Bei allem Staunen über die Karriere von "Fridays for Future" und Greta Thunberg ist der vielleicht erstaunlichste Aspekt des neuesten Jugendprotests etwas aus den Augen geraten: die geradezu klassensprecherhafte Wohlerzogenheit der Protestler, denen am vergangenen Freitag allein in Deutschland Hunderttausende auf die Straße folgten. Ob es sich um klarsichtige Realisten oder um kapitalismusverträgliche Idealisten handelt, um "naseweise Kinder", wie die FAZ jüngst kommentierte, oder um Helden der Zukunftsverantwortung, darüber gehen die Meinungen auseinander. Ob der Klimawandel nur als Alibi dient, um freitags blauzumachen, oder die drohende Apokalypse des Planeten das Verabsäumen von Unterricht mehr als rechtfertigt, auch das ließe sich diskutieren. Aber unstrittig dürfte sein: Diese Bewegung verläuft so höflich, so sittsam, als zähle zu ihren geistigen Vätern außer Gandhi auch Adolph Knigge. Das Schuleschwänzen stößt ja nur deswegen bei einigen Beobachtern auf Unmut, weil es sich um den einzigen Regelverstoß handelt, der sich nachweisen lässt.

Ihr konformer Habitus scheint sie für die Preisklasse echten Rebellentums zu disqualifizieren. Verglichen mit dem, was die Generation der 68er an rhetorischer Aggression auffuhr, wirken sie wie brave Bürgerkinder, die jeder Politiker gefahrlos in sein Büro und jeder Wissenschaftler ins Labor einladen kann. Bürgerkinder sind sie, soziologisch betrachtet, tatsächlich. Nach einer Studie des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung entstammt der überwiegende Anteil der "Fridays for Future"-Teilnehmer Elternhäusern der gebildeten Mittelschicht. Nur 0,9 Prozent haben einen Hauptschulabschluss. Die Freitagsproteste, die vor genau einem Jahr in Gang kamen, sind eindeutig das Projekt von Gymnasiasten und einigen Studenten. Dies allerdings verhielt sich bei den 68ern ja keinen Deut anders.

Wer glaubt, die Revoluzzer von einst hätten sich durchweg in einer geistigen Flughöhe bewegt, an die ihre Enkel nicht mit der Fingerspitze heranreichen, sollte sich Filmdokumente jener Zeit zu Gemüte führen, in der die Bundesrepublik als "Fascho-Staat" bebrüllt wird. Es könnte durchaus sein, dass die Weltsicht, die sich darin ausdrückt, einen Zacken vernunftferner ausfällt als die derzeitige Furcht vor einem Klimakollaps. Der Regenwald am Amazonas brennt, auf Island wird ein Gletscher beerdigt – gemessen an derlei Tagesnachrichten, ist nicht der drängende Ton der Schüler verwunderlich, sondern ihr bisheriger Verzicht auf Krawall und Beleidigungsrhetorik.

Die Jugendlichen werden nicht gefürchtet. Sie werden überall empfangen und bejubelt

Darin unterscheidet sich "Fridays for Future" nicht zuletzt von jenen Ökoaktivisten, die mit Barrikaden gegen die Rodung des Hambacher Forsts kämpften und gelegentlich Eimer mit Fäkalien über Polizeibeamte ausgekippt haben sollen, die ihrerseits mit rigoroser Härte vorgingen. Diesen wohlbekannten Szenerien der Eskalation verweigern sich die Freitagsprotestler, die – auch das ist erstaunlich – in Politikern nicht Feinde, sondern potenzielle Verbündete sehen, denen man allerdings gründlich zureden muss, damit sie in die Gänge kommen. Nein, dem herkömmlichen Bild des Rebellischen entsprechen die Schüler ganz und gar nicht. Sie werden nicht gefürchtet. Sie werden auf Podien, in Fernsehstudios, im Vatikan und nun beim Klimagipfel in New York freundlichst empfangen, ja sogar, wie im Fall Greta Thunberg, kultisch bejubelt. Oder eben als "naseweis" belächelt.

Es gibt allerdings eine ebenfalls neu gegründete Initiative, die den Anschein des Harmlosen noch übertrifft. Sie nennt sich allen Ernstes "Omas gegen rechts". Ein Name, der um seine Nähe zum Parodistischen wissen dürfte. Das Bündnis "Omas gegen rechts" entstand in Österreich im November 2017. Seniorinnen, keine unter 50, viele um die 70, verabredeten sich auf Facebook zu Demonstrationen gegen die Regierungskoalition mit der FPÖ. Sie versammelten sich auf Plätzen, hielten "Omas gegen rechts"-Schilder in die Luft, riefen in Megafone, sie würden nicht zusehen, wie die österreichische Demokratie den Bach runtergehe. Sie erreichten schlagartig eines: Irritation. Eine Wirkung, die sich der kuriosen Mischung aus Damenkränzchen, Flashmob und fröhlichem Partisanentrüppchen verdankt. Von den hiesigen Medien weitgehend übersehen, breiteten sich die "Omas gegen rechts" auch in der Bundesrepublik aus. Mittlerweile gibt es in rund drei Dutzend deutschen Städten Oma-Gruppen.