"LAUFEND FAHRER GESUCHT" steht in Großbuchstaben am Schaufenster der Münchner Taxizentrale. Ein Ort der Hoffnungen, der frischen wie der verlorenen. Hier sammeln sich Drop-outs, die irgendwann mal große Träume hatten; für andere wiederum, etwa für jene, die in Deutschland neu ankommen, verheißt die Taxizentrale neue Chancen. Vieles an der Rand- und Männerwelt Taxigewerbe wirkt mittlerweile wie ein Echo aus einem verblassenden Zeitalter. Einer Zeit, in der das Auto als Fortbewegungsmittel noch unumstritten war, in der das cremefarbene Hellelfenbein der Taxis noch frisch wirkte, als man Geschäfte und Zwischenmenschliches noch persönlich regelte und nicht über Apps. Heute kämpfen die Taxler, wie sie in München heißen, gegen neue Konkurrenten wie Uber oder Carsharing-Dienste. Hin und wieder machen sie mit trotzigen Streikaktionen auf sich aufmerksam, aber ihre Lage nicht unbedingt besser.

Auch Vincent Kutscher, die Hauptfigur in Frank Schmolkes Graphic Novel Nachts im Paradies, ist aus der Zeit gefallen. Kein Handy, keinen Anrufbeantworter, keinen Computer hat der 50-Jährige. In seiner Freizeit fährt er in Lederkluft Motorrad und schreibt auf einer alten Schreibmaschine an einem Roman, der niemals fertig wird. "Für mich gibt es jetzt mehr Vergangenheit als Zukunft", sagt Kutscher.

Er ist einer, dem das Leben nicht immer gut mitgespielt hat, der aber tapfer alle Rückschläge wegsteckt. Von seiner Frau ist er geschieden, aus seiner Wohnung droht ihm der sanierungsbedingte Rauswurf, und ausgerechnet in einer umsatzstarken Oktoberfest-Nacht wird ihm erst das Taxi vollgekotzt und er dann verprügelt und ausgeraubt. Doch als er am nächsten Tag mit dickem blauem Auge in seiner Küche sitzt, da sagt er bloß "Es sieht schlimmer aus, als es ist. Mach dir keine Sorgen" zu seiner 16-jährigen Tochter, die gerade zu Besuch ist und die er im Notfall wie ein Löwe verteidigt.

Denn eigentlich ist er natürlich ein herzensguter Kerl, der Kutscher, der bloß hofft, einen guten Stich zu machen, wie erfolgreiche Fahrten im Taxlerjargon heißen. Unter den Taxileuten gehört er zu einer stolzen Unterkaste: den Nachtfahrern. Von sechs Uhr abends bis sechs in der Früh sind sie unterwegs, ihr Leben spielt sich jenseits regulärer Erwerbsbiografien ab. "Wenn du Angst vor den Besoffenen hast, musst du Tagfahrer werden. Da fährst du dann den lieben langen Tag Omas zum Arzt", sagt einer, der es schon zu lange macht, zu einem Studenten, der ganz neu dabei ist.

Frank Schmolke weiß, wovon er erzählt. Er ist in Unterföhring aufgewachsen, machte 1989 in München seinen Taxischein, 22 war er damals. Lange fuhr er so viel, wie er konnte, fast immer nachts. Seit 2001 lebt er auf dem Land und arbeitet als Illustrator, doch alle paar Jahre, wenn eine Auftragsflaute herrscht, kehrt er wieder in seinen alten Job zurück. So auch 2014, zur Wiesn-Zeit, und damals traf er auf so viele seltsame Gestalten, dass ihm die Idee für einen Comic kam.

Viele seiner Figuren haben deswegen Vorbilder aus dem wirklichen Nachtleben, zum Beispiel der russische Zuhälter, der Vincent Kutscher in Nachts im Paradies als Fahrer anheuert. Er soll die Frauen zu den Freiern bringen und aufpassen, dass sie auch wieder heile nach Hause kommen. "Seh ich aus wie ein Bodyguard?" – "Du siehst aus wie schräger Vogel. Das reicht." Natürlich geht bald was schief.

Zeichnungen seiner Taxigäste hatte Schmolke schon in den Neunzigern angefertigt. Seine Skizzenbücher bilden den ästhetischen Rahmen für Nachts im Paradies. Schwarz und weiß, fast ohne jeden Zwischenton, sind die Bilder. Weil es schnell gehen musste im Taxi, aber auch weil die harten Kontraste das "Rohe, Echte" besser transportieren, wie Schmolke sagt. Das tut auch sein ungeschlachter Stil ("Der erste Strich ist immer der beste"), der oft ausdrucksstark und kraftvoll ist, bei dem mitunter aber die Proportionen so schief sitzen, wie sie selbst in einem expressionistischen Comic nicht schief sitzen sollten.

Rau, echt, ungeschlacht, roh, kraftvoll: Frank Schmolke bedient mit Nachts im Paradies die Sehnsucht nach einer alten analogen Zeit, deren Nicht-Orte – Flughafen, Tankstelle, Kiosk, Bordell – Romanautoren früher mit ihren hard-boiled Privatdetektiven und halbseidenen Kleinkriminellen bevölkerten. Schmolke schickt einen Taxifahrer und mischt surreale Elemente in den straighten Genrestoff. Da mutieren die Wiesn-Besucher zu Zombies, Menschen zu wilden Tieren, und Häuser werfen ihre Schatten in den leeren Himmel. So ist Nachts im Paradies eine poetische Mischung geworden, aus Milieustudie, Midlife-Crisis und Münchenmärchen.

Frank Schmolke: Nachts im Paradies. Edition Moderne, Zürich 2019; 352 S., 29,80 Euro