Der Horror – oder die aus Ungewissheit geborene Angst vor einer schrecklichen Wahrheit, – beginnt in diesem Film mit einer kryptischen Nachricht, die die Studentin Dani (Florence Pugh) von ihrer psychisch labilen Schwester aufs Handy geschickt bekommt. Im nächtlichen Zustand ansteigender Unruhe versucht sie sie zu erreichen, oder ihre Eltern, vergeblich. Trost sucht sie bei ihrem Freund Christian (Jack Reynor), der gerade mit drei wie er an Dissertationsprojekten laborierenden Kumpels in einem bekifften Fressanfall steckt. Christian bleibt in dem Telefonat rein technisch vermittelte Stimme, kein Gegenschnitt löst die Szene auf. Sie springt erst später zu der Jungsrunde, die wiederum Dani irgendwo im Off belässt, während Christians Freunde ihm das dringende Ende seiner Beziehung nahelegen: Dani sei doch nur noch ein hysterischer Klotz am Bein.

In Midsommar, seinem zweiten Spielfilm, erweist sich der Regisseur Ari Aster – wie auch schon in seinem Debüt Hereditary, das aus der Trauer um eine verstorbene Matriarchin ein Geisterhaus entstehen ließ – als Meister der Exposition. Die Vorgeschichte zieht in ihren erzählerischen und motivischen Öffnungen einen doppelten Boden ein. Schiefe Geschlechterverhältnisse und Manipulationen, Trauer und Co-Abhängigkeit bereiten den Paukenschlägen, die noch folgen werden, einen untergründigen Ressonanzraum.

Aus dem klaustrophobischen, winterlich düsteren College bewegt sich der Film unter sommerlichen freien Himmel ins schwedische Hälsingland. Pelle (Vilhelm Blomgren), ein Austauschstudent, hat seine Freunde eingeladen in die Landschaft, in der er aufgewachsen ist. Mit dabei ist Dani, als fünftes Rad am Bro-Wagen, mit jüngst erlittenem familiären Trauma. In der abgelegenen Wildnis macht Pelle die vier mit seinem Dorf vertraut: halb Hippie-Aussteigercommunity, halb archaische Natursekte, mit freizügigem Umgang mit psychotropen Substanzen.

Weil Sommer ist, geht die Sonne nicht recht unter und verleiht der Szenerie ein beständiges, unerbittliches Gleißen. Sattgrüne Wiesen, altertümlich-mystische Dorfbauten, Menschen in heller Tracht, die ausgelassen über die Wiesen tanzen. Sie kommen gerade recht zum großen Mittsommerfest der Hårga, wie sie sich selbst nennen, das, einem 90-Jahre-Rhythmus folgend, ein ganz besonderes werden soll.

Während der enervierende Dude-haftige Mark den sexuellen Verheißungen des Kommunenlebens hinterherhechelt, versucht der Anthropologe Josh dem Sinn der Gemeinschaft teilnehmend auf die Spur zu kommen. (Als einzige schwarze Figur des Films, die vermittelnd zwischen den Fremden und den anderen steht, ist er einer der vielschichtigsten Charaktere des Films.) Dani versucht sich in ihrer Trauer wieder zu finden, während Christian der aufgeschobenen Trennung hinterherblickt. Sie beide, wie auch die anderen Fremden, werden mit Fortgang der Feierlichkeiten langsam in die Kommune verstrickt, ein Weg, der sich über Verheißung und Schrecken vollzieht.

Dass das Kino im Horrorfilm keine Träume fabriziert, sondern in Albträumen fiebert und auf der Leinwand Dingen Gestalt zu geben vermag, die eher im Off der gesellschaftlichen Selbstverständigung liegen, gilt nicht erst für die gegenwärtige Renaissance eines von Autorinnen und Autoren geprägten Genrekinos. Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu hatte 1922 unendlich viel vom Seelenleben der Weimarer Republik zu erzählen, George Romeros Nacht der lebenden Toten 1968 von der amerikanischen Gesellschaft im Vietnamkrieg, Jennifer Kents The Babadook (2014) von moderner Mutterschaft oder Jordan Peeles Get Out (2017) und Us (2019) vom amerikanischen Rassismus. Midsommar arbeitet sich an der Grenze von Natur und Kultur ab, am Versprechen unvermittelter Gemeinschaft, an einem Jenseits unerfüllter Beziehungen und dem Preis moderner Individualität.

Aster versteht sich in den sehr spannungsvollen zweieinhalb Stunden Laufzeit seines Films hervorragend darauf, eine Gemengelage aus langsam anwachsendem Unbehagen, Schocks und kleinen Blickverschiebungen zu inszenieren. Pawel Pogorzelskis Kamera gelingt es, der unablässigen Helligkeit permanenten Schrecken abzugewinnen, während das Sounddesign aus den Gesängen der Kommunardinnen und den Geräuschen des technikarmen Dorfalltags fast unmerkliche, aber schauerliche Dissonanzen gewinnt.

Zu den unheimlichsten Gewohnheiten der Gemeinschaft – es sind die verstörendsten Szenen des Films – gehört der Brauch der Gruppe, die spontanen Gefühlsäußerungen Einzelner durch Mimikry zu erwidern und zu verstärken. Schmerzensschreie und Schluchzen und, in einer der bizarrsten Szenen, ekstatisches Stöhnen werden so zu einem abgründigen Choral. Es sind ausgestellt empathische Gesten, die, auf die intimsten und unwillkürlichen Äußerungen körperlicher wie seelischer Individualität angewendet, diese geradezu auslöschen.

Midsommar ist ein Seh- und Hörbild über den Knoten aus Versprechen und Unbehagen, den die Gemeinschaft darstellt. Der Moment, an dem der Horror einer unheimlich harmonischen Gemeinschaft endgültig in den Terror des Geheimnisses ihres Zusammenhalts umschlägt, hält schließlich einen Moment abgrundtief ambivalenter Katharsis bereit. Für Dani und für uns.