Man denkt an Paris, natürlich, vielleicht auch an San Francisco oder an seine Geburtsstadt Poitiers, aber wer assoziiert Michel Foucault schon mit Hamburg? Dass einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts ein bewegtes Jahr lang in der Hansestadt gelebt und gearbeitet hat, ist kaum bekannt; selbst in den umfangreichen Foucault-Biografien finden sich Hinweise auf diesen Lebensabschnitt allenfalls am Rande. Tatsächlich war der einjährige Aufenthalt als Direktor des Institut français de Hambourg vor genau sechzig Jahren nur eine kurze Etappe im Leben des Philosophen, doch retrospektiv erweist sich diese Zeit als bemerkenswertes Scharnierjahr: Es markiert den Abschluss seiner fünfjährigen Promotions- und Auslandsphase, der bald der wissenschaftliche wie öffentliche Durchbruch in Frankreich und schließlich eine weltweite Karriere folgten. In Hamburg schloss Foucault das Manuskript seines ersten großen, bis heute berühmten Buches Histoire de la folie ab, das 1961 mit dem Obertitel Folie et déraison in Frankreich und 1969 alsWahnsinn und Gesellschaft auf Deutsch erschien. Das Vorwort ist datiert:"Hambourg, le 5 février 1960", Hamburg, 5. Februar 1960.

Fünf Jahre zuvor hatte Foucault sein Heimatland Frankreich verlassen, um die Leitung des Maison de France im schwedischen Uppsala zu übernehmen. Der Endzwanziger ging damals in eine Art Exil, dessen Dauer unbestimmt war und von dem er sich mehr persönliche Freiheiten versprach, vor allem weniger Schwierigkeiten beim Ausleben seiner Homosexualität. Mehrere Suizidversuche lagen zu diesem Zeitpunkt hinter ihm.

In Uppsala reorganisierte Foucault mit Verve die dortige Kultureinrichtung und begann in der renommierten Universitätsbibliothek seine Forschungen zur Histoire de la folie, die er drei Jahre lang höchst diszipliniert vorantrieb. Glücklich allerdings wurde er im hohen Norden nicht. Einem Freund schrieb er im Februar 1958, er sterbe vor Einsamkeit, so bald wie möglich werde er Schweden verlassen. Schon zu diesem Zeitpunkt dachte Foucault an einen Wechsel in die Bundesrepublik. Stattdessen wurde er vom Pariser Außenministerium nach Warschau versetzt, wo ihm der Aufbau eines französischen Kulturzentrums anvertraut wurde; de facto übernahm er die Funktion eines Kulturattachés. Seinen Polen-Aufenthalt allerdings musste Foucault nach einem Jahr fluchtartig beenden, als sich herausstellte, dass ein junger Mann, mit dem er eine Affäre begonnen hatte, von der polnischen Polizei als Spitzel auf ihn angesetzt worden war.

Die folgende Versetzung nach Hamburg war ganz in Foucaults Sinne. Bedenken, in das postnationalsozialistische Deutschland überzusiedeln, scheint es nicht gegeben zu haben. Seine ausgesprochene Präferenz für einen deutschsprachigen Standort hing eng mit der zentralen Rolle zusammen, die Werke deutscher Autoren für ihn spielten. Noch kurz vor seinem Tod 1984 erklärte er, sein "ganzes philosophisches Werden" sei durch die Lektüre Nietzsches und Heideggers bestimmt worden. Deren Texte las Foucault im Original, und zumindest seine passiven Deutschkenntnisse müssen bei seiner Ankunft in Hamburg ausgezeichnet gewesen sein.

Er hielt Vorlesungen und gab Seminare an der Hamburger Universität

Als der knapp 33-Jährige im Oktober 1959 seine Tätigkeit als Direktor des Institut français in der vornehmen Heimhuder Straße aufnahm, war er in der Öffentlichkeit gänzlich unbekannt. Das erste offizielle Schreiben, das die Universität Hamburg an ihn richtete, war an einen "Monsieur Faucauld" adressiert. Wie zuvor in Uppsala und Warschau hatte der inzwischen in der Auslandstätigkeit Erfahrene auch in Hamburg lehrende, vermittelnde, repräsentative und administrative Aufgaben zu erfüllen. Das Institut français war 1951, sechs Jahre nach Kriegsende, vom französischen Hohen Kommissar in der Bundesrepublik André François-Poncet gegründet worden, um "der friedlichen Entwicklung der französisch-deutschen Beziehungen" zu dienen. Durch zahlreiche, regelmäßig auch medial wahrgenommene Veranstaltungen hatte sich die Einrichtung in der Hansestadt rasch etabliert. Pro Jahr nahmen knapp 1500 Personen an den Sprachkursen des Instituts teil – ein Programm, das durch zahlreiche öffentliche Vorträge, Theaterabende, Konzerte, Filmvorführungen und offizielle Empfänge ergänzt wurde.

Auch in Hamburg war Michel Foucault ein rühriger Institutsdirektor, der mit seinem Kulturprogramm besondere Akzente setzte. Zu seinen Gästen zählten bekannte französische Schriftsteller, Wissenschaftler und Intellektuelle, darunter sein akademischer Lehrer Jean Hyppolite, der Prix-Goncourt-Gewinner von 1955 Roger Ikor, der Bestsellerautor Jean Bruce und nicht zuletzt der mit Foucault befreundete Roland Barthes, dessen später viel diskutierter literaturtheoretischer Essay Am Nullpunkt der Literatur gerade in Hamburg auf Deutsch erschien. Im November 1959 hielt Alain Robbe-Grillet, einer der Hauptvertreter des Nouveau Roman, im Institut français den Vortrag Vers un nouveau réalisme, In Richtung eines Neuen Realismus,im Februar 1960 folgten zwei Veranstaltungen mit dem französischen Philosophen Gabriel Marcel. Foucault selbst sprach im Mai 1960 in einem Vortrag über den Dichter Guillaume Apollinaire und die moderne Kunst. Auch die Inszenierung eines Theaterstücks übernahm der Direktor selbst. Foucault suchte sich dafür ein Stück von Jean Cocteau aus: das weniger bekannteL’école des veuves, Die Schule der Witwen, aus dem Jahre 1936. Cocteau seinerseits bedankte sich vor der Premiere im Juni 1960 schriftlich bei Foucault für diese Wahl.