Vor drei Jahren haben sie ihn in die Freiheit entlassen, aber völlig frei fühlt sich Wolfgang R. nicht. Dafür hat er zu lange im Gefängnis gesessen, 18 Jahre lang. Wegen gefährlicher Körperverletzung. Er hatte betrunken einen Freund mit einem Messer attackiert, danach aber auch einen Krankenwagen gerufen. Haft, Sicherheitsverwahrung, Nervenklinik. Als er rauskam, hatte sich die Welt draußen verändert. Nun muss er lernen, ohne Gitter zu leben. Doch es fällt ihm schwer. Wolfgang R. will nicht mit vollem Namen genannt werden, zu groß ist die Scham.

Es ist ein Stigma: Straftäter. Wann hat man seine Strafe für jedes noch so grausame Verbrechen verbüßt? Draußen, wieder in Freiheit, reduziert die Gesellschaft ehemalige Häftlinge meist auf ihre Tat. Wenige wollen etwas mit ihnen zu tun haben und wer es will, der misstraut ihnen. Für die Kirche sind Straftäter aber eine Chance: "Geht an die Ränder", hat Papst Franziskus oft genug gesagt. Geht zu denen, für die niemand mehr da ist.

Für den katholischen Pfarrer Stefan Friedrichowicz sind das keine leeren Worte. Vor knapp einem Jahr hat er deshalb im Berliner Stadtteil Reinickendorf das Café Rückenwind gegründet. Es soll ein Schutzraum sein für jene, die von der Gesellschaft gemieden werden. Weil sie Schuld auf sich geladen haben. 25 von ihnen sitzen an einem frühen Abend im Saal der Kirchengemeinde St. Rita. Die Stühle sind hier, im Café Rückenwind, mit Plüsch überzogen, auf den Tischen stehen Kuchen und Obst, der Pfarrer reicht die Kaffeekanne herum, Kerzen brennen. Ein Stück Normalität für Menschen, die lange keine Normalität mehr hatten. Auch für Wolfgang R. ist dieser Ort eine Zuflucht.

Stefan Friedrichowicz ist seit neun Jahren Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Tegel und erlebt dort eines immer wieder: Wer aus der Haft entlassen wird, ist oft nicht darauf vorbereitet. Und wer wieder draußen ist, weiß häufig nicht, wie er mit der neuen Welt umgehen soll, in die er nach all den Jahren entlassen wird. Genau hier soll das Café Rückenwind helfen. Es soll ein niederschwelliges Angebot für ehemalige Insassen sein, eine Brücke zwischen dem Leben drinnen und dem draußen.

Jeden zweiten Donnerstag trifft sich hier nun ein Kern von zehn, fünfzehn ehemaligen Insassen. Es ist nicht das einzige Angebot für ehemalige Häftlinge in Berlin. "Aber wir sind die einzigen, die nicht von irgendwem bestellt sind", sagt der Pfarrer. "Wir machen keine Mitschriften, schauen, was jemand falsch macht oder melden jemanden." Er hält das für einen der wichtigsten Gründe, weshalb die Männer gerade hierherkommen. Gelebtes Evangelium, wenn man so will: sich ohne Ansehen der Personen denjenigen zuzuwenden, denen sonst niemand mehr hilft. Wie sagte Jesus im Angesicht der von ihm beschützten Ehebrecherin zu den Pharisäern und Schriftgelehrten? "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Im Café Rückenwind wirft niemand mit Steinen. Deshalb kommen die ehemaligen Häftlinge so gern hierher.

Es ist egal, ob jemand gläubig oder Atheist ist – jeder ist hier willkommen. "Es gibt Leute, die im Knast durch den Kontakt zum Pfarramt gläubig geworden sind", sagt Friedrichowicz. "Aber die meisten, die kommen, sind nicht religiös." Anders ist es bei den Ehrenamtlichen und den Organisatoren des Café Rückenwind. Sie ziehen ihre Kraft aus der Kirche, dem Glauben, der Nächstenliebe. "Es geht darum, den Menschen eine Chance zu geben", sagt Matthias Scholze, um die 50, dunkel umrandete Brille, korpulent. Er saß selbst lange im Gefängnis und organisiert das Projekt mittlerweile federführend mit. Zur Schuld kann auch die Vergebung gehören. Die Sünde hat nicht immer das letzte Wort in der Welt. "Wenn man vor dem steht, was man angerichtet hat, da sucht man schon nach Halt", sagt Scholze. Der Glaube als Hilfe für Verbrecher: Das würde Papst Franziskus gefallen.

Bloß ist dieses Brückenbauen oft schwierig. Viele der Männer hier hatten und haben nach Jahrzehnten im Gefängnis Probleme, wieder Arbeit zu finden, sich mit Ämtern auseinanderzusetzen oder neue Beziehungen aufzubauen. Viele fühlen sich einsam. Auch deshalb ist die Rückfallquote von Straftätern in Deutschland recht hoch. Binnen neun Jahren nach Haftentlassung liegt sie bei 48 Prozent. Das zeigt eine Studie des Bundesjustizministeriums aus dem Jahr 2016. Wer draußen in der Freiheit nicht zurechtkommt, macht schneller wieder dumme Sachen. Pfarrer Stefan Friedrichowicz will seine Schützlinge davor bewahren.

"Wir wollen die Probleme gemeinsam ausräumen", sagt er. "Damit ein Rückfall möglichst ausgeschlossen ist." Friedrichowicz spricht aber auch praktische Dinge an – wo bekommt man Möbel für einen Häftling her, der bald entlassen wird? Will jemand Theaterkarten? Das Café Rückenwind ist also vor allem ein Ort, um zu reden. Es ist eine Gemeinschaft, die die Männer woanders nicht finden. Kirche als Seelenretter.