DIE ZEIT: Herr Marengwa, Herr Merl, Sie sind für die Koordination von Baustellen in der Stadt und auf den Autobahnen zuständig. Daran gibt es immer wieder heftige Kritik. Nehmen wir das Beispiel Winterhude. Dort verzögert sich eine Baustelle an der Krugkoppelbrücke bis Ende November, und ab nächsten März wird um die Ecke in der Bellevue die Straße für acht Monate aufgerissen. Muss das sein?

Jeff Marengwa: Die Baustellen in der Stadt sind oftmals Jahre im Voraus geplant. Wenn eine Baustelle wie an der Krugkoppelbrücke länger dauert, müssen wir uns fragen: Greifen wir ein, und verschieben wir die Arbeiten auf der benachbarten Baustelle? In diesem Fall wollten wir während der Arbeiten an der Krugkoppelbrücke die im Osten direkt angrenzende Kreuzung freihalten, darum wurde die zweite Baustelle nicht vorgezogen. Und die Bellevue, in der die zweite Baustelle demnächst kommt, ist eine Nebenstraße. Deshalb halten wir die kurze Abfolge für vertretbar.

ZEIT: In Winterhude gibt es gerade zahlreiche Baustellen auf sehr engem Raum. Können Sie die Autofahrer verstehen, die sich fragen: Was koordinieren die da eigentlich?

Marengwa: Das sieht dort schlecht aus, weil sich die Arbeiten an Krugkoppelbrücke und an der Hudtwalckerstraße verzögert haben. Aber die Erwartungshaltung, mit der wir konfrontiert werden, ist völlig überzogen. Eine gute Baustellenkoordination bedeutet nicht, dass es keine Störungen im Verkehr gibt. Wenn Straßen oder Leitungen marode sind, muss gebaut werden. Die Beschwerden kommen ja auch, wenn das Internet zu lahm ist oder es einen Wasserrohrbruch gibt. Unser Ziel ist es deshalb nicht, so wenige Baustellen wie möglich zu haben, sondern zu erreichen, dass es für alle Verkehrsteilnehmer eine optionale Ausweichroute gibt. Das kann dann aber eine längere Fahrtzeit bedeuten.

Christian Merl: Zum Thema Erwartungshaltung eine kleine Geschichte: Kürzlich bekam ich eine E-Mail von einem Geschäftsführer. Der beschwerte sich bitter, dass wir einen Lärmschutztunnel für die A  7 bauen. Von wegen Lärmschutz, schrieb er – wenn ich mit meinem Cabrio durch den Tunnel fahre, ist es so laut, dass ich mich mit meiner Begleiterin nicht mehr unterhalten kann.

ZEIT: Wie haben Sie reagiert?

Christian Merl koordiniert die Autobahnbaustellen. © Lisa Morgenstern für DIE ZEIT

Merl: Wir haben ihm erklärt, wo Raststätten und Parkplätze an der A 7 sind, auf denen er sein Verdeck schließen kann.

Marengwa: Es gibt eine Veränderung in der Gesellschaft: weg vom Wir, hin zum Ich. Das kriegen wir jeden Tag mit.

Merl: In vielen Fällen können wir gar nichts dazu, dass es Verzögerungen gibt. Auf der A 7 sind an der Anschlussstelle Stellingen drei Probleme gleichzeitig aufgetreten. Erstens: Eine Leitung, die niemand kannte; da musst du losziehen und den Verantwortlichen finden. Zweitens: Die Stahlindustrie in Deutschland ist dermaßen ausgebucht, dass sie Träger für die Lärmschutzwände nicht rechtzeitig liefern konnte. Drittens: In den Siebzigern wurde in die Übergangskonstruktion zwischen Straße und Brücke eine Art Dichtmasse reingeschmiert, die nicht abgeht. Wir haben mittlerweile drei unterschiedliche Verfahren probiert, um das rauszubekommen. Wir wissen nicht, was das ist, wir wissen nicht mal, ob es giftig ist. Das führt dazu, dass wir vier Wochen im Verzug sind.

Marengwa: Hinzu kommt, dass wir erst seit Anfang des Jahres das politische Mandat haben, wirklich alle Maßnahmen zu koordinieren, auch die der Bezirke. In vielen Fällen sehen wir das Resultat unserer Arbeit noch gar nicht.

ZEIT: Die Baustellenkoordination von heute zahlt sich erst in einigen Jahren aus?

Merl: Erste Erfolge sehen wir, aber wir planen auch schon mal sechs Jahre im Voraus. Für die A 7 werden wir südlich des Elbtunnels ab Herbst 2020 bauen und damit 2025, 2026 fertig sein. Das hat Auswirkungen auf das Netz in der Stadt. Wir müssen Anschlussstellen sperren und Umleitungen einrichten. Das planen wir heute.

ZEIT: Was bedeutet das genau?

Merl: Wenn wir die Anschlussstelle Hausbruch zeitweise sperren müssen, brauchen wir eine Umleitung über Heimfeld. Der Verkehr muss dann über die Kreuzung Cuxhavener/Waltershofer Straße abgewickelt werden. Das geht nur mit einem zweiten Abbieger und entsprechenden Ampeln. Also reden wir mit den Leuten im Bezirk. Die sagen dann: Prima, die Straße ist eh marode, und es wäre gut, wenn wir auch gleich die Velo-Route bauen könnten. Dann kommt Hamburg Wasser und sagt: Wenn die Straße offen ist, würden wir gerne die Wasserleitungen in Ordnung bringen. Und die Telekom will ihre Datenleitungen erneuern. Um das miteinander hinzukriegen, brauchen wir einen langen Vorlauf. Und die Kreuzung muss fertig sein, wenn wir auf der A 7 mit dem Ausbau starten, sonst steht dort der Verkehr.

Marengwa: Ginge es nur um die Straßen, wäre es einfacher. Aber die Straße ist ein Träger jeglicher Infrastruktur: Wasser, Gas, Strom, Internet. Seit den Achtzigern wurde viel privatisiert, das sind heute alles einzelne Unternehmen mit ihrer je eigenen Planung. Was wir jetzt mühsam versuchen: die Akteure wieder zusammenzubringen und mit ihnen Abläufe zu besprechen. Davon profitieren alle. Denn wenn wir nur einmal die Straße aufreißen und jeder seine Arbeiten erledigt, ist es günstiger für die Firmen und besser für die Bewohner.