Ursina Tossi (Mitte) in ihrer neuen Produktion "Witches", die in Hamburg uraufgeführt wird © Philipp Weinrich/​Kampnagel

Beim Stichwort Hexe denken die meisten Menschen heute wohl eher an Bibi Blocksberg als an Hexenverbrennung. Und überhaupt, was hat uns diese Figur heute noch zu sagen? Viel, findet Ursina Tossi. Die 1973 in Heidelberg geborene Choreografin und Tänzerin ist keine der gehypten Stars der Szene. Das Branchenportal Tanznetz.de schrieb jüngst mit geradezu rührender Zurückhaltung, sie habe sich "zu einer der wichtigsten Tanzschaffenden zwischen Hamburg und Köln choreografierte". Man möchte ergänzen: und ist definitiv jemand, den es zu entdecken gilt. Während sich ihre letzte Arbeit Blue Moon mit der Figur der Werwölfin beschäftigte, geht es in Witches, das am 26. September auf Kampnagel in Hamburg uraufgeführt wird, um die Hexe. Erneut arbeitet Tossi mit Theorien der italienischen Wissenschaftlerin Silvia Federici, besonders aus deren Buch Caliban and the Witch, in dem die Hexenverfolgung mit dem Aufkommen des Kapitalismus in Verbindung gebracht wird.

Dass Kunstschaffende ihre Werke mit Theorie auffetten, ist nichts Neues. Bei Tossi ist es aber mehr als nur Modeerscheinung: Sie hat nicht nur Tanz und Choreografie, sondern auch Philosophie studiert. Was sie in der Figur der Hexe sieht: "Die Disziplinierung weiblicher Körper und Sexualität, die Konstruktion und Abwertung weiblicher Attribute und die Unterwerfungsstrategien patriarchaler Gewalt, die Federici auch als Voraussetzungen für die Entwicklung kapitalistischer Wirtschaftsweisen beschreibt."

Ambivalenz ist dabei ein wichtiges Stichwort. "Die Hexe kann nur in Widersprüchen existieren. Das bringt Probleme, wenn es darum geht, lineare Prozesse in Gang zu setzen, eine Agenda umzusetzen oder als politische Leitfigur zu funktionieren." Im Tanz und auf der Bühne jedoch öffnet genau das neue (Denk-)Räume und Perspektiven: "Mit unseren Körpern können wir Täter und Opfer in einem sein. Wir bewegen uns zwischen verschiedenen Körpern hin und her." Tossi untersucht körperliche Zustände, Emotionen, die sich in Bewegungen abbilden. In Witches bringt sie gemeinsam mit vier anderen Tänzerinnen all das, wofür Hexen einst angeklagt wurden, auf die Bühne: "Wir verkörpern diese Vorwürfe und finden für sie Situationen, Bewegungen, Stimmungen und Choreografien. Wir laden das Publikum zu uns auf die Bühne ein – und konfrontieren es an anderer Stelle, mit uns Phasen von Wut und Verletzlichkeit, aber auch das Gefühl von Gemeinschaft und Solidarität zu durchlaufen."

Diese politische Dimension ist wichtig für Tossis Arbeiten. Sie zeigt sich auch darin, wie sie das Verhältnis von Geist und Körper denkt, das ja gerne als widersprüchlich und problematisch verstanden wird. "Ich denke im Gegenteil, dass die Philosophie – ich spreche jetzt natürlich von der westlichen – sehr viel mit Körpern zu schaffen hat, ob sie nun körperfeindlich eingestellt ist oder nicht. Es ist zentral, die Körper wieder mit dem zu verbinden, über das wir nachdenken! Um bei den Hexen zu bleiben: Die Bereitschaft von Menschen, andere zu foltern, kann nur entstehen, wenn es eine Faszination für die eigene Tätigkeit und eine rigorose Distanz zum Lebendigen, dem Körper, gibt." In Witches entwickelt sie demgegenüber eine utopische Form von Gemeinschaft: "Gedanken werden sinnlich, wenn es in einem Stück gelingt, den Prozess und die Wandlungen körperlich werden zu lassen. Wir laden die Zuschauerinnen und Zuschauer gleichsam in unsere Körper ein: 'Welcome to our bodies!' Ich stelle mir vor, dass diese Großzügigkeit nicht nur eine Geste ist, sondern eine neue soziale Existenzweise sein kann."

Damit wäre man, im Negativen, auch bei jenen, die Tossi als moderne Hexenjäger ausgemacht hat: die AfD und überhaupt rechte Strömungen. "Momentan springen immer mehr Menschen willkürlich und blauäugig auf den 'rechten Zug' auf, der in die Diktatur fährt. Walter Benjamin schreibt über den destruktiven Charakter der Faschisten: 'Wie ungeheuer sich die Welt vereinfacht, wenn sie auf ihre Zerstörungswürdigkeit geprüft wird.' Das steht uns bevor." Und weit und breit keine Bibi Blocksberg, die uns mit zwei Worten erlöst: Hex-hex.

"Witches" von Ursina Tossi ist ab dem 26. September in Hamburg auf Kampnagel zu sehen.