... die ÖVP nur 32 Prozent erreicht und unter den selbst gesteckten Erwartungen bleibt?

Er kann doch nicht über Wasser gehen, würde es heißen, wie alle anderen benötigt auch er ein Boot, um nicht in den Fluten unterzugehen. Der türkise Lack des unbesiegbaren Sebastian Kurz wäre weitgehend abgeblättert, das strahlende Image dahin. Er hatte sich in das Zentrum des Wahlkampfes gestellt, die gesamte Werbung auf sich zugeschnitten und mit dieser Ego-Kampagne offensichtlich nicht punkten können. Statt eines Höhenflugs wäre solch ein enttäuschendes Ergebnis eine Bruchlandung. Offenbar kann die ÖVP auch mit einem harten Rechtskurs keine Wähler mehr von den Freiheitlichen gewinnen – Ibiza hin oder her. Die unbeschränkte Kontrolle über seine Partei hätte Kurz damit verloren. Seine türkise Neue Volkspartei würde sich langsam im Krebsgang wieder in Richtung der alten, schwarzen ÖVP bewegen. Die Anhänger der Sozialpartner, die Kurz erfolgreich verscheucht hatte, würden nun wieder aus ihren Verstecken zurück auf die Bühne treten.

All die Skeptiker in den Bundesländern, die das türkis-blaue Experiment schon immer kritisch gesehen haben, würden nun ihre Kräfte mobilisieren. Gegen ihren Widerstand hätte Kurz große Schwierigkeiten, eine Neuauflage seines gescheiterten Modells durchzusetzen. Ebenso könnten Kurz und sein innerer Kreis den Wiener Zentralismus der Bundespartei nicht mehr aufrechterhalten. Entscheidungen würden wieder quer über das Land verteilt getroffen werden. Über kurz oder lang würde die Volkspartei aber vor allem ihren traditionellen Lieblingssport entdecken: den Obmann zu schlachten. Selbst wenn der Bundeskanzler ist.

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... die FPÖ die SPÖ überholt?

Der Albtraum für die Genossen: Das erste Mal in ihrer Geschichte auf dem dritten Platz © Peter M. Hoffmann für DIE ZEIT

Es wäre der Super-GAU für die Sozialdemokraten. Die Partei würde von heute auf morgen in eine existenzielle Krise geschleudert werden. All die internen Konflikte, die in der letzten Zeit mühsam kalmiert werden konnten, brächen erneut auf. All die Besserwisser hätten Hochsaison. Jeder würde ein neues Rollenverständnis von der Partei fordern. Ihr Selbstbild als staatstragende Kraft hätte freilich ausgedient.

So richtig kamen die Genossen nie in der für sie ungewohnten Opposition an. Seit Christian Kern beleidigt und entnervt das Handtuch warf, scheint alles aus den Fugen geraten zu sein. Die neue Parteichefin Pamela Rendi-Wagner hat keine Hausmacht, tauschte populäres Personal gegen eigene Vertraute aus und wurde von den Neuwahlen überrascht. Immer schon wurde an ihrem Stuhl gesägt, bislang mit überschaubarem Erfolg. Doch sollte die Nationalratswahl in einem Debakel enden und die SPÖ auf Platz drei landen, werden die Stimmen, die ihre Ablöse fordern, nicht mehr überhört werden können – auch wenn sich derzeit kein logischer Nachfolger anbietet. Die Partei würde in diesem Worst-Case-Szenario jedenfalls auf Jahre hinaus paralysiert sein.

Eine letzte Überlebenschance für die Vorsitzende könnte darin bestehen, zu Koalitionsgesprächen mit Sebastian Kurz eingeladen zu werden. Wer gerade eine Regierungsbeteiligung verhandelt, kann schwerlich von den eigenen Genossen gestürzt werden.

Selbst wenn der Wahlsieger einen anderen roten Verhandlungspartner bevorzugen würde – auffällig häufig streute er in Diskussionen den Namen des Burgenländers Hans Peter Doskozil ein –, wäre für ihn die Versuchung groß, sich mit einer geschwächten roten Parteichefin an einen Tisch zu setzen. So billig wäre für ihn eine Koalition in keiner anderen Konstellation zu haben.

Sollte die SPÖ direkt in Opposition gehen, wird die Zeit bis zu den Wiener Gemeinderatswahlen im Herbst nächsten Jahres von mehreren Personaldiskussionen überschattet werden. Denn das rote Desaster würde auch der Wiener SPÖ angelastet werden, die darin versagt hatte, ihr Stimmpotenzial in der Hauptstadt auszuschöpfen und so der gesamten Partei die Schlappe bescherte. Plötzlich erschiene wieder die letzte rote Bastion des Landes ernsthaft bedroht.

