Der Dax-Konzern Wirecard aus Aschheim bei München macht widersprüchliche Angaben bezüglich seiner Tochtergesellschaften. In einem Prospekt zu einer vergangene Woche bei Investoren platzierten Unternehmens-Anleihe schreibt Wirecard, die Töchter Card Systems Middle East und Wirecard Processing aus Dubai seien in den Jahren 2017 und 2018 nicht durch einen Wirtschaftsprüfer kontrolliert worden. Der Prospekt, der Investoren Rechtssicherheit bietet, liegt der ZEIT vor. Darin schreibt das Unternehmen auch, dass zum Tag der Veröffentlichung des Prospekts, dem 9. September 2019, für beide Gesellschaften kein Wirtschaftsprüfer ernannt sei. Man sei aber dabei, einen zu beauftragen, der sich die Geschäftsergebnisse anschauen könne.

Im April dieses Jahres klang es anders. Da berichtete die britische Wirtschaftszeitung Financial Times (FT), sie habe von einem Whistleblower erfahren, dass die Wirecard-Tochter Card Systems in den Geschäftsjahren 2016 und 2017 nicht durch Wirtschaftsprüfer kontrolliert worden sei. Wirecard bestritt diese Darstellung. Im April zitierte die Nachrichtenagentur Reuters eine Stellungnahme des Unternehmens zu dem Vorwurf: "Alle Tochtergesellschaften von Wirecard, darunter auch Card Systems Middle East, werden regelmäßig geprüft." Die FT zitierte die Wirecard-Anwälte im Mai mit den Worten: Die Tochtergesellschaft Card Systems sei "immer" von der Prüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) kontrolliert worden.

Was wie eine buchhalterische Petitesse klingt, ist für Kapitalanleger entscheidend. Eine Prüfung durch eine unabhängige Gesellschaft gibt Hinweise darauf, ob die präsentierten Geschäftszahlen stimmen, ob Zahlungen richtig gebucht wurden, ob Gesetze eingehalten wurden. Derartige Prüfungen müssen regelmäßig vorgenommen werden.

Deshalb ist die genaue Lektüre eines Anleihen-Prospekts für Investoren Pflicht. Auf die Frage, warum darin andere Angaben gemacht wurden als noch vor wenigen Monaten, sagt eine Wirecard-Sprecherin der ZEIT: Die Töchter in Dubai seien im Rahmen der Prüfung der Abschlüsse des Konzerns durch EY kontrolliert worden, nicht jedoch deren jeweilige Einzelabschlüsse. Inzwischen seien Wirtschaftsprüfer einer lokalen Gesellschaft damit beauftragt worden, die Töchter als eigenständige Firmen zu prüfen. Dies habe bei Veröffentlichung des Anleihe-Prospekts noch nicht festgestanden. Den Namen der beauftragten Firma teilte Wirecard bis Redaktionsschluss der ZEIT am Dienstagabend nicht mit.

Dass Card Systems Middle East in den Jahren 2017 und 2018 noch nicht als alleinstehendes Unternehmen von unabhängigen Prüfern durchleuchtet wurde, ist insofern bemerkenswert, als es die mit Abstand profitabelste Tochter von Wirecard ist. Card Systems erwirtschaftete im Jahr 2018 laut Mitteilung beim Bundesanzeiger einen Gewinn von 237,5 Millionen Euro. Das sind 58 Prozent des Konzerngewinns vor Steuern von Wirecard, der vergangenes Jahr 409,4 Millionen Euro betrug.

Wirecard gehört zu den erfolgreichsten Digitalunternehmen an der deutschen Börse. Über die Wirecard-Systeme wickeln Händler beispielsweise Kreditkartenzahlungen ab. Die Aktie von Wirecard ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Erst im vergangenen Jahr verdrängte Wirecard die Commerzbank aus dem Deutschen Aktienindex und ist dort inzwischen sogar mehr wert als die Deutsche Bank.