein – eine offene, klare Kultur der Verständigung, von mir aus auch des Konflikts, erlebt habe. Das ist hier definitiv nicht so, und es herrscht diesbezüglich eine auffällige Sprachlosigkeit. Die pointierte, verschnörkelte österreichische Sprache ist der Intrige vorbehalten und damit einer gebildeten Schicht. Bei offener Meinungsverschiedenheit wird die Sprache dann rasch simpel oder schwarz-weiß – in letzter Zeit auch tendenziell gewalttätig. Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen werde.

ZEIT: Im Interview mit dem Standard bezeichneten Sie das Gerücht und die Denunziation als "Wiener Form der Kommunikation". So spricht ein Außenstehender über etwas, in das er hineingestoßen wird.

Kušej: Ich werde auch von den österreichischen Hate-Mail-Schreibern als Piefke bezeichnet. Was ich lustig finde. Aber auf eine gewisse Art fühle ich mich auch so. Effizient, klar, offen, direkt – damit haben viele Leute in Wien Probleme –, und das sind dann "Piefke-Attribute".

ZEIT: Was steckt hinter der österreichischen Intrigenkultur? Welche Grundangst?

Kušej: Genau kann ich es nicht sagen. Aber mir fällt auf, dass es im Land ein Gefälle gibt: Im Osten, also etwa in Wien, ist diese Kultur viel stärker verankert als beispielsweise in Tirol oder Vorarlberg. Als Professor an der Universität war ich sehr überrascht, dass man relativ rasch gegen mich gearbeitet hat. Es reicht aus, zu sagen: "Ich hätte da vielleicht eine bessere Idee", dann wird das schon als Attacke interpretiert. Dann lächeln dich die Leute an und arbeiten hinter deinem Rücken gegen dich. Mich hat das sehr irritiert.

ZEIT: Was haben Sie für ein Menschenbild? In einer Kritik zu einer Ihrer Inszenierungen stand in dieser Zeitung mal: "Kušej mag den Tod fürchten, noch mehr aber fürchtet er die Möglichkeit, die Menschen könnten ewig leben. Er lacht, so könnte man sagen, mit dem Tod." Ist da was dran?

Kušej: Tod ist sicher ein wichtiges Thema, ja. Ich habe kürzlich in meiner Antrittsrede hier am Burgtheater einen Bogen geschlagen zu den vielen Kollegen im Ensemble, die jetzt verstorben sind, Bruno Thost, Peter Matić, Johann Adam Oest, vorher schon Gert Voss und Ignaz Kirchner. Für mich ist das auch deshalb schlimm, weil ich mich auf die Arbeit mit ihnen gefreut habe. Aber das Theater ist tatsächlich eine Kunstform, die die Toten zum Leben erwecken und wieder auf die Bühne stellen kann – als Figuren, als Autoren. Insofern ist mein Verhältnis zum Tod, dass ich nach vorn schaue und dabei die Toten mitnehme. Das kann auch lachend geschehen.

ZEIT: Ich hatte den Eindruck, dass es in Ihren Inszenierungen immer einen Moment gibt, wo Sie einen Bilanzblick auf die Welt richten. Und das große Ganze extrem skeptisch darstellen.

Kušej: Ja, es geht immer ums Ganze. Jetzt wollen Sie wissen, woher das kommt.

ZEIT: Genau.

Kušej: Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich Teil einer sprachlichen Minderheit bin; daraus speist sich meine künstlerische Identität. Ich bin Kärntner Slowene. Ich habe sehr früh bemerkt, dass ich um meine Identität kämpfen muss. Ein kleiner unbedeutender regionaler Konflikt hat mich befähigt, zu verstehen, was Verfolgung, was Außenseitertum, was Angst, was Heimat und was Flucht heißt. Dieses kleine eigene Problem gab mir die Möglichkeit, große Zusammenhänge zu verstehen. Von da könnte das kommen.

"Jahrelang hatten wir kein Geld"

ZEIT: Welche Rolle spielt in Ihrer Arbeit die Angst? Sie wirken auf mich nicht angstgetrieben, und Ihre Arbeit ist eher konvex als konkav, eher nach draußen drängend als nach drinnen sich krümmend. War Ihre Haltung nicht immer: Ich werde es denen zeigen?

Kušej: Natürlich habe ich auch Angst, unterwerfe mich aber nicht, sondern ich bekämpfe sie. Dadurch kann sie überwunden werden. Ich musste früh Verantwortung übernehmen. Als großer Bruder von fünf Geschwistern prägt einen das. Und ja: "Ich zeig’s euch allen!" spielt als Motivation schon auch eine Rolle. Du kommst aus einem Dorf irgendwo in der Pampa und spürst plötzlich einen einzigen Willen in dir: "Ich will hier raus!"

