Der Ort ist bekannt: das Paradies, Eden, der Baum der Erkenntnis. Auch die handelnden Figuren könnten prominenter nicht sein. Als da sind Adam, Eva, die Schlange und natürlich Gottvater persönlich. Eben das ist das Problem. Über die Schöpfung scheint alles gesagt. Die Wissenschaft hat den Augenzeugenbericht der Bibel bereits vor Ewigkeiten widerlegt. Der Mythos vom nackten Paar im Garten wurde zum Klischee, mit dem sich heute Urlaubsträume genauso gut bebildern lassen wie Altherrenfantasien von unschuldigen Körpern, die in blauen Lagunen kopulieren.

Wer allerdings glaubt, die paradiesische Migrationsgeschichte könne höchstens Synapsen kitzeln, sonst dem Menschen des 21. Jahrhunderts aber nichts mehr verraten über sich und seine Welt, der irrt. Es lohnt sich, die Genesis gerade in diesen Tagen neu zu lesen. Schließlich wächst die Angst, der Himmel werde in der Klimakrise uns allen bald auf die Köpfe fallen. Und warum? Weil wir blind sind und selbst schuld, glauben die Jungen und wollen die Alten zum Hinschauen zwingen. So als verstecke sich in unseren Eingeweiden ein Selbstzerstörungsmechanismus, von dem keiner weiß, wie er dahin kam und ob er sich deaktivieren lässt.

Um diesen Mechanismus zu verstehen, helfen Erzählungen wie die Genesis, Ursprungsgeschichten, die mit Mut zum Mythos und zum Pathos die großen Frage stellen und beantworten: Woher kommen wir, wohin gehen wir und was hat uns bloß so ruiniert? Vor Tausenden von Jahren erzählten Menschen sich diese Geschichten, um sich einen Reim zu machen auf eine geheimnisvolle Welt. Berge und Flüsse hatten Seelen, und das Wetter war noch nicht Wetter oder Klima, sondern Ausdruck eines göttlichen Willens, den man deutete, indem man in die Sterne sah. Mal erhörte Gott die Gebete und Leben regnete vom Himmel, und mal bestrafte er scheinbar die Menschen für ihre Fehler, indem er Dürre schickte oder Flut. Der Mensch war klein in dieser Welt und wusste es. Und weil er es wusste, fing er an, von sich in ihr zu berichten, möglichst kurz und knapp.

Das "Ganze der Menschheit" können Mythen, wie der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt in seiner jüngst erschienenen Geschichte von Adam und Eva schreibt, erschöpfend erklären auf anderthalb Seiten. Rätselhaft wirken diese Texte bei genauerer Betrachtung. Wie ein Dickicht aus Bedeutungen, in dem man sich rettungslos verfranzen kann auf der Suche nach der einen Wahrheit. Im Fall der Tragödie Edens kann eine Frage vielleicht etwas Licht ins Mythendunkel bringen: Warum der Garten? Wäre die Stadt nicht passender gewesen als Kulisse?

Zumal: Ein prominentes Vorbild gibt es. Im Gilgamesch-Epos, dem ältesten fiktionalen Text der Weltliteratur, steht am Anfang nicht das Wort, nicht das Paradies, sondern die Metropole – Uruk, die Megacity der Sumerer. Die Handlung kreist um die Menschwerdung des Wilden. Enkidu heißt der und wurde wie Adam aus Staub gemacht. Doch anders als dieser wächst Enkidu auf unter Tieren. Sein Haar ist wild, sein Verhalten noch wilder. Als König Gilgamesch Enkidu im Traum begegnet, ist er beeindruckt von dessen Kraft und abgestoßen von seinen rohen Sitten. Um ihn zu zähmen, lässt Gilgamesch Enkidu von Schamchat, der Tempeldirne, rasieren und verführen. Danach prügeln sich Kraftprotz und König, wie Männer das bisweilen tun. Am Ende triumphiert die Zivilisation. Frisur und Natur sind gebändigt. Enkidu und Gilgamesch werden Freunde und prügeln, bis der Tod sie scheidet, Dritte.

Viertausend Jahre ist das Gilgamesch-Epos alt. Und doch spürt man als Leser: Die mächtigen Mauern Uruks sind verbunden mit den Straßenschluchten Manhattans, Frankfurts oder Singapurs. Aber von Fluch und Verhängnis keine Spur: Solange es Zivilisation gibt, Wachstum, Wohlstand, echte Männer, lautet die frohe Botschaft Gilgameschs, wird am Ende alles gut. Der Fortschrittsoptimismus hält die Mauern aus Lehm und Glas im Innersten zusammen. Seine Hoffnung ist so zeit- und maßlos wie naiv. Dass alles mal zusammenfällt, wird ausgeblendet. Nichts vergeht, will er glauben machen, es verändert sich nur, wird größer, besser, teurer als zuvor.

Als Paar sind Adam und Eva fertig und vollendet. Eine Entwicklung ist nicht vorgesehen.

Diesen Optimismus kann und will die Genesis nicht teilen. Anders als in Uruk gibt es im Paradies keine Prügel, keine Machos, keine wilden Männer, die ihr Ego erst entdecken müssen. Gott knetet Adam, haucht ihm Leben ein und formt Eva aus der Rippe. Denn der Mensch soll nicht alleine wandeln müssen durch die schöne neue Welt. Als Paar sind Adam und Eva fertig und vollendet. Eine Entwicklung ist nicht vorgesehen. Stattdessen delegiert Gott an sie Verantwortung fürs Ganze. Pflegt den Garten, schreibt er ihnen ins Gewissen. Bis zum Stelldichein am Erkenntnisbaum sind Adam und Eva Geschöpfe Gottes, mehr aber nicht. Ein Paar ohne Eigenschaften, das Teil eines Willens ist, der größer ist als sie. Ihr Leben ist ein ruhiger Fluss. Willenlos lassen sie sich treiben. Eine Weile zumindest.