Céngiz Görür, 19 Jahre alt, klettert auf das vier Meter hohe Holzkreuz. Er streckt seine Arme aus, legt seine Handgelenke in die Halterungen. Mit seinen Turnschuhen stellt er sich in die Fußstützen. Von vorne sieht es so aus, als hänge er wirklich am Kreuz. Er grinst. "Passt perfekt!"

Das Kreuz steht in der Requisite der Oberammergauer Passionsspiele. Alle zehn Jahre führt das 5000-Einwohner-Dorf hier das Drama um das Leiden Jesu auf, das nächste Mal 2020. Céngiz Görür wird dann die Rolle des Judas spielen – eine kleine Sensation. Niemals zuvor in der 386-jährigen Tradition des Dorfes war es einem Muslim erlaubt, eine der Hauptrollen zu besetzen. Céngiz Görür ist der erste.

Der Sohn einer Gastarbeiterfamilie dringt vor in die Hochkultur eines konservativen christlichen Dorfes – ist seine Familie damit nach so vielen Jahrzehnten angekommen? Ist sie damit selbstverständlich?

Céngiz Görür hat blonde Haare und blaue Augen. Wenn er lächelt, zeichnen sich feine Grübchen in seinen Wangen ab. Einmal in der Woche liefert er Pizza aus und hilft seinem Vater in dessen Hotel. Die Dorfbewohner nennen ihn "unseren Céngiz". In seiner Freizeit wandert er gern mit Freunden im Ammergebirge oder am Staffelsee. Nächstes Jahr wird er das Fachabitur machen. Er ist ein ganz normaler Schüler aus Oberammergau. Eigentlich.

Doch an dem Tag im Herbst 2018, als der Regisseur der Festspiele bekanntgab, dass Görür in der Tradition des Ortes eine entscheidende Rolle spielen würde, war er auf einmal keiner mehr von ihnen. Zumindest nicht für alle. Er könne das Dorf nicht repräsentieren, hieß es zum Beispiel von den Freien Wählern des Dorfes oder der kleinen konservativen Oberammergauer Bürgerinitiative B.I.O., die derzeit mit drei Mitgliedern im örtlichen Gemeinderat vertreten ist.

Dem Regisseur der Passionsspiele, Christian Stückl, warfen die Kritiker unter anderem vor, er würde die Rollen frei nach seinem Willen besetzen und nicht den Gemeinderat mit in seine Entscheidung einbeziehen, wie es früher der Brauch war. Die Besetzung der Hauptrollen nennen sie "einen Schlag ins Gesicht" vieler Oberammergauer. Diejenigen, die Görürs Besetzung als Provokation verstehen, wollen ihre Namen nicht gedruckt lesen. Sie wollen die Passionsspiele angreifen, aber sie wollen sich selbst nicht öffentlich angreifbar machen.

Da ist etwa der Mann, der in der vierten Generation im Dorf lebt und sich dort selbstständig gemacht hat. Er sagt: Man habe sich ja schon mit Görür abgefunden, und überhaupt: An sich habe man ja auch nichts gegen Muslime. Doch dass einer von ihnen in einer Hauptrolle eines christlichen Theaterstücks – ihres Theaterstücks – mitspiele, das sei unerhört. Vor allem auch für diejenigen, die sich an die Festspiele von 1990 erinnerten, als zum ersten Mal ein Evangelischer eine Hauptrolle übernahm und der Dorfpfarrer deswegen den Weltuntergang prophezeite.

"Ich sehe den Religionsaspekt nicht so krass." Céngiz Görür streicht behutsam über die Oberfläche des Holztisches, an dem die Darsteller der Passionsspiele seit zweihundert Jahren das Abendmahl feiern. Er wisse, warum die Passion aufgeführt werde. Doch für ihn stehe dabei nicht der Glaube im Vordergrund, sondern die Gemeinschaft, die durch die Festlichkeiten im Dorf entstehe. Natürlich gehe er in die Moschee, natürlich glaube er an seine Propheten, sagt er. Aber in seinem Alltag nehme das keine besondere Stellung ein. "Ich bin mit deutschen und mit türkischen Kindern aufgewachsen. Für uns machte es nie einen Unterschied, wohin man zum Beten gegangen ist." Seine Familie lebt in der dritten Generation in Oberbayern.