ZEIT: Ihre Familie ist eine Bauernfamilie?

Kušej: Alle meine Vorfahren sind Bauern. Meine Eltern gehörten zur ersten Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus einer gewissen Art von Steinzeit herausgestiegen ist, studieren und sich für andere, neue Lebensformen entscheiden konnte. Vorher haben die Leute aus meiner Gegend über Hunderte Jahre auf dieselbe Weise ihre Felder bestellt, ihre Pferde vor die Wagen gespannt und sonntags getrennt nach Männern und Frauen die Kirche besucht. Ich war kürzlich auf dem Bauernhof, auf dem ich als kleines Kind aufgewachsen bin. Der Stall, in dem ich als Vierjähriger gespielt habe, sieht exakt so aus, wie er vor 200 Jahren schon ausgesehen hat.

ZEIT: Ihr Vater war Lehrer?

Kušej: Ja, und er hat nebenher das Familienhaus gebaut. Jahrelang hatten wir kein Geld, jeden Tag war er auf der Baustelle, hat sich früh den Rücken kaputt gerackert. Es war ein typisches Siebzigerjahre-Schicksal. Von daher kam das: nichts wie weg. Ich will das hinter mir lassen. Immer mit dem Bewusstsein, dass diese Herkunft auch gut war. Ich verurteile nichts. Ich habe viel Kraft bekommen durch diese Geschichte.

ZEIT: Mir scheint, das Bestialische, das viele Theaterfiguren bei Ihnen haben, ist umso stärker, je besser die angezogen sind. Je höher die Schicht, desto schlimmer der Mensch. Könnte das mit einem Aufstiegsmisstrauen zusammenhängen? Als wollten Sie sagen: Da, wohin ich aufgestiegen bin, sind die Leute falscher als meine eigenen?

Kušej: Eine interessante These; über die muss ich nachdenken. Auf jeden Fall will ich immer hinterfragen, was der Schein bedeutet und was er verbirgt. Das hat mit Horváth zu tun. Seine Sprache, seine Sicht auf die Welt spricht mir zutiefst aus der Seele.

ZEIT: Sie haben in einem Interview beschrieben, wie Sie in einem literarischen Seminar über Jean Amérys Buch Hand an sich legen – Versuch über den Freitod plötzlich einen Revolver auf den Tisch legten. Dann forderten Sie Ihre Kommilitonen auf, sich den mal an die Stirn zu halten. Zwei Fragen: Warum taten Sie das? Und woher hatten Sie den Revolver?

Kušej: Den Revolver hat mein Vater mal vor seiner Schule im Boden vergraben gefunden. Der war vom Krieg übrig; ich habe ihn geputzt und mit ins Seminar genommen. Der Professor ist völlig ausgerastet.

ZEIT: War der Revolver geladen?

Kušej: Klar. Da war eine Kugel drin. Ich wollte die Situation herstellen, von der die Rede war. Im Grunde aufzeigen, dass die Hand schon zittert, bevor sie die Pistole ergreift. Welche Überwindung dieser Schritt mit sich bringt. Mit dem Selbstmord bin ich sehr früh im Leben konfrontiert worden. Ein Schulkollege hatte sich umgebracht. Dieses Erlebnis, dass er sich erst erhängen wollte, um sich schließlich in den Kopf, ins Auge zu schießen, hat mich total überfordert und nachhaltig beeinflusst. Wir wollten den Sarg aufbrechen, um zu sehen, wie er aussieht, denn wir haben uns schuldig gefühlt.

ZEIT: Wir? Die Schulkameraden?

Kušej: Ja.

"Ich bin ein schlechter Erinnerer"

ZEIT: Und haben Sie den Sarg aufgebrochen?

Kušej: Ja.

ZEIT: Sie wollten den Toten unbedingt sehen?

Kušej: Jaaa. So kann man sagen.

ZEIT: Und eigentlich auch zeigen ...

Kušej: Ja.

ZEIT: War das eine entscheidende Situation in Ihrem Leben?

Kušej: Ganz sicher. Später sollte mich der Suizid jahrelang beschäftigen. Als poetischer Topos. Aber auch auffallend oft als Ereignis im Bekanntenkreis.

ZEIT: Depression war nie Ihr Problem?

Kušej: Klares Nein.