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... eine Koalition zwischen ÖVP und Grünen rechnerisch möglich ist?

Endlich mitregieren? Es wäre eine Belastungsprobe für die Grünen und ein Risiko für Kurz © Peter M. Hoffmann für DIE ZEIT

Die Grünen sind gespalten: Die einen wollen endlich mitregieren und nicht mehr nur Schönheitspreise auf der Oppositionsbank gewinnen. Die anderen warnen davor. Eine Regierung mit Sebastian Kurz? Mit dem Mann, der stolz Flüchtlingsrouten schließt, der die FPÖ in eine Koalition holte – inklusive Herbert Kickl als Innenminister? Das verstört viele Grüne.

Für Sebastian Kurz wäre eine Koalition mit den Ökos, mitunter ein Wunschtraum seiner Vorgänger, zugleich auch ein großes Risiko. Er müsste Abstriche vor allem in der Migrations-, aber auch in der Vermögenspolitik machen. Wie aber würde seine auf rechts gepolte Wählerschaft darauf reagieren? Befände sich seine Koalition, die nur über eine knappe Mehrheit verfügte, nicht zugleich auch in der Geiselhaft einer Handvoll grüner, wenig kompromissbereiter Abgeordneter?

Und dann gibt es aber noch einen früheren grünen Parteichef, der heute als Bundespräsident in der Hofburg sitzt und mit einer grünen Regierungsbeteiligung eine große Freude hätte.

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... Hardliner Herbert Kickl mehr Vorzugsstimmen erhält als FPÖ-Parteichef Norbert Hofer?

Herbert Kickl wird sich nicht sehr lange mit der zweiten Reihe zufrieden geben © Peter M. Hoffmann für DIE ZEIT

Erst einmal passiert gar nichts. Die FPÖ hat sich zwar in zwei Lager geteilt – hier die Anhänger des neuen Parteichefs Hofer, dort jene des vor allem bei der Basis beliebten Scharfmachers Kickl. Doch beide Flügel haben derzeit nur ein Ziel: zurück in die Regierung. Je stärker der Listenzweite Kickl wird, der für den Königsmacher Sebastian Kurz eine Persona non grata ist, desto teurer wird die FPÖ versuchen, sich den Verzicht auf ein Ministeramt für Kickl abkaufen zu lassen. Knurrend wird Kickl am Ende klein beigeben und sich auf die Funktion des Klubobmanns im Parlament beschränken. Vorerst jedenfalls.

Denn ruhig wird es um Herbert Kickl damit nicht. Er ist der Held der blauen Kernwähler, einer, dem seine Scharfmacherei bei den Fußtruppen Ovationen einbringt und einer, dem die parlamentarische Bühne zunehmend zu eng wird.

Einerseits ist der Posten des Klubchefs gewichtig genug, um Einfluss auf die Regierung zu nehmen. Anderseits ist die Position günstig, um sich trotz Regierungsbeteiligung gegenüber der eigenen Basis mit brachialen Drohungen gleichsam als harte Opposition zu Kurz zu positionieren. Herbert Kickl wird sich nicht für immer mit der zweiten Reihe in der Partei zufrieden geben. Gut möglich, dass der innerparteiliche Machtkampf bei den Blauen mit einiger Verzögerung aufflammt.

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... die Neos zweistellig werden?

Beate Meinl-Reisinger und die Neos haben Parteigründer Matthias Strolz überwunden und drängen in die Regierung © Peter M. Hoffmann für DIE ZEIT

Matthias Strolz ist überwunden. Beate Meinl-Reisinger erreichte mehr Stimmen als der pinke Übervater. Dadurch dürfte ihr Lieblingsthema, die Bildungspoltik, wieder größere Bedeutung erhalten.

Der Drang in eine Regierung wird groß werden. Auf lange Sicht werden die Neos versuchen, sich als Juniorpartner der ÖVP ebenso wie der SPÖ anzudienen.

Sebastian Kurz - Vom Geilo-Mobil bis zur Kanzlerschaft In Österreich wird am Sonntag ein neues Parlament gewählt. Warum dabei am ehemaligen Kanzler Sebastian Kurz kein Weg vorbeiführt, zeigt unser Video. © Foto: Dan Kitwood/Getty Images

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