Die Bobbycars, die Benni in einer der ersten Szenen des Films Systemsprenger (ZEIT Wissen Nr. 38/19) um sich wirft, sind nicht irgendein Spielzeug. Sie rumpeln, schleifen und rutschen millionenfach durch Vorgärten und Höfe: Symbole von gelungener Kindheit und das Versprechen auf eine erfolgreiche Integration in die Warenwelt. Weiß Benni, was sie tut, als sie so ein Ding gegen die angeblich unzerstörbare Scheibe donnert?

Bennis Aussichten sind finster. Die Neunjährige ist mit leichtem Gepäck und schwerem emotionalem Ballast – einem Gewalttrauma – unterwegs durch Pflegefamilien, Wohngruppen, Einrichtungen. Von der Sonderschule wurde sie suspendiert, und immer wieder landet sie in der Psychiatrie, wo man sie ruhigstellt – Bennis Wut ist unkontrollierbar. Sie möchte zurück zur Mutter, aber die hat keinen Job, noch zwei kleinere Kinder und einen cholerischen Partner. Einmal sagt sie, dass sie sich vor ihrer Ältesten fürchte.

Nora Fingscheidt hat intensiv recherchiert für ihren Debütfilm, der auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewann und als deutscher Bewerber für den Oscar eingereicht wurde. Der Film zeigt Versuche, den schier unlösbaren Fall wegzuorganisieren – es gäbe ein "Intensiv-Auslandsprojekt" in Kenia –, aber auch Betreuer, die sich aufrichtig um das Mädchen bemühen: die fürsorgliche Frau vom Sozialen Dienst etwa (Gabriela Maria Schmeide) und einen stoischen Anti-Gewalt-Trainer (Albrecht Schuch), der Benni in einer Waldhütte einem mehrwöchigen Coaching unterzieht.

Es geht dem Film nicht so sehr um Analyse, sondern darum, extreme Gefühlszustände zu erzeugen – auch beim Zuschauer. Dies funktioniert auch, weil das nicht erziehbare Kind kein Junge ist, wie es die Statistik nahegelegt hätte, sondern ein zartes, in alle Rosatöne der Welt gekleidetes Mädchen. Emotionalisierend wirkt auch die Form. Systemsprenger ist konstruiert wie eine Serie von Minitragödien – eine Folge sich steigernder Konfliktsituationen, in denen Benni zu kooperieren sucht, dann wieder katastrophischen Ausbrüchen und Erschöpfungszuständen.

Es ist phänomenal, wie Helena Zengel, jetzt elf Jahre alt, diese Rolle spielt. Bodenlos traurig ist ihr leeres Gesicht, wenn sie unter Drogen auf Station liegt. Beängstigend ihr zuckender Körper, wenn sie einen Jungen krankenhausreif prügelt. Berührend ihre Unfähigkeit zur Berechnung. Es ist, als würde man in ein offenes Nervensystem schauen. Kein Wunder, dass die Kamera (Yunus Roy Imer) mitgerissen wird, wenn Benni in Raserei gerät. Dann düst und taumelt sie als rosaroter Fleck über die Leinwand, bis sich das Bild auflöst in farbgefilterte Erinnerungs- oder Fantasiefetzen und die Musik in das Geräusch mündet, das ein Trommelfell unter Druck erzeugt.

In diesem sinnlichen Verfahren, das den Zuschauer auf Augenhöhe mit dem so quälenden wie gequälten Kind bringt, liegt die Stärke des Films. Ein Hang zum Ungenauen, Kursorischen ist ihm allerdings eingebaut. Etwa bei der Darstellung der Mutter: Ihr Girlie-Look und ihr gehetztes Auftreten lassen sie auf den ersten Blick derart "dysfunktional" wirken, dass man nach den objektiven Härten, denen alleinerziehende Frauen ausgesetzt sind, nicht mehr recht fragt.

Immer wieder aber macht Fingscheidt deutlich, dass ein Kind, das nie Sicherheit erfahren hat, nicht von Erziehungsprofis aufgefangen werden kann, die ihm ständig Trennungen zumuten müssen. Und am Ende stellt der Film die Frage, ob wir es aushalten könnten, wenn Integration gar nicht möglich wäre – am "Härtefall" könnte sich erweisen, dass die Bedürfnisse des Einzelnen und die Organisation unseres Lebens schlechterdings nicht zusammenkommen. Der "Vergletscherung" der gesellschaftlichen Beziehungen, von der so viele deutsche Autorenfilme der letzten zehn, zwanzig Jahre erzählten, setzt Fingscheidts Systemsprengerin eine Strategie der Überhitzung entgegen. Weg mit dem Sicherheitsglas, volles Risiko.