Die Passagiere an Bord von Flug Nummer MT 2643 waren die letzten, die der britische Reisekonzern Thomas Cook am Montagmorgen noch nach Hause brachte. Um 8.40 Uhr landete der Airbus A330 am Flughafen Manchester. Gestartet war die Maschine gut acht Stunden zuvor im sonnigen Orlando im US-Bundesstaat Florida. Und während sich der Airbus hoch über dem Atlantik auf dem Heimweg befand, fiel in der Konzernzentrale in London eine dramatische Entscheidung.

In den frühen Stunden des Montagmorgen meldete Thomas Cook Insolvenz an. Während der Nacht waren Sanierungsgespräche mit Investoren und Gläubigern gescheitert. Die Unternehmensführung stellte das Geschäft umgehend ein und strich sämtliche Flüge. Vorstandschef Peter Fankhauser sagte: "Das ist ein sehr trauriger Tag für das Unternehmen, das Pauschalreisen den Weg bereitete und das Reisen für Millionen Menschen auf der ganzen Welt ermöglichte."

Und genau da sitzen sie nun fest: auf der ganzen Welt. 600.000 Touristen und Geschäftsleute sollen zum Zeitpunkt der Insolvenzanmeldung mit Thomas Cook unterwegs gewesen sein. 150.000 Briten sind darunter. Und 140.000, die über eine der deutschen Tochtergesellschaften des Konzerns gebucht hatten. Zwar haben deutsche Ableger wie Öger Tours, Neckermann und Bucher Reisen noch keinen Insolvenzantrag gestellt. Dennoch weiß auch dort niemand, wie es weitergeht. Neue Reisen würden nicht mehr verkauft, teilte die deutsche Thomas Cook GmbH mit. Immerhin: Mindestens bis zum Redaktionsschluss am späten Dienstagabend flog der Ferienflieger Condor, ebenfalls eine Konzerntochter, weiter.

Der Fall zeigt die Komplexität einer wahrhaft globalen Industrie. Er belegt, dass der Drang zur Größe mitunter sehr gefährlich wird. Dass man viel Geld bewegen und zugleich nichts daran verdienen kann. Und er wirft die Frage auf, welche Zukunft die Pauschalreise noch hat.

Der Niedergang des Reiseveranstalters ist mehr als die Pleite irgendeines Touristikunternehmens. Im vorvergangenen Jahrhundert erfand der Baptistensohn Thomas Cook eher zufällig die Pauschalreise – ein Rundum-sorglos-Paket, das heute meist aus Flug, Hotel und Verpflegung besteht. 1841 war das Programm noch ein wenig abgespeckter. Damals organisierte Cook für 570 Alkohol-Abstinenzler eine Bahnreise von Leicester ins 20 Kilometer entfernte Loughborough. Daraus entwickelte sich ein globaler Reisekonzern, in dessen Flugzeugen später auch Alkohol ausgeschenkt wurde – wenngleich auch das am Ende nichts nützte. Der Konzern mit 22.000 Angestellten, der im vergangenen Jahr 19 Millionen Reisende in 16 Länder der Welt brachte, litt zuletzt unter 1,7 Milliarden Pfund Schulden. Die stammten zum großen Teil noch aus der Unternehmenskrise 2011 und engten den Konzern in seinen finanziellen Möglichkeiten immer mehr ein.

Der jüngste Akt von Thomas Cook wird als "Operation Matterhorn" in die Tourismusgeschichte eingehen. Unter diesem Namen werden derzeit britische Reisende zurück nach Großbritannien geflogen. Verkehrsminister Grant Shapps nennt sie "die größte Rückholung in Friedenszeiten in der Geschichte des Vereinigten Königreichs". Die Luftfahrtbehörde Civil Aviation Authority (CAA) hat weltweit mehrere Dutzend Flugzeuge gechartert, um die britischen Kunden innerhalb von zwei Wochen nach Hause zu holen. Die Kosten der Operation Matterhorn schätzt die Regierung auf 100 Millionen Pfund.

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In Deutschland fliegen die meisten Thomas-Cook-Kunden mit der Tochtergesellschaft Condor. Weil die Airline aber auch Passagiere anderer Veranstalter befördert und solche, die nicht als Pauschaltouristen unterwegs sind, gelten einige Besonderheiten. So teilte Condor mit, dass alle Flüge planmäßig stattfinden. Zumindest am Montag und Dienstag seien zwar keine Thomas-Cook-Pauschaltouristen mehr mit ins Zielgebiet genommen worden, Rückflüge allerdings könnten diese "wie geplant antreten".

Bei Zusammenbrüchen deutscher Veranstalter würde die Insolvenzversicherung greifen. Vorher aber nicht, wie die Zurich mitteilt, über die Reisende mit deutschen Thomas-Cook-Gesellschaften versichert sind. Davon abgesehen gibt es Kritik am Versicherungssystem, weil Unternehmen ihre Haftung auf 110 Millionen Euro pro Jahr beschränken dürfen. Die Summe könne schnell aufgebraucht sein, sagt Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands: "Die Bundesregierung muss endlich dafür sorgen, dass alle Pauschalreisenden im Falle der Insolvenz eines großen Reiseanbieters ein zu 100 Prozent verlässliches Sicherheitsnetz haben."

Für deutsche Anbieter wäre das sogar ein Wettbewerbsvorteil, meint Volker Böttcher, ein ehemaliger Vorstand bei TUI, dem größten europäischen Reiseveranstalter und Thomas-Cook-Konkurrenten. "Die aktuelle Krise ist für die Pauschalanbieter auch eine große Chance", sagt er. "Wenn betroffene Kunden ihre Reisekosten zurückerhalten, steigt das Vertrauen in die Branche. Dann hat man gute Argumente gegen die Buchung einzelner Bausteine im Internet zu Hause."

Böttcher ist heute Professor für Tourismusforschung an der Hochschule Harz in Wernigerode und diskutierte erst am Montag mit seinen Studenten darüber, ob Pauschalreisen eine Zukunft hätten. Er verteidigte die Branche. Als beispielsweise nach dem Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull 2010 eine Aschewolke den Flugverkehr über Europa lahmlegte, sorgten die Reiseveranstalter schließlich für Ersatzflüge und entschädigten die Urlauber. Wer hingegen auf eigene Faust gebucht hatte, ging leer aus.