Frage: Herr Zarnow, was bitte ist eine urbane Theologie? Ist der Gott der Stadt ein anderer als der auf dem Land?

Christopher Zarnow: Nein, aber in unserer Vorstellung von Kirche schwebt uns immer das Dorf vor Augen. Das steht für ein einhelliges Lebensgefühl, für die Gemeinde, die Geborgenheit bietet, für Beheimatung. Auf die Stadt aber lässt sich dieses Modell nicht ohne Weiteres übertragen. In einer Kultur der Differenz – das ist ja im Kern die Stadtkultur – kommen solche Kirchenbilder an ihre Grenzen.

Frage: Was unterscheidet denn eine urbane Theologie von der herkömmlichen Theologie?

Zarnow: Erst mal ist mit dem Attribut "urban" die thematische Fokussierung auf einen bestimmten Kontext gemeint. Dieser Kontext ist durch eine hohe Dynamik, Unverbindlichkeit und Fluktuation bestimmt – alles erst mal keine besonders kirchennahen Begriffe. Da genau liegt aber der springende Punkt: Gegenüber dem Bild von der Kirche im Dorf gibt es keine ähnlich prägenden Bilder von einer urbanen Kirche und der dazugehörigen Theologie. Da setzt meine Arbeit an.

Frage: Und das ausgerechnet in Berlin, einer Stadt, die doch vielen als Heidenland gilt und eher religionskritisch ist?

Zarnow: Es gibt in dieser Stadt – je nach Zählung – über 300 verschiedene religiöse Gemeinschaften. Das klingt nicht nach einem pauschalen Religionsverfall. Sie führen alle ihr Eigenleben und tragen zur Glaubensvielfalt der Stadt etwas bei. Dieser Zustand widerspricht dem Bild, das die Theologie des 19. Jahrhunderts von der Stadt hatte: Für sie war das ein Ort des Wertezerfalls, der Zerstörung von Tradition und religiöser Entfremdung. Aber die säkulare Stadt ist immer auch ein religionsproduktiver Ort gewesen. Neue religiöse Bewegungen sind in den Städten gegründet worden.

Frage: In der Bibel kommt die Stadt jedenfalls schlecht weg ...

Zarnow: Wenn Sie auf Sodom und Gomorrha, Babel, Ninive anspielen – das sind ja sprichwörtliche Sündenstädte. Es stimmt: Eine stadtkritische Linie durchzieht die biblischen Schriften. Sogar Jesus selbst meidet die Städte. Die einzige Stadt, die er betritt, ist Jerusalem, und die wird zur Stätte seiner Hinrichtung.

Frage: Was macht Sie dann so zuversichtlich, eine urbane Theologie etablieren zu können?

Zarnow: Es gibt ja auch eine andere biblische Linie. Bei Jeremia heißt es "Suchet der Stadt Bestes". Dahinter steckt der Rat, dass sich die Juden nach der Zerstörung des Tempels in der Diaspora auf die fremde Umgebung einlassen und das Beste daraus machen sollen. Überdies ist es doch erstaunlich, dass die Schlussvision der Bibel kein Garten ist, sondern die "himmlische Stadt" Jerusalem. Ich möchte aus einem defizitären Denken herauskommen, wonach immer nur alles schwindet. Die Religion verschwindet nicht, sie ändert ihr Gesicht. Und die Stadt ist ein Ort, an dem man sich gut auf die Suche nach ihren neuen Gesichtern machen kann.

Frage: Wo wollen Sie da ansetzen?

Zarnow: Die historischen Voraussetzungen könnten schlechter sein. Schon durch die Kirchenbauten ist die christliche Religion in unseren Städten ja omnipräsent. Stadt- und Kirchenkultur waren lange eins, die großen europäischen Städte sind allesamt christlich überformt. Die Trias von Marktplatz, Rathaus und Kirchturm bildete ihren Kern. Bis auf den heutigen Tag bestimmen Kirchengebäude vielerorts das Stadtbild oder gelten sogar als städtische Wahrzeichen.

Frage: Urbanes Leben verheißt Befreiung aus der Enge. Hier kann der Mensch spirituelle und sexuelle Lebensformen praktizieren, die dem Moralkodex der Kirchen widersprechen. Wie soll die Theologie denn mit solchen libertären Existenzentwürfen umgehen?

Zarnow: Ich habe Probleme mit der Vorstellung eines fest umschriebenen Moralkodex der Kirche. Aus meiner Sicht kann keine Theologie bestehen, die an der spätmodernen Individualisierung von Lebensentwürfen vorbeigeht.

Frage: Sich öffnen und mehr Pluralismus wagen. Soll sich die Kirche nun an den Zeitgeist heranschmeißen?

Zarnow: Von Ausverkauf und Ranschmeißerei kann doch gar keine Rede sein. Die Kirchen erfüllen wichtige, ganz eigenständige Aufgaben im Leben unserer Städte. Sie sind herausragende Gebäude, Portale der Stadtgeschichte, zentrale Feier- und Gedenkorte. Wenn Soldaten sterben oder Anschläge verübt werden wie auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin, dann gelangen die Gottesdienste wieder in das öffentliche Bewusstsein.