"O ihr Schornsteine, O ihr Finger / Und Israels Leib im Rauch durch die Luft!", dichtete die spätere Literaturnobelpreisträgerin Nelly Sachs wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und machte damit als wohl erste Lyrikerin den Holocaust zum Thema, den viele, die damals noch auf lange Zeit in Ämtern und Behörden saßen, samt ihrer eigenen Mitwirkung lautstark beschweigen wollten.

Als Sachs 1965 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, appellierte sie in ihrer Dankesrede: "Lassen Sie uns gemeinsam der Opfer im Schmerz gedenken und hinausgehen aufs Neue, um wieder und wieder zu suchen, wo vielleicht weit entfernt eine neue Aussicht schimmert." Nach der Erfahrung der Massenvernichtung sahen viele Juden diese Aussicht vor allem in Israel schimmern, wo auch Teile des Nachlasses von Sachs ruhen.

Wie es jedoch um ihren geistigen Nachlass bestellt ist, wird aktuell aus Anlass einer anderen Preisverleihung diskutiert: Eigentlich sollte nämlich, so wurde vor rund zwei Wochen verkündet, die britisch-pakistanische Schriftstellerin Kamila Shamsie jenen nach Sachs benannten Literaturpreis erhalten, mit dem die Stadt Dortmund alle zwei Jahre Schriftsteller ehrt, die "überragende schöpferische Leistungen auf dem Gebiet des literarischen und geistigen Lebens hervorbringen und die insbesondere eine Verbesserung der kulturellen Beziehungen zwischen den Völkern zum Ziel haben". Shamsie, so die Begründung der Jury, eigne sich für diese Ahnenreihe von Erich Fromm über Christa Wolff bis Margaret Atwood, weil ihre Romane "auf vielfache Weise Brücken schlagen". Doch ebendiese Jury, zu der auch ZEIT-Autorin Ursula März gehört, schien ihrem Urteil kurze Zeit später selbst nicht mehr zu trauen, nachdem sie erfahren hatte, dass Shamsie seit Jahren den BDS unterstützt – also jene Kampagne, die den israelischen Staat wirtschaftlich, kulturell und politisch in Grund und Boden boykottieren möchte. Letzte Woche erkannte man Shamsie die Würdigung wieder ab: Das Preisgeld (immerhin 15.000 Euro) wird eingefroren und der Preis erst 2021 wieder verliehen.

Seit Jahren taucht das Kürzel BDS auf Protestschreiben und Demo-Transparenten auf; die Aktivisten drängen Musiker, ihre Auftritte in Israel abzusagen, und fordern Festivals auf, israelische Künstler auszuladen. Mittlerweile ist ein Gegenboykott am Werk: In Recklinghausen und Düsseldorf, Berlin und Hamburg werden regelmäßig Auftritte gestrichen, weil Künstler dem BDS die Fahne halten. Und eine Resolution des Bundestags lässt vielen Kulturveranstaltern mittlerweile kaum noch eine Wahl. Wer den BDS unterstützt, darf nicht länger Gelder und Räume des Bundes erhalten.

Erinnert das an die McCarthy-Ära, an eine quasi totalitäre Kultur des Verdachts? So sehen es zum Beispiel rund 300 namhafte Kulturschaffende aus der ganzen Welt, darunter Noam Chomsky, Alexander Kluge, Naomi Klein, die nun mit einer Protestnote gegen die Entscheidung der Jury mobilmachen, Shamsie nicht auszuzeichnen. Müsste man nicht trennen, so lautet ein Argument, zwischen Kunst und den politischen Positionen der Person, die sie verantwortet? Also eben aushalten, dass die Schriftstellerin Shamsie ein umjubeltes Buch wie Hausbrand schreiben kann, in dem sie den Tragödienstoff von Sophokles auf Identitätsfragen in der multikulturellen Gesellschaft prallen lässt – und gleichzeitig Parolen goutiert, bei denen man hierzulande an "Deutsche, kauft nicht bei Juden!" denkt? Freilich: So richtig will das nicht funktionieren bei einem Preis, der explizit das politische Wirken auszeichnen will. Vielleicht müsste die entscheidende Frage an Shamsie lauten, warum sie Israel, immerhin die einzige Demokratie im Nahen Osten, für den Umgang mit den Palästinensern attackiert – aber über die Lebensbedingungen palästinensischer Flüchtlinge in Libanon und Syrien schweigt.

Shamsie sagt, ihre Bücher könnten nicht ins Hebräische übersetzt werden, weil sie eben keinen Israeli als Verleger akzeptiere. Das ist freilich ihr gutes Recht. Und es ist eben auch das gute Recht der Jury, ihr dafür keinen Preis zu verleihen, erst recht, wenn er nach Nelly Sachs benannt ist.