Ähnlich wie in der Spätzeit der Ära Kohl öffnet die nachlassende Macht von Angela Merkel Freiräume für gesellschaftliche und politische Debatten. Der Langzeitkanzler neigte dazu, wirtschaftliche und soziale Konflikte mit schwammigen Formulierungen zuzudecken. Doch als 1996 erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik die Arbeitslosigkeit auf vier Millionen Menschen stieg, war das nicht mehr möglich. Kohl wurde zwei Jahre später abgewählt und hinterließ in der Union einen personellen und politischen Trümmerhaufen. Angela Merkel bemüht sich sichtlich um einen besseren Abgang; ob er ihr gelingt, wird sich weisen. Ihr Aufstieg begann in der "Einheitskrise" der Neunzigerjahre, über die nicht zuletzt deshalb eine nähere Reflexion lohnt, weil viele der heutigen politischen Verwerfungen und die Siege der AfD in Ostdeutschland letztlich auf die wirtschaftspolitischen Entscheidungen des Jahres 1990 zurückgehen.