Noch ist es nicht ausgelaufen, noch wurde keine einzige Menschenseele gerettet. Bis es so weit ist, dürften noch Monate verstreichen. Und doch lässt allein die Ankündigung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), ein eigenes Schiff ins Mittelmeer zu entsenden, um Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten, in diesen Tagen Gläubige wie Ungläubige begeistert ausrufen: "Endlich tut die Kirche etwas!"

Gemeinsam mit anderen Organisationen will die EKD einen Verein gründen, der ein eigenes Schiff kauft, umbaut und betreibt. Das hat der Rat in seiner letzten Sitzung beschlossen. Zahlreiche Institutionen und Organisationen, auch Kirchengemeinden und Sportvereine wollen sich beteiligen. Die Idee, ein eigenes Schiff ins Mittelmeer zu entsenden, wird innerhalb der evangelischen Kirche seit dem Kirchentag im Juni in Dortmund diskutiert. Eine Resolution der Laienbewegung hatte die EKD aufgefordert, mit einer eigenen Rettungsmission ein Zeichen zu setzen. Bedford-Strohm rechnet mit einem hohen sechsstelligen bis niedrigen siebenstelligen Betrag für die Aktion.

Keine Metapher des Christentums ist so populär wie das Schiff, das die Menschheit aus den Fluten rettet. Die Bibel ist voll davon: Kaum ein Kind, das nicht schon die Arche Noah und den Regenbogen oben drüber gemalt hat. Jona, der über Bord geht, vom Wal verschluckt und an Land gespuckt wird, auf dass er Ninive zur Umkehr ruft. Petrus, der aus dem Boot steigt, Jesus auf dem Wasser entgegen- und dann fast untergeht. Und auch in den Gesangbüchern ist das Boot voll: "Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein höchsten Bord" et cetera. Was für ein Symbol!

Oder wie es Sven Giegold ausdrückt, der die Kirchentagsresolution initiiert hat, auf deren Grundlage sich der Rat nun für den Einstieg in die Seenotrettung ausgesprochen hat: "ein Zeichen tätiger Nächstenliebe". Alle Versuche auf politischer Ebene, das Sterben im Mittelmeer zu beenden, seien bisher gescheitert, so der Europaabgeordnete im Gespräch mit Christ&Welt. Zugleich warnt er davor, eine politische Lösung vorgeben zu wollen. Das sei Sache der Parlamente und der demokratischen Zivilgesellschaft. "Kirche muss deshalb unterscheiden zwischen tätiger Nächstenliebe und politischem Handeln." Jetzt sei aber erst einmal praktische Hilfe gefragt. "Gut, wenn sich die Kirche da nicht raushält."

Bisher galt überbordende Symbolik in protestantischen Kreisen eher als verdächtig (vom Verzicht auf Schnittblumen in strengen reformierten Gemeinden bis zur Effekthascherei in manch evangelikaler Megachurch ist natürlich auch hier jede Abstufung gegeben). Die evangelische Christenheit beharrt auf der Kraft der Wörter. Sola scriptura, die Schrift allein. Evangelische Verkündigung ist trocken, sie adressiert den Verstand. Für Rauch und Zauber sind die anderen zuständig.

Und so betonte auch der EKD-Ratsvorsitzende, Heinrich Bedford-Strohm, in der Bundespressekonferenz am vergangenen Donnerstag erwartungsgemäß, dass es sich bei diesem Schiff nicht um bloße Symbolpolitik handle. "Es werden wirklich Menschen gerettet!" Auch sicherte er das Vorhaben gleich in die andere Richtung ab: Menschen vor dem Ertrinken zu retten sei kein politischer, sondern ein diakonischer Akt.

Überhaupt scheint der Ratsvorsitzende verändert. Heinrich Bedford-Strohm klingt, wenn er auf das Schiff zu sprechen kommt, so ganz anders als bisher, so entschieden und leidenschaftlich, vielleicht sogar fast ein bisschen radikalisiert. (Wer sich selbst ein Bild davon machen will, findet auf seiner Facebook-Seite ein Video, das er während des Kirchentages aufgenommen hat.) Gegenargumente bootet er mit ungewohnter Schärfe aus. Dem Theologen Richard Schröder etwa, ohne ihn namentlich zu nennen, wirft er entgegen: "Verantwortung und Barmherzigkeit lassen sich nicht trennen." Schröder hatte in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung gesagt: "Die Barmherzigkeit nimmt einseitig für Menschen in Not Stellung, das stimmt. Aber es gibt auch die Gerechtigkeit, und die kann nicht einfach dem Herzen folgen, sondern muss nach Regeln fragen. Die Kirche kann barmherzig sein, der Staat darf das nicht."