ZEIT: Jetzt sind Sie Direktor des größten Theaters der Welt. Kennen Sie Machtscham? Dass Sie sich denken: Verdammt noch mal, das steht mir nicht zu, dass ich hier über Hunderten von Leuten schwebe?

Kušej: Macht an sich ist kein Zustand, den ich erstrebe; sie gibt mir nur die Möglichkeit, meine Produktionsbedingungen so zu gestalten, wie ich es mir vorstelle. Ich glaube auch nicht, dass ich wirklich Macht habe. Dass ich mächtig wäre im Sinne der Herrschaften da drüben (er weist auf die nahe gelegene Hofburg, den Sitz des Präsidenten), das empfinde ich überhaupt nicht. Diese Form von Macht interessiert mich nicht.

ZEIT: Aber ist das nicht das Wesen der Macht? Dass Sie als der Chef sie nicht wahrnehmen – alle anderen um Sie herum aber doch? Martin Walser sagt: Macht ist, wenn ich als Untergebener die ganze Zeit an den Chef denke, auch am Wochenende, der Chef aber überhaupt nie an mich denkt.

Kušej: Natürlich spürt man es, wenn man die Verantwortung für 48 Millionen Euro Steuermittel hat. Oder für 540 Menschen, die hier arbeiten. Ich habe Erfahrung, ich habe Wissen, ich habe auch die Eier dafür, das zu tun. Also mache ich es. In solchen Zusammenhängen muss es eine Autorität geben, die akzeptiert wird und den Laden führt. Man kann trotz dieser Position keine einsamen Entscheidungen treffen. Das geht nicht.

ZEIT: Der Schauspieler Tobias Moretti hat über Sie gesagt: Er führt einen an den Abgrund, springt dann aber mit. Welche ist Ihre Methode des Springens?

Kušej: Jetzt bin ich schon ein bisschen älter, darunter leidet meine Sprunghöhe. Aber ich habe früher sehr oft versucht, selber zu machen, was ich von meinen Schauspielern verlange. Rein körperlich, aber auch in ganz lächerlichen Versuchen, selber zu spielen. Ich habe versucht, vor den tollen Spielern, mit denen ich zu tun habe, von Figur zu Figur zu springen. Um selbst zu verstehen, was da szenisch abgeht. Der Schauspieler Jan Schütte hat zu mir gesagt: Martin, du spielst so beschissen vor, aber ich weiß genau, was du meinst.

ZEIT: Sie sagen von sich selbst, Sie blicken im Leben nie zurück. Ist das gut oder auch ein Problem?

Kušej: Das ist gut, das habe ich für mich so herausgefunden. Deshalb ist auch das Theater für mich das Richtige. Wenn es passiert, ist es auch schon vorbei. Ich bin ein schlechter Erinnerer. Ich bin eher nach vorn getrieben.

ZEIT: Keine Rückblicke heißt auch: kein Werk, kein künstlerischer Nachlass?

Kušej: Wenig.

"Stopp, das kommt überhaupt nicht infrage"

Martin Kušej: leben für den Theatermoment © Stefan Fürtbauer für DIE ZEIT

ZEIT: Nachruhm in Elias Canettis Sinn interessiert Sie nicht?

Kušej: Ich hätt’s gern, aber ich glaube nicht dran. Was mein Leben ausmacht, sind die Momente, in denen ich in etwas eintauche, meistens sind das Theatermomente. Diese Momente, die erhöhen mich. Da spüre ich einen Spirit, der mich weitertreibt. Und ich kann das immer selber neu erzeugen, wie großartig! Es sind ja auch kollektive kreative Prozesse, weil ich es mit Schauspielern zusammen mache. Sehr gerne würde ich wie Anselm Kiefer sagen können: Das hängt jetzt alles im Museum, das kann alles besichtigt werden, was ich getan habe. Aber dazu ist es zu flüchtig. Ich habe hinten Weiß.

ZEIT: Hinten Weiß heißt: Hinter Ihnen türmt sich keine schwere Vergangenheit, kein dunkles Lager oder Archiv?

Kušej: Exakt.

ZEIT: Wie haben Sie die österreichische Erinnerungskultur erlebt, was die Zeit des Nationalsozialismus betrifft?

