Alexander Frei schwimmt gegen den Strom, ein bisschen zumindest. Die Aare hat Zug hier an der Mattenschwelle in Bern, eigentlich darf man gar nicht ins Wasser. Aber Frei braucht die Abkühlung. Es ist Ende Juli und wahnsinnig heiß. Crimer, wie der Mann mit Künstlernamen heißt, ist dabei, eine neue Single aufzunehmen, die am 4. Oktober erscheint.

Den ganzen Vormittag stand der 29-Jährige in der telefonzellengroßen Aufnahmekammer und sang die immer gleichen Zeilen ein.

Cry me cry me cry me a river // You don’t need no reason baby // Cry me come cry me cry me a river boys are crying all the time

Drüben im Schnittraum legte der Produzent die besten Spuren am Computer übereinander. Crimers satter Bariton bläst sich noch mehr auf, während ein sogenannter Sidechain-Kompressor, ein Effektgerät, den Beat pumpen lässt. Das ist der Crimer-Sound: ein aus tiefem Brustkorb kommender Elektropop mit Depeche Mode oder Falco als Vergleichsgrößen.

Nach ein paar Zügen in der Aare geht’s zurück ins Studio, die Badehose tropft noch. Er erzählt von seinem neuen Leben, das begann, als er vor einem halben Jahr bei der US-amerikanischen Plattenfirma Ultra Music unterschrieb. Dort, wo bekannte DJs wie Kygo oder Calvin Harris unter Vertrag sind, Megastars der elektronischen Tanzmusik.

Für den unbekümmerten Alexander aus Balgach im St. Galler Rheintal ist der Weg zur Weltkarriere damit ein Stück weit gepflastert. Zum Beispiel mit Vorgaben. Für das Video, dessen Dreh er neben den Musikaufnahmen organisiert, hat er einen Katalog erhalten: keine Gewalt, keine Drogen, keine Logos. Crimer zuckt mit den Schultern. "Die Amerikaner."

Bois Cry heißt die neue Single, in der er Männern und ihrem Umgang mit Gefühlen, ihren kaschierten Emotionen, nachspürt. Der Text ist nicht mehr so nah am selbst Erlebten wie früher. Mit Absicht, sagt er, er habe Skrupel, den Knatsch mit der eigenen Freundin für die Kunst zu "brauchen". Frei macht niemandem etwas vor: Dass seine Musik "an der Grenze zum Kitsch und zum Mainstream" ist, sagt er selbst. "Das bin einfach ich, ich höre auch täglich Radio 1. Ich mag es, wenn die Lust am Kitsch bedient wird." Er gibt nichts darauf, cool zu wirken. Vor allem erzählt er frei heraus, wie es ihm ergeht mit der erfolgshungrigen Plattenfirma und den Leuten, die ihm in die Arbeit reinreden. Als das Gespräch auf den Chef von Ultra Music kommt und ihm dessen Name nicht einfallen will, sagt er: "Aber den Namen des Anwalts, den wüsste ich." Am Anfang sei er total genervt gewesen, als zum Plattenvertrag eine Flut rechtlicher Zusatzvereinbarungen kam und sich der Deal auf einmal nicht mehr gut anfühlte. "Ich hatte das Gefühl, mich mit Schwert und Schild gegen die Rechtsabteilung verteidigen zu müssen." Dass seine Grafiker ihre Rechte an Ultra Music abtreten müssen, nahm er nicht hin. "Ich will es mir doch nicht verscherzen mit meinen Jungs."

Eines Nachts rief ihn der Plattenboss an, um zu sagen, dass man die Strategie geändert habe. Vereinbart war, dass das Album Leave Me Baby, das in der Schweiz gut lief und mit dem Crimer den Swiss Music Award als Best Talent gewonnen hat, international rausgebracht wird. Außerhalb der Schweiz wurden deshalb sämtliche Crimer-Songs von Musikstreamingdiensten wie Spotify erst mal gelöscht.

Musik ist für Crimer nicht mehr Zubrot, sondern Fulltime-Job

Dann hieß es: Vergiss den Plan. Wir brauchen zwei neue Singles so schnell wie möglich, am besten morgen. "Meinen Sie das ernst?", habe er gefragt. "Wo soll ich auf die Schnelle zwei Singles herholen?"

Über die neuen Stücke sollen die alten, der Logik der Algorithmen folgend, zurück in die Streamingdienste gespült werden. Das war die Idee des Label-Chefs. "Der Mann ist eine Koryphäe der Musikindustrie im Streamingzeitalter", sagt Crimer. "Und er kann verdammt gut reden." Frei ließ sich überzeugen, setzte sich hin, schrieb neue Songs.

In der Schweiz war er eine andere Gangart gewohnt. Beim Indielabel Musikvertrieb, das ihn national vertritt, konnte er hingehen und sagen: Hier, das ist die Single. Hier, das ist der Videoclip. Man ließ ihn machen, und das gab ihm Selbstvertrauen, ihm, der am Anfang viel einstecken musste. Bevor er 2017 zu Musikvertrieb kam, klopfte er bei etlichen Labels an und hörte Sätze wie: "Gut gemacht, das hättest du in den Achtzigern rausbringen können." Existenzängste plagten ihn, und er spürte den Schweizer Bünzli in sich, der sich nach Sicherheit sehnt. Gleichzeitig konnte er ohne Musik, die für ihn ein "Grundverlangen" ist, nicht sein. Also ging Frei an die Uni, machte einen Bachelor in Publizistik und Wirtschaft und heuerte bei einer Digitalagentur an. Der erste Arbeitstag fiel in die Woche, als die erste Single erschien. Tagsüber machte er fortan Tabellenkalkulation, abends Konzerte, Pressetermine gab es nur in den Ferien. Bald musste er sein Pensum reduzieren, in diesem August hatte er den letzten Arbeitstag. "Die Musik ist ab sofort nicht mehr nur das Zubrot."