Zu den Exportprodukten, mit denen Deutschland die Türkei bereichert hat, gehören nicht nur Panzer, Luxusautos und Pauschaltouristen, sondern tatsächlich auch: Rap. Denn Türkischer Hip-Hop entstand nicht etwa am Bosporus, sondern mehr als zweitausend Kilometer entfernt am Landwehrkanal, am Main, am Rhein, in der Jugendsubkultur, die sich im Zuge des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern entwickelte. Als Remix eines Max-Frisch-Zitats klänge die Geschichte so: "Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Rapper." Türkischer Rap kommt aus der Diaspora in Deutschland, wo amerikanische Hip-Hop-Elemente und anatolische Samples miteinander verschmolzen. Erst Mitte der Neunziger brachten Rap-Pioniere diese Hybride dann aus Deutschland in die Türkei.

Zu den ersten türkischsprachigen Rap-Crews zählten $lamic Force aus Kreuzberg. In ihrem Song Gurbetçi Çocukları von 1997 beschreiben sie das ewige Driften zwischen zwei Kulturen, von denen sie jeweils ausgegrenzt wurden: In der Türkei seien sie Deutschländer, die "Almancı", in Deutschland Fremde, die "Yabancı", sie sind Kind von "Gurbetçi", den Türken, die im Ausland leben. Während $lamic Force Geheimtipp blieben, gelang dem deutsch-türkischen Kollektiv Cartel der Durchbruch, als ihr allererstes Album ausgerechnet in der Türkei auf Platz eins der Charts landete: "Du bist Türke. In Deutschland. Verstehe das, und vergiss es nicht", heißt es in ihrem Song Sen Türksün. 1995 klangen Mölln und Solingen hier noch nach.

Ausgerechnet solch ein Almancı-Produkt, eine deutsch-türkische Rap-Unternehmung, ist es nun, die die Türkei auf- und durchrüttelt, weil sie anspricht, was im Argen liegt: Susamam ("Ich kann nicht schweigen") heißt der Song, den 20 der erfolgreichsten Rapper des Landes auf Initiative des Hip-Hop-Künstlers Şanışer hin aufgenommen haben. Ihre Themen: Frauenrechte, die türkische Justiz, inhaftierte Journalisten, Zensur, Umweltfragen. Und das zu einer Zeit, in der bereits ein falscher Tweet jahrelange Haft bedeuten kann und viele andere türkische Künstler der Mut verlassen hat, Missstände in ihrem Land anzuprangern oder auch nur anzudeuten.

Mehr als 28 Millionen Mal wurde das aufwendig produzierte, fünfzehn Minuten lange Video seit seiner Veröffentlichung vor drei Wochen auf You Tube aufgerufen. Die Schriftsteller Elif Şafak und Zülfü Livaneli haben es auf Twitter geteilt, der Filmregisseur Fatih Akin ließ sich das Hashtag #Susamam sogar auf den Arm tätowieren.

Gleich die erste Szene des Videos widerspricht den gängigen ästhetischen Formeln des Rap-Geschäfts: keine urbanen Szenen, keine dicken Autos, keine spätpubertären Posen. Stattdessen die türkische Steppe unter strahlend blauem Himmel. Mittendrin steht ein Panzer, aus der Untersicht sehen wir Fuat Ergin, er beklagt Umweltzerstörungen, Bilder von brennenden Wäldern und rauchenden Fabrikschornsteinen flackern auf. Dazu rappt Ergin: "Wir sind migriert und verdorben / Haben Abfall gekotzt / Sind so tief gesunken, dass wir unsere drei Meere vollgeschissen haben / Der unberechenbare Halbstarke atmet Abgase und ging zum Barbecue."

Auch der 46-jährige Ergin hat mit Rap in Berlin angefangen, wo er geboren wurde und lange gelebt hat. Er war Teil der legendären Hip-Hop-Crew M.O.R., zu deren Gründungsmitgliedern auch Kool Savas gehörte, einer der stilprägendsten deutschen Rapper. Ergin nennt sich in seinen Songs wie auch in unserem Skype-Gespräch nicht ohne Stolz "einen Westberliner Türken", er spricht hervorragend Deutsch und Türkisch und widerspricht damit dem Klischee des Almancı, einer Figur, die weder das eine noch das andere perfekt beherrscht. Ergin rappt meist auf Türkisch, und wer den Unterschied zwischen der deutschsprachigen und türkischsprachigen Rap-Szene kennt, weiß auch, wieso: Während deutscher Straßen-Rap so oft unpolitisch bleibt, hat sich Türkrap ernsteren Themen verschrieben.

Letztlich blieb den Musikern auch gar nichts anderes übrig – nach den Protesten im Gezi-Park, dem Putschversuch und seinen Folgen, der ökonomischen Krise. "Die Rap- und Hip-Hop-Kultur ist bei uns nicht nur einfach irgendein Gelaber über Party, über Champagner, über Drogen, Kiffen oder was weiß ich. Hier sind Leute, die was zu sagen haben, und die haben es mit Rap gemacht."

Türkischer Rap musste erwachsen werden. Das hat Ergin, der bei den Gezi-Protesten 2013 mitten im Geschehen war, am eigenen Leibe erfahren. "Neben mir wurden Leute erschossen, ich habe anderen geholfen, die vom Tränengas verletzt wurden." Diese Erfahrung unterscheidet ihn von manchen seiner Mitstreiter im Susamam-Video, Şanışer zum Beispiel rappt: "Ich bin apolitisch aufgewachsen, habe nie gewählt." Er sei immer politisch gewesen, sagt Ergin. Warum hat es so etwas wie Susamam dann nicht schon vorher gegeben? "Das war ein Gärungsprozess. 2013 haben wir uns wirklich alle krass gefürchtet", sagt Ergin. "Man muss sich das vorstellen: Freunde von uns sind gestorben, sind erblindet von den Plastikkugeln der Polizisten. Wir hatten wirklich ernsthafte Angst davor, irgendetwas zu machen. Hätten wir diesen Song 2013 gemacht, wir wären heute immer noch im Knast."

Nicht nur das Schweigen ist jetzt gebrochen. Auch Unterschiede, die sonst zur Spaltung des Landes führten, scheinen hier egal zu sein: "Wir haben Leute dabei, die Sympathisanten der Partei HDP sind, mit kurdischen Wurzeln. Ich bin Türke. Ein ganz anderer sympathisiert mit dem nationalistischen Flügel." Sie alle wurden aus der schwierigen Gemengelage heraus aktiv, kämpfen gemeinsam für dieselben Rechte. "Dieses Projekt ist so wie ein Gemälde von der Türkei, über die Türken", sagt Ergin. "Wir sind alle zusammengekommen und haben gesagt: Ey, egal, was passiert ist, egal, wie viel Blut geflossen ist, wir können einfach miteinander, und darum geht es."

Es war der türkische Dichter Nâzım Hikmet, der einmal von der unbeugsamen Stoßkraft der Musik schrieb. In seinem Gedicht Şarkılarımız ("Unsere Lieder") forderte er, dass Lieder auf die Straße gehen, an den Fenstern und Türen rütteln sollen, bis diese sich öffnen. Susamam ist genau das in beeindruckender Weise gelungen, und man kann mit Ergin zusammen nur hoffen, dass das Echo noch lange nachhallen wird: "Leute zwischen sieben und siebzig Jahren fanden den Song gut und haben gesagt, dass wir ihnen aus der Seele sprechen. Dieser Track hat sich zu einem Sprachrohr entwickelt, und ich hoffe, es geht weiter, ich hoffe, dass er nicht vergessen wird."