Das Gesicht eines Bezirksabgeordneten von der CDU haben zahlreiche Eimsbüttler zuletzt durch die Windschutzscheiben ihrer parkenden Autos gesehen. Dort klemmte in den Wochen des Bezirkswahlkampfes ein Konterfei hinter dem Scheibenwischer, daneben ein Spruch: "SPD und Grüne wollen auch hier Parkplätze vernichten. Ich will das nicht." Kaum mehr als vier Monate ist das her, inzwischen machen die Christdemokraten in Eimsbüttel mit den Grünen gemeinsame Sache und verlangen, so steht es im Entwurf des grün-schwarzen Koalitionsvertrags, dass "fahrende und parkende Autos Platz abgeben: Platz für Fußgängerinnen und Fußgänger, Platz für Bäume, Platz für sicheres Radfahren". Den Sozialdemokraten war die Verkehrswende der Grünen zu radikal, auch daran scheiterten die Koalitionsverhandlungen der beiden Parteien. Nun macht die CDU sie möglich.

Der Streit um den Klimawandel verändert auch das politische Klima, und am schnellsten wandelt sich zurzeit die CDU. Es fällt nur fast niemandem auf.

Seit Wochen schauen die Hamburger Medien wie gebannt dem zunehmend kritischen Umgang zu, den die rot-grünen Partner im Rathaus untereinander pflegen – und tun damit beiden zugleich einen Gefallen. Solange es nur noch darum zu gehen scheint, ob nach der Bürgerschaftswahl im Februar der Sozialdemokrat Peter Tschentscher oder die Grüne Katharina Fegebank den Senat leitet, interessiert sich niemand für den dritten Kandidaten, Marcus Weinberg von der CDU. Dabei, könnte man mit einigem Recht sagen, müsste die CDU die natürliche Regierungspartei der Hansestadt sein. Als es zuletzt um viel ging, bei der Bundestagswahl 2017, vertrauten die Hamburger keiner Partei so sehr wie den Konservativen.

"Wir wollen auch die Kritiker so weit wie möglich mitnehmen"
Marcus Weinberg

Aber sind die Konservativen eigentlich noch konservativ? Wen sollen die Klimaskeptiker, die Zuwanderungskritiker, die Gutmenschenverächter und Autofreunde in Zukunft wählen, wenn sich die CDU an der Seite der Grünen zur Klimaschutz- und Verkehrswendepartei wandelt?

"Wir wollen auch die Kritiker so weit wie möglich mitnehmen", sagt Marcus Weinberg, der Bürgermeister-Kandidat der CDU. "Aber es wird am Ende eine kleine polarisierte Gruppe übrig bleiben." Er nennt sie "radikale Klimaleugner" und sagt, dass die dann gar nicht mehr wählen würden oder AfD.

Weinberg steht für den Wandel seiner Partei. Als er im Frühjahr seine Bereitschaft zur Kandidatur erklärte, gab in der Bürgerschaftsfraktion der CDU noch der konservative Flügel den Ton an, Politiker wie Dennis Thering, der die Fahrradpolitik der rot-grünen Regierung "wahnsinnig" nannte. Am Ende hatte sich die CDU so sehr verrannt, dass selbst die FDP auf Distanz ging. Inzwischen, sagt Weinberg, seien die Christdemokraten "zumindest bei Wahrnehmung und Anschlussfähigkeit in der Stadt angekommen".

Sie sind allerdings laut der letzten Umfrage auch bei 14 Prozent angekommen, während SPD und Grüne jeweils für sich schon doppelt so viel Zustimmung finden. Tschentscher oder Fegebank, diese Alternative ist kein Medienhype, sondern eine wirklichkeitsgetreue Abbildung der politischen Stimmung in der Stadt. Wer keine grüne Bürgermeisterin will, dem muss man mit Blick auf diese Zahlen jedenfalls derzeit raten, im Zweifel eher die SPD zu wählen.

Ist es für die Christdemokraten in dieser Lage klug, die letzten eigenen Anhänger vor den Kopf zu stoßen? In Eimsbüttel hat der dortige Fraktionschef Rüdiger Kuhn im Wahlkampf noch den Autopolitiker gegeben, vor "überflüssigen Velorouten" gewarnt und gefordert, "die bewusste Entscheidung für den eigenen Pkw zu respektieren, statt die Nutzer ständig zu verteufeln!". Inzwischen betreibt Kuhn selbst, was er im Wahlkampf noch als "schleichende Vernichtung von öffentlichen Parkplätzen" angeprangert hatte. "Kein Mensch hat das Recht, im öffentlichen Raum einen Parkplatz zu beanspruchen", sagt er nun. Aber muss er sich angesichts eines so sprunghaften Gesinnungswandels nicht fragen lassen, ob er die eigenen Wähler getäuscht hat?