Kušej: Ich habe die österreichische Erinnerungskultur in aller Drastik noch einmal im Jahr 1986, während der Waldheim-Affäre, erlebt. Zuvor hat man relativ wenig darüber geredet. Meine Familie ist diesbezüglich hochinteressant. Der eine Teil meiner Familie hat sich in der Nazi-Zeit für das Deutschtum entschieden und ist seitdem konsequent dabei geblieben, insofern als sie heute FPÖ wählen. Der andere Teil, väterlicherseits, war gewitzter, die haben die Nazis links und rechts ausgetrickst, indem sie ihre Tiere versteckt haben und dann auch Partisanen wurden. Was die große Geschichtsschreibung betrifft: Ich war lang und sehr früh in Deutschland und habe schon gesehen, dass dort – trotz allem – ein völlig anderer Geist herrscht, was die Aufarbeitung dieser Zeit betrifft. Das war in Österreich so nicht denkbar.

ZEIT: Jetzt sind Sie in Wien der vielleicht wichtigste Kulturrepräsentant Ihres Landes. In wenigen Wochen sind hier Neuwahlen. Sie werden es vermutlich mit einer rechten, populistischen Regierung zu tun haben. Wie sehen Sie Ihre Rolle? Mir kommt immer der Schauspieler Josef Bierbichler in den Sinn, der einst in München von der Bühne herunter die bayerische Regierung direkt angriff. Wie weit könnte Opposition bei Ihnen gehen?

Kušej: Ich habe überhaupt keine Skrupel, mich gegen Tendenzen in der FPÖ oder der AfD laut und eindeutig zu äußern. Das kommt mir sehr leicht von der Lippe, weil ich an diesen Widerstand glaube. Ich habe allerdings die Befürchtung, dass man hier richtig eins auf die Rübe kriegt. Dass man also konkret körperlich attackiert werden könnte. Ich bemerke ein deutliches Sinken der Schwelle von Gewaltbereitschaft, zur Skrupel- und Respektlosigkeit, zur Diktatur der Meinung des "Volkes". Ich erlebe das gerade bei der Kunstauktion "For Forest" in Klagenfurt; da versetzt der Schweizer Kunstvermittler Klaus Littmann einen echten Wald in ein Fußballstadion. Es ist unfassbar, wie dieser Mann von einer Clique aus rechten Idioten und aufgebrachten Provinzlern attackiert wird. Wie ich schon sagte: Man kann verschiedener Meinung sein – in Kärnten wird’s dann aber rasch die "Judensau", oder man greift zur Kettensäge.

ZEIT: Und warum?

Kušej: Rechte Parteien und Menschen, oder sagen wir ruhig Nazis, reagieren tatsächlich wie von der Tarantel gestochen, wenn etwas nicht so ist, wie sie’s gewohnt sind – wenn also zum Beispiel in einem Stadion ein Wald steht. Das geht gar nicht. Oder wenn ein Autobus auf dem Kopf steht wie in Dresden. Wenn man denen die Welt ein bisschen verrückt, drehen die total durch. Ich sag das jetzt sehr plakativ, aber ich glaube, das ist so.

ZEIT: Sie glauben, es geht bis zur Gewalt?

Kušej: Ja, ich glaube, da besteht Gefahr, dass man verprügelt wird. Ich bin entsetzt darüber. Wenn man die Gewaltbereitschaft spürt, die aus den Blogs und sozialen Medien herausquillt, dann fürchte ich, dass die wirklich ernst machen. Und dass man in einer Situation ist wie früher, kurz vor der Machtergreifung. Das hätte ich vor zehn Jahren nicht gedacht, dass ich jemals über so etwas nachdenken würde. Das tut verdammt weh, dass das überhaupt im Bereich des Möglichen ist.

ZEIT: In Ostdeutschland werden bisweilen Theaterschauspieler bedroht.

Kušej: Ich weiß. Ich würde meine Position, meine Haltung vehement vertreten, aber ich habe keine Lust, zum Märtyrer zu werden. Was mich fast noch ein bisschen mehr verunsichert und irritiert ist, dass einem wahrscheinlich niemand helfen würde.

ZEIT: Glauben Sie?

Kušej: Ja. Das glaube ich. Wenn jemand in der U-Bahn von Skinheads attackiert wird, schauen alle weg. Oder wenn du jemandem hilfst und dafür verprügelt wirst – alle schauen weg. Das ist eigentlich das Schlimmste. Denn wir wären ja eigentlich die Mehrheit. Wir wären eigentlich alle viel stärker. Man müsste sich viel mehr aus der Bequemlichkeit und dieser Egalhaltung herausbewegen und sagen: Stopp, das kommt überhaupt nicht infrage.

ZEIT: Das klingt ja, als sei man über die Anfänge, derer man wehren soll, schon hinaus ...

