Dass das Reden und Reden und Reden an seine Grenzen stoßen würde, war in Wahrheit schon kurz vor der sächsischen Landtagswahl zu spüren, genauer: am Tag direkt davor. Michael Kretschmer raste noch einmal durch Sachsen. Da saß er, der Ministerpräsident, in seinem Wahlkampfbus, der Journalist von der ZEIT ausnahmsweise mit darin; für ein letztes Interview vor dem großen Ereignis. Aber Kretschmer, der gerade noch mit dem Populismus gekämpft hatte, kämpfte jetzt: mit der Müdigkeit.

Es dauerte nicht lange, und er schlief ein, und sein Kopf kippte mal nach rechts und mal nach links. Der Schlaf holte ihn sich, oder er gab ihm sich hin. Und man gönnte es ihm, natürlich.

Vielleicht hat dieser Moment mehr erzählt, als Kretschmer in einem Interview in dieser Phase hätte erzählen können, nämlich mindestens das: Die von ihm etablierte Methode der Populismusbekämpfung ist Erschöpfungspolitik. Man könnte auch sagen: Reden bis zum Umfallen. Sie war zu besichtigen in den Wahlkämpfen von Sachsen und Brandenburg, sie wird zu besichtigen sein im Wahlkampf von Thüringen, und sie war gut, sehr gut in dieser Zeit. Und doch ist auch schon absehbar, dass sie nicht die alleinige Lösung für alle Zeiten sein kann. Das Ankämpfen und Rackern war eine Technik für den Kampf um die letzte Chance – so wie Kretschmer, aber auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke sie sich erarbeiten mussten. Noch einmal die AfD auf den zweiten Platz verweisen, noch einmal die eigene Partei auf die Position der stärksten Kraft führen, und zwar mit Bürgerdebatten, Bürgerdebatten, Bürgerdebatten.

Doch was am Tag vor der Wahl noch heroisch wirkte, weil es heroisch war, würde jetzt, nach dem Wahlsieg, schon eigentümlich wirken: Auch die nächsten fünf Jahre täglich durchs Land zu rasen, auch die nächsten Jahre bis über die Grenzen der Belastungsfähigkeit in den Bürgernahkampf zu gehen – das ist nicht nur nicht gesund. Das wird auch allein nicht helfen.

Der Populismus schläft ja auch nicht.

Dieser Wahlsieg ist nur von der Zukunft geliehen. Wenn aus dem Reden nichts folgen würde außer Reden, und wenn Regieren nichts anderes sein sollte als Autofahren, dann würde Politik alles Gestaltende verlieren, ihren Anspruch, und am Ende: verlöre das Reden seine Kraft.

Es gibt keine Garantie, dass die AfD kleiner wird. Es gibt aber eine, dass sie größer werden kann, wenn man nicht aufpasst. Weil in Ostdeutschland die entscheidende Phase begonnen hat. Die Politiker, von CDU bis zu den Grünen, wissen das, man sieht es in den Koalitionsverhandlungen in Sachsen und Brandenburg, wo bald "Kenia" regiert, aber, wie alle versichern: auf keinen Fall aus der Angst heraus.

Wer die AfD bekämpfen will, darf nicht permanent die AfD bekämpfen

Die AfD, und nie wurde das so offenkundig wie in den vergangenen Monaten, ist keine normale Partei, weshalb man sie auch nicht ausnahmslos normal behandeln kann (man sieht es daran, dass derzeit nicht einmal die Wildesten in der Union vorschlagen würden, eine Koalition mit ihr einzugehen). Aber wenn zuletzt etwas Zweites offenkundig wurde, dann dies: Es schadet dem Populismus, wenn er allen ein kleines bisschen egaler wird, ohne dass man ihn ignoriert. Es gibt einen Weg zwischen permanenter Fokussierung auf die AfD und Ignoranz. Letzteres wäre schädlich, weil es mehr als ein Viertel der Wähler beträfe. Aber da ist etwas, das weder Koalieren noch Ausgrenzen bedeutet: die AfD in parlamentarische Prozesse zu integrieren, in die Mühen der Landtagsarbeit. Ihr in forscher Freundlichkeit entgegenzutreten – das ist anstrengend, aber nicht nur für die anderen, sondern erst recht für die AfD. Wenn zum Beispiel die Mehrheit der sächsischen Landtagsabgeordneten tut, was sich derzeit abzeichnet, nämlich dem AfD-Kandidaten fürs Amt des Landtags-Vizepräsidenten tatsächlich in dieses Amt zu verhelfen, dann ist das kein Frevel, sondern ein Zeichen dafür, dass selbst in aufgeladenen Zeiten so etwas wie strategische Vernunft herrscht. Die AfD nicht zum Paria zu machen, ihren Vertretern nicht die Chance zu geben, vom System zu behaupten, es gebe ihnen keine Chance – das ist der klügere Weg.

Dabei haben die jüngsten Ost-Wahlkämpfe sowohl gezeigt, dass es sich lohnt, zur AfD eine klare Grenze zu ziehen – als auch, den Faden zu ihren Wählern nie abreißen zu lassen. Ihr keine Themen zu schenken, aber sich auch nicht von ihr definieren zu lassen, im Guten wie im Schlechten. So kann auch der Zusammenhalt einer Kenia-Koalition keiner um die AfD herum sein, es braucht schon eigene strategische Ziele, zum Beispiel: der Heimat gute Laune zu geben, dem Osten Optimismus, den Sachsen und Brandenburgern Gründe, stolz auf sich zu sein.