"So tief, so inhaltsleer, so schmutzig war der Kampf um eine Nationalratswahl noch nie." An diesem Satz, der seit Wochen aus allen medialen Ecken Österreichs an die Öffentlichkeit dringt, stimmen nur die Worte "noch nie".

Tief? Sind die Auseinandersetzungen der Neunzigerjahre mit Jörg Haider als Rambo der politischen Szene schon vergessen? Inhaltsleer? Die Wahlkämpfe unter dem Slogan "Kreisky – wer sonst?" im Jahr 1979 oder unter Wolfgang Schüssels Kampagnenmotto "Wer, wenn nicht er?" Jahrzehnte später waren auch nicht mit Sachthemen überfrachtet. Schmutzig? Wahlkämpfe wurden auch in den Fünfziger- und Sechzigerjahren nicht im Mädchenpensionat oder modern ausgedrückt: auf dem Ponyhof ausgetragen.

Nicht einmal der Ad-hoc-Charakter der Wahl 2019 gibt ein Alleinstellungsmerkmal her. Von den 14 politischen Wettbewerben um Wählerstimmen seit 1975 wurden sechs durch den Bruch der jeweiligen Koalitionsregierung ausgelöst. Fünfmal – 1995, 2002, 2008, 2017, 2019 – hat die ÖVP vorzeitig die Lust auf weitere Zusammenarbeit verloren, einmal anno 1986 die SPÖ als Partner der FPÖ.

Was also war wirklich "noch nie" da? Niemals zuvor ist eine Regierung so schnell gescheitert wie jene, welche die Volkspartei von Sebastian Kurz mit den Freiheitlichen von Heinz-Christian Strache 2017 bildete. Selbst die Wenderegierung von 2000 hat fast drei Jahre gehalten; die rot-schwarze Koalition von 2006 genau zwei Jahre.

Noch nie war auch der Öffentlichkeit Bildmaterial von Politikern, die zu den höchsten Ämtern im Staat aufsteigen sollten, vorgelegt worden, die ihre Willigkeit beweisen, sich auf Korruption und Machtmissbrauch einzulassen. Vor allem war noch nie ein solches Anschauungsmaterial für Dummheit öffentlich geworden wie das Strache-Video aus Ibiza. Der spätere Vizekanzler der Republik vermeinte tatsächlich, die größte Tageszeitung des Landes, die Kronen Zeitung, innerhalb weniger Monate per Kauf unter seinen Einfluss zu bekommen. Einen solchen Offenbarungseid für mangelnde Intelligenz hat es tatsächlich noch nie gegeben.

Die Klage über die inhaltsleere Wahlauseinandersetzung blendet hingegen die Realität der vergangenen Monate völlig aus. Abgesehen davon, dass vor allem von den drei größeren Parteien, Christdemokraten, Sozialdemokraten und Freiheitlichen, eigentlich alles schon im Wahlkampf 2017 gesagt worden ist, haben die ehemaligen Koalitionspartner gar kein Interesse an politischen Inhalten. Das Wahlprogramm der ÖVP heißt logischerweise Sebastian Kurz – und sonst nichts. Hätte er ein Koalitionsteam für die nächste Regierung bereit, könnte Kurz eine Anleihe bei Bruno Kreiskys Slogan der Siebzigerjahre nehmen: "Lasst Kreisky und sein Team arbeiten". Da drängt sich ein weiteres "noch nie" auf: Denn niemals zuvor haben zwei Parteien denselben Slogan ("Einer, der unsere Sprache spricht") verwendet. Ob die ÖVP das Copyright der FPÖ aus Fantasielosigkeit, mangelndem politischem Handwerk oder nach einer Absprache mit der FPÖ missachtet hat, wird sich wohl nie klären lassen.

Auch die FPÖ kann sich Inhalte ersparen, nachdem es ihr in den vergangenen Monaten erfolgreich gelungen ist, den Anlassfall des Koalitionsbruchs, das Video mit Strache und FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus, aus dem Kurzzeitgedächtnis ihrer Anhängerschaft zu verdrängen. Sie will die Zusammenarbeit mit der ÖVP fortsetzen und sonst nichts.

Auch die Grünen mit Werner Kogler hatten noch nie das Glück der simplen Wahlkampflinie. Sie wollen zurück in den Nationalrat. Mehr ist nicht nötig, um die Stimmen all jener zu gewinnen, die seit zwei Jahren das schlechte Gewissen plagt, vor zwei Jahren schuld am Ende der Parlamentskarriere der Ökopartei gewesen zu sein. Deshalb lässt Kogler auch flächendeckend plakatieren, was Österreich "braucht". Apropos "noch nie": In der Erinnerung an 14 Wahlkampagnen taucht keine auf, in der einer der wahlwerbenden Parteien ein Thema so unverdient in den Schoß gefallen ist wie den Grünen ihr Klimathema – auch durch die weltweite Aufmerksamkeit für die Bewegung "Fridays for Future". Sollte es den Grünen nicht gelingen, beide Glücksfälle (die unerwartete rasche zweite Chance plus die Hitze diese Sommers) am Abend des 29. September in ein entsprechendes Glücksgefühl zu verwandeln, wird man schreiben können: Noch nie hat eine Partei eine Chance so vermasselt.