Am Morgen nachdem seine Fluggesellschaft vorerst gerettet worden war, kam und kam Condor-Chef Ralf Teckentrup nicht aus dem Bett. Um sechs Uhr steht der 61-Jährige normalerweise auf, frühstückt mit seinen beiden Kindern und fährt zur Arbeit, aber Teckentrup verschlief. Wer mag ihm das verdenken? Nur Stunden zuvor hatten Bund und Land Condor einen Überbrückungskredit in Höhe von fast 400 Millionen Euro eingeräumt. Genug, um zumindest ein paar Stunden zu entspannen.

Zurück im Büro, geht es weiter Schlag auf Schlag. Gespräche mit Politikern, Anwälten und möglichen Investoren wechseln sich ab. Noch immer könnte die EU-Kommission entscheiden, dass die Staatshilfe eine illegale Beihilfe sei und zurückgezahlt werden müsse. "Mein Adrenalinpegel ist gerade sicher zehnmal höher, als er sein sollte", sagt Teckentrup am späten Nachmittag, als er sich eine halbe Stunde für das Gespräch mit der ZEIT nimmt. Für das abrupte Ende des Interviews sorgt Verkehrsminister Andreas Scheuer, dessen Vorzimmer da schon länger in der Telefonleitung wartet. "Da muss ich jetzt wirklich ran", sagt Teckentrup entschuldigend, während eine Assistentin den Besucher aus dem Büro begleitet. Das Baguette auf Teckentrups Schreibtisch ist seit dem Mittag unangerührt, in einem Schälchen liegen einige Salbeibonbons. Er braucht jetzt Stimme.

"Ohne den Überbrückungskredit hätten wir auch keine Chance gehabt"

Kurz zuvor erzählte Teckentrup nicht nur von seiner Erschöpfung am frühen Morgen, sondern auch davon, wie die vergangenen Wochen an ihm gezehrt haben und was jetzt noch alles auf ihn zukommt.

Condor ist eine Tochter des auf Pauschalreisen spezialisierten Reiseveranstalters Thomas Cook. Am Sonntag vergangener Woche meldete das britische Unternehmen Insolvenz an – und mit ihm viele bekannte Tochtergesellschaften wie Neckermann Reisen, Öger Tours, Air Marin und Bucher Reisen. Allein Condor gelang es in letzter Minute, dass seine Flugzeuge weiter starten dürfen. Nach einem Verhandlungsmarathon mit Juristen und Politikern steht am Ende ein kompliziertes Konstrukt. Einerseits verhindern die Überbrückungskredite die Insolvenz. Andererseits – ebenso wichtig – darf die britische Mutter kein Geld mehr aus der Tochter abziehen.

So konnte Condor als einzige Fluggesellschaft des Konzerns überleben und flog einen Großteil der 60.000 Thomas-Cook-Kunden, die auf Condor gebucht waren, mittlerweile wieder nach Hause. "Ohne den Überbrückungskredit hätten wir auch keine Chance gehabt", sagt Teckentrup.

Klar ist nach dem Besuch bei ihm aber auch, dass er eines nicht ist: sorglos. Selbst wenn die Brüsseler Wettbewerbsbehörde die Beihilfe der Regierung schon bald genehmigen würde.

Die Finanzspritze mag helfen den buchungsarmen Winter zu überbrücken. Aber was kommt dann? Teckentrup muss einen neuen Investor finden, der sich langfristig an der Fluggesellschaft beteiligen möchte. Immerhin: Anders als der Carrier Air Berlin, der nach der Pleite 2017 am Ende in ihre Einzelteile zerlegt wurde, ist Condor eine rentable, gut aufgestellte Fluglinie mit acht Millionen Passagieren im Jahr. Weniger als ein Fünftel der Sitplätze verkaufte Condor zuletzt an die eigene Mutter Thomas Cook und deren Reiseveranstalter. "Der tagesaktuelle Buchungseingang sieht heute besser aus als vor einem Jahr", sagt Teckentrup. Das soll heißen: Die anderen Kunden bleiben der Fluggesellschaft treu. Die Sicherheit des Kredits sorgt für Vertrauen.

Für die Investoren hat Teckentrup aufgelistet, wie Condor gewirtschaftet hat, seit er 2004 zum Chef ernannt wurde. Die Zahlen sind Teil einer Unternehmenspräsentation, die ein Assistent mal schnell ausdrucken solle. Das zumindest ruft ihm Teckentrup zu, ehe das Gespräch so richtig beginnt. Als der nach einer Viertelstunde noch nicht aufgetaucht ist, eilt Teckentrup vor die Tür. Wo denn die Präsentation bleibe? Er habe das Gespräch nicht stören wollen, entschuldigt sich der Assistent. In solchen Momenten muss Teckentrup tief durchatmen, damit er nicht aus der Haut fährt.

Wer mit ihm zu tun hat, sollte mindestens so wach sein wie er. Und Ahnung haben vom Geschäft. Denn Teckentrup fällt es schwer, selbst kleinste Gedankenlosigkeiten von Mitarbeitern zu akzeptieren. Das war schon so, als er noch bei der Lufthansa war. Einmal zitierte ihn der damalige Vorstandschef Jürgen Weber in sein Büro. Einige Manager hätten sich beschwert, weil Teckentrup diese bisweilen respektlos behandelt habe. Der hatte darauf eine knappe Erklärung: "Ich kann nicht anders, wenn einige Kollegen die einfachsten Dinge nicht verstehen." Spricht man Weber heute darauf an, sagt er: "Ja, der Ralf war immer sehr direkt." Und er sagt auch: "Er gehörte zu den Besten."