Am 25. September 1992 erscheint in der Frankfurter Rundschau ein Text von Heiner Müller, der auch nach siebenundzwanzig Jahren so gegenwärtig, so hellsichtig wirkt, als wäre er gestern geschrieben worden. Die fremdenfeindlichen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen liegen keinen Monat zurück, und Müller ahnt bereits, dass schon bald ein neuer Krieg in Europa heraufziehen wird, ein Kampf der Armen gegen die Ärmsten, ein "Krieg um Schwimmwesten und Plätze in den Rettungsbooten, von denen niemand weiß, wo sie noch landen können, außer an kannibalischen Küsten".

An diesen Gestaden, dieser "Küste der Barbaren", wie der Titel des Textes von Müller lautet, ist man also angekommen, nach über dreieinhalb hoch konzentrierten Stunden, in denen der Filmemacher Thomas Heise anhand von Briefen, Tagebuchaufzeichnungen, Notizen und einer Fülle weiteren Archivmaterials – bis auf ein paar Fotografien und Listen alles privat – in Heimat ist ein Raum aus Zeit auf monumentale, zugleich aber auch sehr subtile Weise die Geschichte einer Familie nacherzählt. Seiner Familie. Es ist das Schicksal von vier Generationen, das sich über beinahe hundert Jahre, zwei Weltkriege, entstehende und zusammenbrechende Systeme von Wien über Dresden und Mainz bis nach (Ost-)Berlin erstreckt. Mit jedem Bild, Schulaufsatz, Briefwechsel rückt Heise, der alle Texte selbst vorliest, mit ruhiger Stimme, aus dem Off, dem unauflösbaren Rest näher, der dabei unvermeidlicherweise bleibt.

Was so entsteht, ist ein Nachdenken über die Zeit, bei dem sich Orte und Landschaften überlagern. Heise arbeitet mit Schauplätzen, die mit dem Text assoziativ verbunden werden: eine Straßenbahnfahrt durch das heutige Wien, verfallene Baracken, ehemalige NVA-Kasernen, Reihenhäuser in Mainz. Dazwischen Erdverwerfungen, Risse im Asphalt, Klafterhaufen und immer wieder Bahnhöfe, Züge, Gleise. Überall hat die Zeit ihre Zeichen hinterlassen, Wunden geschlagen, Narben gebildet. Heimat ist ein Raum aus Zeit ist eine vielstimmige Collage, in der sich das Drama wie von selbst entfaltet.

Die Großmutter, Edith Heise, ist Bildhauerin und stammt aus einer weitverzweigten österreichisch-jüdischen Familie. Der Großvater, Wilhelm Heise, ist Studienassessor und seit 1919 Mitglied der Kommunistischen Partei. Man ist erstaunt, ja, traurig beglückt über die Schönheit so vieler Briefe. Liebesbriefe, die Wilhelm und Edith sich anfangs noch zwischen Wien und Berlin hin- und herschicken, während draußen, in der jungen Weimarer Republik, die Inflation wütet, die Preise für Brot, eine Straßenbahnfahrt, ein Reclam-Heft ins Unermessliche steigen. Es sind die Vorboten.

Nicht mehr lange, und Wilhelm und Edith, die 1924 in Berlin heiraten, müssen in den Briefen, die sie nun aus Wien erreichen, mitlesen, wie auch dort zuerst das jüdische Leben aus den Straßen verschwindet, dann die Züge Richtung Łódź und Riga rollen. Immer lakonischer werden die Briefe von Max Hirschhorn, Ediths Vater, der im Herbst 1941 schreibt, er müsse sich wohl das Rauchen abgewöhnen, da seit Kurzem kein Rauchmaterial mehr an Juden verkauft werde. Elsa, ihre Halbschwester, schreibt, zu etwas müsse das Ganze doch gut sein. Dann lässt Thomas Heise eine Liste abfilmen, auf der die Namen und Adressen der aus Wien Deportierten zu lesen sind, mehr als zwanzig Minuten. Zeile für Zeile. "Schau nicht hin, schau nicht her, schau nur gradeaus", beginnt Marika Rökk ihren reichsoffiziellen Durchhalteschlager zu trällern, als die Leinwand irgendwann leer wird und schwarz.

