Wann immer in Deutschland ein neues Unternehmen entsteht, beginnt ein Wettrennen. Es geht darum, wessen Rechnung es zuerst zu dessen Gründer schafft. Der Sieger verdient oft einen hohen dreistelligen Euro-Betrag. Bei 1500 Gründungen am Tag kann da einiges zusammenkommen. Das funktioniert vor allem dann, wenn der Gründer unerfahren ist. So wie Siamak Farrokhi Kukia aus Berlin.

Am 21. Juni wurde sein Unternehmen, die S. F. K. Krisenberatung & Lebenshilfe gGmbH, ins Handelsregister eintragen. Am Tag danach erreichen ihn zwei Schreiben. Die "HGR Online GmbH" und die "GWRP" fordern Geld, beide rund 800 Euro. Es gehe um seinen Handelsregistereintrag. "Ich habe sogar einen Rechtsanwalt gefragt, der im selben Gebäude sitzt", sagt Farrokhi Kukia. "Der sagte auch, das sei in Ordnung." Er erwartet ohnehin noch eine Rechnung über die verbliebenen Notarkosten. Also überweist er. Einige Tage später erreicht ihn die echte Zahlungsaufforderung des Amtsgerichts Charlottenburg über 155 Euro. Farrokhi Kukia wird stutzig.

Er liest im Internet von ähnlichen Fällen und erfährt bald: dahinter steckt ein Geschäftsmodell. 288 Millionen Euro kommen damit im Jahr zusammen, schätzt Peter Solf vom Deutschen Schutzverband gegen Wirtschaftskriminalität (DSW). Derzeit liegt auf Solfs Schreibtisch in Bad Homburg ein Brief der "HGR Online GmbH", die auch von Farrokhi Kukia Geld verlangt hatte.

"Das Formular gibt es in dieser Form seit 1996", sagt Solf. Nur der Absender ändere sich. Im Fall der "HGR Online GmbH" kennt Solf gleich drei Varianten. Mit unterschiedlichen Kontodaten und unterschiedlichen Postfachangaben in Mönchengladbach, Berlin und Düsseldorf. Im vergangenen Jahr sind in Bad Homburg 72 solcher Anbieter dokumentiert geworden.

Sie leben vom Stress der Gründer. Die Briefe erwecken den Eindruck eines offiziellen Handelsregister-Schreibens. Die Betrüger nennen sich im Briefkopf "Handelsregisterzentrale", nehmen Bezug auf den gerade erfolgten Handelsregistereintrag und fordern hohe dreistellige Beträge – zu zahlen binnen wenigen Tagen, sonst werde der Eintrag gelöscht. Irgendwo im Kleingedruckten findet sich der Hinweis, es handele sich nur um eine "Offerte". "Es gibt eine neue Unternehmergeneration, die oft ein dankbares Opfer ist", sagt Solf. Die Maschinerie beginne mit der Online-Veröffentlichung des Handelsregistereintrags. Die Daten würden automatisiert eingelesen, sofort gehe ein Schreiben von den Abkassierern raus, in der Hoffnung, der Erste zu sein.

"Unternehmer sind schlechter als Verbraucher geschützt", sagt Solf. Haben die Gründer überwiesen, können sie von keinem Widerrufsrecht Gebrauch machen. Sie bleiben erst einmal auf den Kosten sitzen. Gehen die Gründer dann zur Polizei, werden sie manchmal abgewiesen. Die Begründung: Sie hätten lediglich ein Angebot angenommen. Das Bundesjustizministerium allerdings stellt klar: "Strafrechtlich handelt es sich bei den Schreiben in der Regel um versuchten oder vollendeten Betrug."

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) fordert deshalb mehr Unterstützung. "Wir würden uns mehr Sensibilität für das Thema bei den Staatsanwaltschaften wünschen, da solche Formularfallen aus unserer Sicht eindeutig Betrug und die Schäden für die deutsche Wirtschaft immens sind", sagt die DIHK-Rechtsexpertin Hildegard Reppelmund.

Das Justizministerium will Gründer nun besser informieren. Unter anderem gibt es auf der Internetseite des Bundesanzeigers inzwischen eine Liste mit unlauteren Anbietern. Die Fälle seien seitdem zurückgegangen, heißt es aus dem Ministerium. Solf sieht das anders. "Ich glaube, es wird nur weniger aktenkundig", sagt er. Die Fälle würden nicht weniger. Sie würden nur komplizierter. Immer häufiger erreichen Solf Briefe, die keine kompletten Namen oder Adressen enthalten. Was bleibt, sind Kürzel und Kontodaten. "Die Personen im Hintergrund sind namentlich nicht bekannt. Es werden immer neue Strohmänner als Geschäftsführer vorgeschoben", sagt Solf.