Kušej: Ich fürchte ja. Aber man wird später nicht sagen können: Das haben wir nicht gewusst! Es ist da, wir erleben es, ganz deutlich wissen wir, was kommen wird – und wir unternehmen nichts.

"Unsicherheit gehört für mich zum genetischen Code"

ZEIT: Sie sagten einmal, Sie haben 30 Jahre gebraucht, um sich in gewissen Momenten und Szenen des Theaters aufgehoben zu fühlen. Nun kann es aber paradoxerweise so sein, dass genau diese Theatermomente, in denen Sie sich aufgehoben fühlen, dazu führen, dass Sie auf der Straße nicht mehr aufgehoben sind – weil man Sie für diese Theaterarbeit eventuell hasst?

Kušej: Ja ... ich will mich nicht zu sehr versteigen. Aber ich glaube, dass man sich gegen diese Menschen schlussendlich intellektuell nicht wehren kann. Rein künstlerisch geht es nicht. Wenn der Rechtsstaat versagt, geht es irgendwann um die Frage: Hast du einen Knüppel in der Hand, oder hat er einen Knüppel in der Hand?

ZEIT: Man steht in der Öffentlichkeit als ein exponierter und verhasster Mensch, und dann muss man vielleicht einen Ort finden, wo einen keiner findet? Den Impuls gibt es?

Kušej: Ja, Unsicherheit gehört für mich zum genetischen Code.

ZEIT: Wohin würden Sie gehen, wenn Sie vertrieben werden würden?

Kušej: Ja, keine Ahnung. Wohin geht man dann? ... Nach Uganda. Ich habe am Victoriasee ein nettes Hotel entdeckt. Als ich dort war, dachte ich: Da findet mich keiner.

ZEIT: Um auf etwas Lustigeres zu sprechen zu kommen: das Ibiza-Video mit Herrn Strache und Herrn Gudenus. Geht Ihnen das als Material im Kopf herum? Stellen Sie sich die Frage: Was hätte Nestroy aus diesem Stoff gemacht? Oder Karl Kraus?

Kušej: In der Fernsehsendung Willkommen Österreichwar eine schöne Parodie der Szene. Aber es ist entsetzlich, wie strategisch genial die FPÖ die Sache umgedreht und sich als Opfer einer Intrige stilisiert hat. Und entsetzlich ist auch, dass das Land komplett zur Tagesordnung übergeht und der Skandal niemanden kratzt – das ist schon sehr österreichisch.

ZEIT: Gibt es denn eine intellektuelle Opposition hier?

Kušej: Natürlich gibt es Leute, die was sagen: unter anderen André Heller, Michael Köhlmeier, Robert Menasse, Franz Schuh. Aber dafür, dass es so viele Künstler hier gibt, ist die Opposition viel zu leise. Man muss konstant dagegenhalten – bis sie einem die Fresse einschlagen, und dann kann man eh nichts mehr sagen.

ZEIT: Sind Ihnen wirklich furchtlose Menschen begegnet?

Kušej: Wir sind deswegen furchtlos, weil wir Gott sei Dank immer noch in demokratischen Umständen leben und weil wir uns drauf verlassen können, dass im Falle von Gewalt ein Staat uns schützt. Umso alarmierter sollte man sein, wenn diese rechte Regierung versucht, den Rechtsstaat auszuhöhlen. Das müsste doch alle hier total auf die Barrikaden treiben.

ZEIT: Wie geht die berühmte Krone mit Ihnen um?

Kušej: Erwartbar. Herr Jeannée (Kolumnist der Krone, Anm. d. Red.) hat sich bemüßigt gefühlt, aus seiner rechten Ecke zu schießen. Er hat mich beschimpft, weil ich mich mal in die Sitzreihen des Burgtheaters gefläzt hatte. Ich würde hier nicht herpassen. Ich habe einer Probe zugeschaut und hatte Bandscheibenprobleme und setzte mich so bequem wie möglich hin. Das wurde fotografiert. Ich wusste, dass da was kommen würde, wenn dieses Foto veröffentlicht wird. Es ist so schön, wenn die Reflexe einsetzen, die man erwartet hat ...

ZEIT: Sie gehen hier auch ins Land mit einer Vorfreude, gewisse Reflexe auszulösen? Um zu sehen: Wie sehr kann man den Spiegelfechter reizen?

Kušej: Ja klar. Man muss damit schon spielerisch umgehen.

ZEIT: Bis zu dem Moment, wo der andere den Spiegel durchstößt mit seinem Säbel?

Kušej: Das kann sein, ja. Aber er wird mich nicht überraschen!