Am Sonntag ist Wahltag. In der Diktion der – zu jenem Zeitpunkt noch rechten – Opposition ist ein Wahltag auch ein "Zahltag". Nur, wer wird am Sonntag welche Rechnungen begleichen müssen? Was bleibt nach diesem unseligsten aller Wahlgänge? Was bleibt nach dem vollkommenen Verlust der politischen Debatte? Was bleibt nach der Retardierung des politischen Wettbewerbs auf die Frage, wer am zielsichersten mit Gatsch werfen kann?

Es bleibt wohl die Frage: Wann und wo hört Demokratie auf? Wann und wo bricht das – ohnehin schon dünne – Eis, auf dem sich die Gesellschaft bewegt?

Als gelernter österreichischer Wähler erwartet man von den Parteien ja ohnehin keinen Beitrag zur Lösung der globalen Probleme des 21. Jahrhunderts, aber etwas weniger Pleiten, Pech und Pannen wären doch ganz nett gewesen.

Die folgende Auswahl an Meilensteinen der Peinlichkeit sollte man sich vor Betreten der Wahlkabine aber vielleicht doch in Erinnerung rufen. Warnung: "Es tut gleichmäßig weh", wie Herbert Grönemeyer in seiner Rockballade Mensch feststellt.

Die b’soffene G’schicht

© Katharina Harris

Dieser Wahlgang hätte gar nicht österreichischer anfangen können, als mit der b’soffenen G’schicht in Ibiza. Wären nämlich andere Substanzen in der Villa aufgelegen, wäre der Mann, der einige Monate später Vizekanzler sein sollte, natürlich "sofort aufgestanden und gegangen", und das Land könnte am 29. September einen geruhsamen Sonntag verbringen. Übermäßiger Konsum von Alkohol ist spätestens seit den Staatsvertragsverhandlungen mit den Sowjets österreichisches Polit- und Kulturgut. "Und jetzt no die Reblaus, und dann sans waach", soll der damalige Bundeskanzler Julius Raab der Legende nach seinem Außenminister Leopold Figl zugeraunt haben. Wen wundert es also, dass nach Veröffentlichung des Videos von der Baleareninsel eben nicht die FPÖ, sondern die SPÖ abgestürzt ist. Wen hat es in diesem Wahlkampf überhaupt gewundert, dass die SPÖ abstürzt – was auch immer passiert.

Die analoge Konterrevolution

Weltweit wird bei Wahlen um die Wette getwittert, gepostet, getargetet, manipuliert, dass sich die Algorithmen biegen. Aber nicht unbedingt in der schönen Alpenrepublik. Da lässt ein junger Mann Festplatten aus dem Kanzlerbüro schreddern, gibt einen falschen Namen, aber die richtige Telefonnummer an und bezahlt dann die Rechnung von 76 Euro nicht. Dieser völlig analoge Schildbürgerstreich hätte selbst die abgebrühtesten Typen von Cambridge Analytica ratlos zurückgelassen.

Die situationselastische Farbpalette

Farben sind wunderbare Orientierungshilfen. Natürlich auch im Dickicht des Politikdschungels. Allerdings geraten historische Farbzuordnungen – die Schwarzen, die Roten, die Blauen, die Grünen – in diesem Wahlkampf mehr und mehr durcheinander. Der türkise Lack, der zu wenig Zeit zum Trocknen hatte, blättert schon da und dort ab, und es kommt die ursprüngliche schwarze Grundierung wieder zum Vorschein. Die kleinen braunen Tupfer, die immer bei der Erwähnung der "Silbersteins dieser Welt" auftauchen, sind durchaus beabsichtigt, um auch das Publikum im Parterre ganz rechts zum Johlen zu bringen.

Das Blau der Blauen hingegen bekommt in der jüngsten Vergangenheit einen Verlauf ins Hellblaue, was nur durch den maßlosen Verzehr von Kreide zu erklären ist. Andererseits werden auch Schattierungen ins Vergissmeinnicht-Violett sichtbar, die aufgrund der immer häufiger werdenden Koalitionsanbiederungen aber weiter nicht verwundern.

The Long and Winding Road

Die politische Auseinandersetzung gehört auf die Straße. Dort, wo die Plakate zu Hause sind. Neben aller digitalen, fragmentierten Ansprache geht es schlussendlich doch um die eine große, zentrale, plakative Botschaft. Wenn es sie denn gibt.

Erraten: weit und breit keine Spur davon. Die Wahlplakate waren – im wahrsten Sinne des Wortes – öffentliche Anschläge auf die Intelligenz der Wähler.

Sebastian ich habe die Balkanroute geschlossen Kurz will den ach so erfolgreichen Weg weiterwandern. Weshalb? Mit wem? Wohin? Das wird allerdings nicht verraten.