Es beginnt wie eine Meditation: oooooo. mmmmm. iiiiiiii. Immer wieder formt man beim Erlernen des Schreibens dieselben Linien, Schwünge und Schleifen, bis sie zu einem Wort verschmelzen: "Omi". Am Anfang helfen noch Linien auf dem Papier, den Stift und die eigene Kreativität zu lenken. Auf diese Weise lernen schon Erstklässler, dass mit dem Abc ein Versprechen verbunden ist, das auch eine Drohung sein kann: Wer das Alphabet beherrscht, begreift die Welt. Aber wer nicht richtig schreiben lernt, wird zum Außenseiter, kann sich nicht ausdrücken und wird oft nicht verstanden.

Das Schreiben mit dem Stift oder dem Füller ist nicht nur Handwerk, es ist zugleich eine Kulturtechnik. Doch diese verändert sich mit den jeweiligen gesellschaftlichen Vorstellungen. Im Zeitalter von Smartphone und WhatsApp ist deshalb ein Streit um die Handschrift entbrannt, der Pädagogen, Schüler, Eltern und Bildungspolitiker erfasst hat. Verlernen wir, mit der Hand zu schreiben? Macht uns ständiges Tippen auf Handys und Computern dümmer? Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien hat bereits Konsequenzen gezogen. Um den Verlust der "zentralen Kulturtechnik" zu stoppen, hat sie ein verstärktes Training der Handschrift verfügt (siehe Interview S. 45). Eine weitere Frage lautet allerdings: Welche Schrift ist dafür am besten geeignet? Denn auch darüber sind sich die Pädagogen alles andere als einig.

Ilse Aichinger: Die sechsjährige Erstklässlerin beginnt ihren ersten Satz im Schreibheft mit einem großen "ICH". Sie hat ihn von der Tafel abgeschrieben. © Sergio Membrillas für DIE ZEIT

Da passt es, dass das Deutsche Literaturarchiv Marbach in dieser Woche die Ausstellung Hands on! Schreiben lernen, Poesie machen eröffnet. Die Ausstellung zeigt, dass auch große Autoren einmal kleine Anfänger waren: Schreibübungen, erste Gedichte und Briefe vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart werden in Marbach präsentiert. "lilililili, tetetete, lelelele. lieben, heute, weilen". Diese Worte liest man im Schulheft von Ilse Aichinger, das sie am 21. Januar 1928 einweihte. Die Buchstaben in feinem Tintenstrich stehen auf zartgelbem Papier mit hellblauen Linien, Buntstiftblumen verzieren den Namen des Kindes. "Es neigen sich / die Tage der Kindheit / den späten Tagen zu", schreibt die Österreicherin knapp drei Jahrzehnte später in ihrem Gedicht Breitbrunn.

Aichingers Schulheft liegt neben 450.000 weiteren Archivalien bei 18 Grad Raumtemperatur und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit in den Kellern in Marbach. Das Deutsche Literaturarchiv sammelt nicht nur die Manuskripte großer Romane, Gedichte, Erzählungen, sondern auch Briefe und Telegramme, Einkaufs- und Notizzettel. Und, wenn sie die Zeiten überstanden haben, sogar erste Schreibversuche. "Lieber Papa! Mir geht es gut die Gardinen sind angemacht" – ein kindlicher Bleistiftbrief von Stephan Döblin an seinen Vater Alfred. Ungelenk die Buchstaben, als tanzten sie aus der Reihe. Der junge Durs Grünbein schreibt eine Indianergeschichte mit rotem Filzstift, die Buchstaben ordentlich gesetzt, als handele es sich bereits um ein gedrucktes Buch.

Die von Hans Magnus Enzensberger angeregte Ausstellung belegt, dass jede Handschrift unverwechselbar ist, fast wie ein Fingerabdruck. Sie zeigt aber auch, wie jedes Schriftbild – zumal das von Kindern – das vorherrschende pädagogische Denken spiegelt. Erst allmählich entwickelt sich daraus so etwas wie ein ästhetisches Bewusstsein des eigenen Schreibprozesses, den Autorinnen und Autoren in ihren Werken reflektieren.

Zugleich spricht die Marbacher Ausstellung nostalgische Gefühle an. Welcher Erwachsene schreibt heute noch von Hand? Unter "schreiben" verstehen die meisten: tippen, tappen, Pixel auf verspiegelter Oberfläche berühren. "Alle sind Wischer geworden", sagt Hans Magnus Enzensberger in einem Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Jan Bürger. "Dass alle gern mit der Hand schreiben, das ist unwiederbringlich vorbei", meint Enzensberger. Er hüte sich aber davor, "den Verlust von irgendwas Vergangenem zu beklagen".