Die "Omas gegen rechts" verfolgen kein politisch allzu ausdifferenziertes Programm. Sie demonstrieren für Frauenrechte und Minderheitenrechte im allgemeinen Sinn und gegen Rechtspopulismus. Aber sie machen noch etwas: Sie nutzen die natürliche Aggressionshemmung gegenüber alten Frauen, um bei Neonazi-Aufmärschen oder bei Gegendemonstrationen wie "Unteilbar" Krawall zu verhindern. Mit ihren selbst gestrickten Mützen auf dem Kopf und ihren Schildern "Omas gegen rechts" laufen sie bevorzugt zwischen den Fronten mit, wo es brenzlig werden könnte. Notorisch ist dies der Fall, wenn Neonazis und Antifa-Gruppen aufeinandertreffen. Die Erfahrung zeigt, dass jedes der Lager davor zurückzuckt, die "Omas" physischer Gefahr auszusetzen. Oder zumindest davor, die Welt mit Bildern zu Boden gedrückter 70-jähriger Frauen zu beliefern.

Über das Ziel hinauszuschießen gehört seit je zum Bild des Jugendprotests

Augenscheinlich haben die Seniorinnen und die Schüler – die älteste und die jüngste Gruppe aktueller Straßenproteste – einen gemeinsamen Nenner: das Bemühen, den Anstand zu wahren. Als nichtig, als politisch nebensächlich kann diesen Nenner nur empfinden, wer die vergangenen Jahre auf dem Mond verbracht hat. Es waren Jahre, in denen der Schrecken über den Anstandsverlust der öffentlichen und politischen Sphäre um sich griff, in denen sich das Internet als Schauplatz wahrer Orgien verbaler Hemmungslosigkeit und verrohter Beschimpfung, ja des nackten Hasses erwies. In denen das kommunikative Anstandsminimum der Gesellschaft zu zerbröseln schien. Und es waren Jahre, in denen sich der Straßenprotest, dieser elementare Pfeiler freier Demokratien, von seiner dunkelsten und bedrohlichsten Seite zeigte. Juli 2017: Ausnahmezustand beim G20-Gipfel in Hamburg. August 2018: Schwerste Ausschreitungen in Chemnitz – um nur zwei Ereignisse zu nennen, in denen die Straße als Ort von Exzessen diente, die den Tod von Menschen miteinberechneten.

All das sollte man im Kopf haben, bevor man beschwingte Omas und höfliche Schüler – die sich in einigen Städten ja zu Tausenden versammeln – belächelt. Sie schaffen es, dass sich der Pulsschlag der Republik nicht erhöht, wenn sie zu Demonstrationen anrücken. Sie haben, anders gesagt, die Straße für die Zivilität zurückerobert. Wenn allein das, inmitten der hochgekochten Gefühls- und zerrissenen Gemengelage der deutschen Gesellschaft, keine stolze politische Leistung ist, dann ist unklar, was eine solche sein soll.

Übers Ziel hinauszuschießen gehört seit je zum Bild des Jugendprotests. Aber was das Ziel ist und welche Mittel sich empfehlen, es zu erreichen, das muss immer neu und nach veränderten historischen Bedingungen justiert werden. Der Schock des Rüpelhaften, die Beschimpfung von Staatsanwälten als "Arschlöcher", das öffentliche Entblößen von Hinterteilen, der aggressive Zungenschlag, all dies mag dienlich gewesen sein, um die Republik der Sechziger zu entstauben. Aber heute? Wo dem Meinungsgegner gleich der Tod gewünscht wird und "Arschloch" noch das Mindeste an Beleidigung ist, was digitale Kommentarspalten enthalten? Übers Ziel hinauszuschießen ist gegenwärtig kein Zeichen von Opposition, sondern Mainstream. Sich gegen ihn zu stellen bedeutet im Umkehrschluss, sich so zu verhalten wie Luisa Neubauer, wenn sie in einer Talkshow auf Christian Lindner trifft, obgleich es so wohlerzogen aussieht.

Das Rebellische des Anstands in anstandslosen Zeiten liegt in seiner stoischen Unbeirrbarkeit.