Wie im Gebet versunken sitzt er da, umtost vom Tumult der Verhandlungspause. Seinen Schutzschild, eine schlichte schwarze Schirmmütze, hat der Kardinal abgelegt, die sein Gesicht verbarg, während er sich im Justizpalast von Lyon einen Weg durch die Schar Journalisten bahnte: Philippe Barbarin, 68, der höchste katholische Würdenträger Frankreichs. Er ist Angeklagter in einem der spektakulärsten Prozesse des Landes, ja der Welt.

Denn erstmals wird ein Kardinal von der weltlichen Justiz ausschließlich wegen der Vertuschung von Verbrechen belangt. Der Vorwurf an Barbarin: Er soll sexuelle Übergriffe an Minderjährigen, begangen von Bernard Preynat, einem Priester aus seinem Bistum, nicht gemeldet haben. In Frankreich wird solch ein Versäumnis mit bis zu drei Jahren Gefängnis und 45.000 Euro Strafe geahndet. Am 7. März 2019 verkündet die Richterin: Der Erzbischof von Lyon und "Primas von Gallien" werde zu sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Dieser historische Schuldspruch galt nicht nur ihm, sondern der ganzen katholischen Kirche, die symbolisch mit auf der Anklagebank saß.

Doch in Person war der Vatikan nicht anwesend – auch wenn dies geplant gewesen ist. In Lyon wurden nicht nur Barbarin und fünf weitere Mitarbeiter der katholischen Kirche, darunter zwei Bischöfe, wegen Nichtanzeige von sexuellem Missbrauch Minderjähriger angeklagt. Die französische Justiz hatte ihre Finger bis nach Rom ausgestreckt, um zu klären, inwieweit die Kirchenführung in den Fall verstrickt war – und lud den spanischen Kurienkardinal Luis Ladaria vor. Der heutige Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre soll in einem Brief an Barbarin angeordnet haben, gegenüber dem Priester Preynat "adäquate disziplinarische Maßnahmen" anzuwenden, um ihn von Kindern fernzuhalten, jedoch "einen öffentlichen Skandal" zu vermeiden.

Leider berief Ladaria sich auf seine diplomatische Immunität, die nach dem Völkerrecht auch Regierungsmitglieder schützt, und kam nicht nach Lyon. Missbrauchsopfer hatten zuvor in einem Brief an das französische Außenministerium gefordert, die Immunität aufzuheben. Wäre der Staat dazu in der Lage gewesen? Der Kirchenrechtler Thomas Schüller von der Universität Münster glaubt das nicht und kritisiert die französische Justiz für ihre "Schaufensterpolitik": Obwohl Ladaria Kenntnis über alle Vorgänge in Lyon gehabt haben müsse, dürfe er "gegenüber staatlichen oder kirchlichen Stellen keine Auskunft darüber geben – wegen des päpstlichen Geheimnisses".

So lastete nun aller Vorwurf auf Barbarin, und die Frage spielte keine Rolle, ob er auf Geheiß aus Rom gehandelt hatte. Dabei war er in Frankreich durchaus populär gewesen. 1950 im marokkanischen Rabat geboren und von Papst Johannes Paul II. zum Erzbischof geweiht, pries die französische Presse den sportlichen Barbarin als "Marathon-Mann" und war fasziniert davon, wie er eine konservative Haltung in Glaubensfragen mit starkem sozialem Engagement vereinte.

Vor dem Skandal galt Barbarin sogar als papabile. Das ist nun passé, da Barbarins Fall in den Kinos läuft, ab diese Woche auch in Deutschland. Der französische Regisseur François Ozon hat einen Spielfilm über die zahlreichen Missbrauchsopfer von Lyon gedreht, in dem Barbarin zwar nur wenige Male auftritt, aber alles auf einen fatalen Satz von ihm aus dem Jahr 2016 zuläuft: "Es sind dramatische Tatsachen. Gott sei Dank sind die meisten Fälle verjährt." Gelobt sei Gott – so lautet nun der Titel des Films, der mit den Fragen beginnt: Wer wusste Bescheid? Wurde der Täter je bestraft? Warum durfte er sich so lange um Kinder kümmern?

Antworten sucht die Hauptfigur, das mittlerweile erwachsene Missbrauchsopfer Alexandre (gespielt von Melvil Poupaud), in Briefen an den Kardinal Barbarin, aus denen der Film zitiert. Wir sehen Alexandre, wie er mit seiner Frau und seinen Kindern die heilige Messe besucht – und wie ihn die dunklen Vorfälle aus seiner Kindheit in der hellen Gegenwart, in seiner luftigen, luxuriösen Wohnung in Lyon einholen. Barbarin antwortet, ebenfalls in Briefen, bleibt als Figur jedoch schemenhaft: ein Mann hinter den schweren goldenen Vorhängen seines Arbeitszimmers, die Stadt Lyon überblickend.

Und wie war es in Wirklichkeit? Der Skandal begann im Jahr 2014: Damals bemerkte Alexandre Hezez, ein ehemaliger Pfadfinder aus der Gemeinde Sainte-Foy-lès-Lyon, dass der Priester, der ihn zwischen dem neunten und elften Lebensjahr missbraucht hatte, immer noch beruflichen Kontakt zu Kindern hatte. Auf Fotos sieht man den Pfarrer Preynat mit Pfadfinderhalstuch und Sonnenbrille. Er soll zwischen 1970 und 1991 etwa 70 Kinder missbraucht haben, die meisten in Wochenendlagern – das enthüllte die katholische Tageszeitung La Croix. Der Opferverein La Parole Libérée ("Das befreite Wort") zählt aktuell 72 Fälle und zitiert auf seiner Website aus Briefen Preynats an die Eltern von Opfern, in denen er seine Vergehen zugibt. Im Juli 2019 wurde Preynat von der Kirche in den Laienstand versetzt.