Am Boden der Schier’s Passage klebt das letzte Lametta. Weiter hinten, am Terrassenhaus, stehen noch Bierflaschen, aufrecht und doch leer, wie das Viertel an diesem Morgen. Über alldem dreht sich eine Discokugel. Sie erinnert alle, die sich nicht mehr erinnern können, das sind vermutlich einige, was für eine monströse Party hier gefeiert wurde. Zu feiern gab es: den umjubelten Erbbaurechtsvertrag mit der Stadt, den zehnten Geburtstag der Besetzung, die keine mehr ist, weil jetzt hochoffiziell anerkannt, paragrafisch legitimiert.

Jetzt, Tage und Wochen später, herrscht die Ruhe nach dem Sturm. Kater nach der Party. Man müsste eigentlich mal wieder aufstehen. Wofür bloß, ließe sich fragen, denn das große Ziel ist erreicht, die Existenz gesichert, 75 Jahre lang gilt die Bestandsgarantie der Stadt.

Das Gängeviertel steht an einem Scheitelpunkt, auch wenn seine Bewohner, Künstler und alle, die hier nur abhängen, das so dramatisch nicht ausdrücken würden. Die Zeit nach dem Geburtstag könnte der Anfang von etwas Neuem sein. Erst mal aber müssen viele im Viertel damit klarkommen, dass etwas Altes zu Ende ist. Da passt es gut in die Gefühlslage, dass in diesem Moment, um nicht mal neun Uhr, ein Reisebus seine Seniorengruppe am Valentinskamp auskippt. In Funktionsjacken spazieren sie herein, und das Gängeviertel sieht plötzlich ganz schön alt aus. Ist das die Zukunft?

"Wir wollen kein einfach konsumierbares Angebot sein"

Stephan Fender überlegt. "Wir haben ein Problem mit der Außenwahrnehmung", sagt er dann. "Wir müssen mehr Bewusstsein schaffen für das, was hier passiert und was passiert ist." Fender führt das Museum Vor-Gänge, das die Geschichte des Protests erzählt. Er sitzt auch im Vereinsvorstand und war früher Hausbesetzer in Barcelona. Deshalb lud man ihn damals überhaupt erst ein. Man sollte einen wie ihn also ernst nehmen, wenn der mahnt: "Wir müssen aufpassen, dass es nicht einschläft. Wir brauchen eine hohe Fluktuation, sonst kochen wir im eigenen Saft."

Die Frage, was noch kommen soll, nachdem man der Stadt die Häuser abgetrotzt hat, treibt viele im Viertel um. Sie ist eng verzahnt mit der Frage, welche Kunst und Kultur hier produziert wird oder werden soll. Im Vertrag zwischen Stadt und Genossenschaft ist die Frage beantwortet, wenn auch vage: Da muss das Gängeviertel auch weiterhin der freien Kunst und diversen schöpferischen Gewerken ein Zuhause sein, als soziokultureller Raum. Sollte die Genossenschaft diesem Auftrag eines Tages nicht mehr gerecht werden, darf die Stadt den Ort sogar wieder für sich reklamieren. Allein, wer wollte darüber befinden?

Für wieder mehr Distanz zu ebendieser Stadt plädieren im Viertel diejenigen, denen das Schaulaufen der Politiker am runden Geburtstag auf die Nerven ging. Kultursenator Carsten Brosda schwärmte, dass "die für Kunst und Kultur so wichtigen Räume" erhalten blieben, Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt pries den Erhalt "eines ganz besonderen Projektes der kulturellen Vielfalt". Es klang fast so, als ginge der Hamburger Senat höchstselbst in den Werkstätten des Viertels ein und aus, um sich zu verwirklichen.

Die Erzählung im Gängeviertel geht ein bisschen anders: Man habe es nicht mithilfe, sondern trotz der Stadt gerettet. Die Frage ist nur, ob sie mit dieser Version auf Dauer durchdringen. Ob ihr Verständnis von der Sache nicht irgendwann überlagert wird. Weil die Stadt sich das Viertel fürs Selbstmarketing einverleibt. Es zu Tode umarmt. Es zum Farbtupfer in seinen Werbefilmchen macht. Davor fürchten sie sich zwischen Jupi-Bar und LaDöns fast noch mehr als einst vor der Räumung. Touristen kommen jetzt schon en masse, die roten Doppeldecker halten praktisch vor der Tür.