Die Schweiz gilt als eine der besten Demokratien der Welt. Das ist keine selbstgefällige Behauptung, sondern wird durch zahlreiche Studien belegt. Aber besser geht immer. Das gilt auch für eine Demokratie. Deshalb präsentieren wir bis zu den eidgenössischen Wahlen vom 20. Oktober 10 Ideen für ein Demokratie-Update. Idee Nr. 6: Mehr Zivilgesellschaft

DIE ZEIT: Frau Kleiner, Herr Gisler, was wäre aus Ihnen geworden, wenn es den 9. Februar 2014 nicht gegeben hätte?

Silvan Gisler: Vielleicht wäre ich Journalist geblieben. Aber nachdem die Masseneinwanderungsinitiative angenommen worden war, wusste ich, was ich machen muss.

Flavia Kleiner: Vermutlich hätte ich mein Studium nicht erst gerade jetzt abgeschlossen. Ich hatte damals keinen Plan, kam gerade aus einem Austauschjahr zurück – und dann ging es los wie wild.

ZEIT: Der Startschuss fiel am 15. September 2014. Damals publizierten Sie auf den Schweiz-Seiten der ZEIT das Gründungsmanifest der Operation Libero. Wenn Sie zurückschauen, denken Sie da manchmal: Ich hätte in diesen Jahren auch etwas anderes machen können?

Gisler: Ja, klar, ich hätte mehr Bücher lesen, mehr Filme schauen, mehr Musik machen können. Vielleicht hätte ich auch noch ein paar Nervenzellen mehr.

Kleiner: Ja! (lacht)

Gisler: Wir hätten sicher eine ruhigere Kugel schieben können.

Kleiner: Auch wenn es sehr anstrengend ist, möchte ich es überhaupt nicht missen.

ZEIT: Nie bereut?

Kleiner: Unterm Strich: nein.

ZEIT: Als wir Ihr Manifest erhielten, diskutierten wir in der Redaktion. Der Grundtenor war: Im schlimmsten Fall haben wir einen Text von ein paar engagierten jungen Leuten abgedruckt, die in zwei Monaten kein Mensch mehr kennt. Wir haben dann noch einen süffigen Titel drüber gesetzt ...

Kleiner: ... "Die Kinder von 1848".

ZEIT: Ein Jahr lang war es relativ ruhig um die Operation Libero. Dann stand die Abstimmung zur Durchsetzungsinitiative an, und die Sache wurde auf einmal sehr groß. Was passierte da?

Kleiner: Das spannende an unserer direkten Demokratie ist, dass komplette Anfänger – wie wir es damals waren – ziemlich viel bewegen können. Aber am Anfang war sicher die Chemie entscheidend. Die vielen Köpfe, die sich zusammentaten, etwas Neues gründen wollten: Da entzündete sich ein Feuerwerk.

Gisler: Ich erinnere mich, wie ich damals in Peru war, im Urwald ...

Kleiner: (lacht schallend) Ich hätte dich auf den Mond schießen können!

ZEIT: Wann war das?

Gisler: Anfang Oktober 2014, wir wollten am 13. Oktober unsere Gründung auf einer Medienkonferenz öffentlich bekannt geben. Ich wollte noch zwei, drei Dinge durchgeben. Also suchte ich einen Ort, wo ich Handy-Empfang hatte, um mit Flavia zu telefonieren. Da meinte ein Einheimischer: Da, lauf auf den Hügel rauf! Ich saß dann auf einem Aussichtsturm im Dschungel, telefonierte in die Schweiz und dachte mir: Was machen wir da genau?

Kleiner: Du in Peru, ich in der Schweiz, dazu die Zeitverschiebung. Dabei war Silvan der Einzige, der eine Ahnung davon hatte, was es braucht, um unsere Botschaft professionell rüberzubringen. Ah, es braucht eine Medienmappe? Ah, wir müssten vielleicht noch Fotos machen lassen? Wir waren totale Laien.

ZEIT: Am Anfang der Operation Libero stand die Empörung über einen Volksentscheid. Auch bei der Durchsetzungsinitiative engagierten Sie sich gegen eine Vorlage. Immer war Ihr Feind die SVP. Was ist einfacher, etwas zu bekämpfen oder für etwas zu sein?

Gisler: Gegen etwas zu sein ist massiv einfacher. Doch darauf darf man sich nicht versteifen, wir kämpfen immer auch für etwas.

Kleiner: Ich weiß, unser Begriff Chancenland ist manchen zu cheesy ...

ZEIT: Da zähle ich mich dazu ...

Kleiner: Aber ich glaube fest daran: Es braucht eine andere Vision für die Schweiz. Die wollen wir entwickeln, zusammen mit anderen fortschrittlichen Kräften. Wobei ich das Gefühl habe, dass es langsam anzieht. Die momentane Schwäche der SVP schafft Räume für neue Ideen. Die Ehe für alle wird plötzlich mehrheitsfähig. Oder eine ehrgeizigere Klimapolitik. So was braucht Zeit, und ohne Auflehnen gegen den Ist-Zustand wäre das unmöglich gewesen. Erst daraus entstand die Dynamik, die wir heute erleben.