Nur ein einziges Mal wird der assoziative Gedanken- und Resonanzraum von einem historischen Originalton unterbrochen. Es ist die Stimme von Heiner Müller, der mit Wolfgang Heise, Thomas’ Vater, zusammen in dessen Berliner Wohnung sitzt, raucht, sich unterhält. Nachdem Wilhelm und Edith Heise sich nach dem Krieg für ein Leben in der DDR entschieden hatten, verblieben auch ihre beiden Söhne Wolfgang und Hans im sozialistischen Osten. Wolfgang Heise nahm ein Studium der Philosophie auf, brachte es im Laufe der Jahre zu einer Professur und wurde später sogar mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet. Als er sich jedoch 1976 mit Robert Havemann gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns stellt, muss er kurzerhand seinen Rektorenposten an der Humboldt-Universität zu Berlin räumen. Heiner Müller, der wie Biermann selbst und viele andere Ost-Intellektuelle zu seinen Schülern gehört, hielt Heise nach der Wiedervereinigung für den wahrscheinlich einzigen DDR-Philosophen, der es nicht verdient hat, in der "aktuellen Inszenierung des Vergessens" zu versinken.

Als Heise und Müller sich im November 1986 zum Gespräch treffen, ist der 31-jährige Thomas Heise mit dem Tonband dabei. Es geht um Brecht, um dessen unvollendetes Stück, den Untergang des Egoisten Johann Fatzer, das Müller 1978 selbst für die Bühne statt für eine Hörspielfassung bearbeitete. Der Ton der Aufnahme ist so klar und räumlich, dass man sogar hört, wie Müller den Zigarrenrauch ausbläst, wie suchend Seiten umgeblättert werden. Als Wolfgang Heise auf das letztlich noch hoffnungsvolle Fatzer-Zitat "Der Geschlagene entrinnt nicht / Der Weisheit" zu sprechen kommt, antwortet ihm Müller, man müsse heute wohl nur lange genug schlagen, dann komme der Geschlagene gar nicht mehr zum Denken. Es sind Szenen wie diese, in denen es Thomas Heise gelingt, die Ohnmachtsgeschichte des 20. Jahrhunderts zu verdichten. Es ist nicht viel geblieben von dem Trost, den Brecht den Geschlagenen geben wollte.

Dass, wer Geschichte verstehen will, sehr unterschiedliche Biografien lesen können muss, ist ja eine Erfahrung, die man selbst mit der eigenen Geschichte macht. Die Briefe, die Thomas Heise für seinen Film aus dem gewaltigen Steinbruch des Materials, dem über Jahre gewachsenen Archiv seiner Familie, geborgen hat, erzählen davon. Und dabei geht es nicht nur um Geschichten aus dem Osten. Sie erzählen auch von einem Westdeutschland, in dem Rosemarie Heise, Thomas’ Mutter, 1948 eine Affäre mit Udo aus Mainz beginnt. Der kann vor seiner Geliebten unschlagbar reaktionär vom Leder ziehen. Dass Demokratie Quatsch sei, die Frau dem Mann gehöre. Dass nur die Diktatur "gemein" sei.

Heiner Müller, der seinen Text über die unglücksvollen europäischen Gestade und hilflosen Asylgesetzdebatten der frühen Neunzigerjahre damals mit dem Untertitel "Glosse zum deutschen Augenblick" bezeichnete, sah voraus, dass in Europa bald neue Mauern gebaut würden. Keinem Immobilienhai, gleich welcher Nation, werde dabei ein Haar gekrümmt. Mit der Frage, wie man diese Lage seinem Kind erklärt, sei jeder allein, schreibt er. Erklärungen, jeglicher Art, bietet auch Thomas Heise nicht. Aber er zeigt, wie viel Kraft noch in der Ohnmacht steckt, in die man beim Blick auf die Geschichte geraten kann.