Die Fluten der Zukunft zeichnen sich schon in der Gegenwart ab, spätestens seit dieser Woche. Da wurde der aktuelle Stand des Wissens über jene Sphären der Erde vorgestellt, die auf ihr den größten Teil einnehmen: im "Sonderbericht über die Ozeane und die Kryosphäre", also die Eisgebiete des Planeten. Mehr als sieben Zehntel der Erdoberfläche sind von Meeren bedeckt, und rund ein Zehntel der Landfläche liegt dauerhaft unter Eis. Noch. Denn das Eis schwindet und lässt die Weltmeere anschwellen.

Globale Erwärmung und steigender Meeresspiegel, dieser Urzusammenhang wirft tatsächlich bis heute eine der kniffligsten Fragen der Klimaforschung auf: Falls die Atmosphäre sich um soundso viel Grad erwärmt, wie hoch steigt dann das Meer?

Klimawandel - Was, wenn wir nichts tun? Waldbrände, Eisschmelze, Unwetter: Der Mensch spürt die Erderwärmung. Wie sieht die Zukunft aus? Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf erklärt unsere Welt mit 4 Grad mehr.

"Bei zwei Grad Celsius globaler Erwärmung im Vergleich zur Zeit vor der Industrialisierung steigt der globale Meeresspiegel bis 2100 um zusätzliche 30 bis 60 Zentimeter an, und um 60 bis zu 110 Zentimeter, wenn die Emissionen weiter zunehmen", sagt Hans-Otto Pörtner vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung. Er ist einer der Hauptautoren des 900 Seiten starken neuen Berichts, für den 104 Wissenschaftler des Weltklimarats aus 36 Ländern den Wissensstand aus 6981 Fachveröffentlichungen zusammengefasst haben.

"Wenn die Emissionen weiter zunehmen", diese Formulierung von Pörtner beschreibt umgangssprachlich ein Szenario, das die Klimaforscher "RCP8.5" nennen. Dieses Rechenmodell geht davon aus, dass mehr und mehr Treibhausgase in die Luft entweichen. Dadurch würde die globale Erwärmung schon im Lauf dieses Jahrhunderts die Zwei-Grad-Marke überschreiten und bis 2100 wohl auf drei bis vier Grad steigen. Unrealistisch? Gerade erst haben Forscher des Projekts "Climate Action Tracker", das die weltweit angekündigten und tatsächlich umgesetzten Maßnahmen zum Klimaschutz vergleicht, erklärt: Selbst wenn man alle Selbstverpflichtungen und Ziele berücksichtige, stoße die Menschheit auch künftig mehr CO₂ aus als bisher. Gegenwärtig steuere sie auf 3,2 Grad Celsius Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts zu.

Deshalb sind die 110 Zentimeter Meeresspiegelanstieg jetzt jene Marke, mit der man rechnen muss. Dieser Wert für die Oberkante liegt höher als in früheren Berichten des Klimarats (im Jahr 2007 ging man noch von höchstens plus 59 Zentimetern aus, 2014 dann von 82 Zentimetern im globalen Durchschnitt). Mehr Meer also.

Die Zahl klingt für den Laien nicht gerade gewaltig. Tatsächlich birgt die Prognose gewaltige Probleme. Drei Punkte sind wichtig, um sie einordnen zu können:

Variation – "Es gibt nicht nur ein globales Mittel für den Meeresspiegel, es gibt vor allem starke regionale Änderungen", sagt der Ozeanograf Detlef Stammer von der Universität Hamburg. Ein Drittel mehr oder weniger nennt der Sonderbericht als natürliche Bandbreite beim regionalen Anstieg. Und sinken Städte wie Jakarta ab, weil dort zu viel Grundwasser entnommen wird, fällt der Anstieg des Pegels noch drastischer aus. Außerdem reagiert das Meer sehr träge und würde selbst dann noch lange weiter anschwellen, wenn ab sofort kein CO₂ mehr in die Luft gelangen würde.

Extremereignisse – Zumindest in diesem Jahrhundert wird nicht der durchschnittliche Pegel das Problem sein, sondern Fluten und Stürme. Denn mit den steigenden Meeren werden Sturmfluten höher an den Küsten anbranden. Die Autoren des Berichts sind sich sehr sicher, dass mit dem Anstieg der Pegel auch "die Häufigkeit extremer Wasserstände an den meisten Orten steigen" wird. Was vormals eine Jahrhundertflut war, werde künftig jährlich vorkommen. Einige Atolle erleben dies bereits, vielen Küsten steht es in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts bevor.