Auf dem Mifa-Rad zum Ostseestrand – Seite 1

Am Anfang war es einfach ein Meer. Ich wollte ein neues Jugendbuch schreiben, eines, in dem eine Familie eher widerwillig von Irland nach Deutschland zieht. Zum Trost, als kleine, wässrige Entschädigung sollte diese Familie wenigstens ein neues Stück Ozean bekommen. Sie bekam – die Auswahl war nicht besonders groß – die Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern. Und zwar vor allem deshalb, weil ich dort jede Qualle persönlich kenne. Die Ostsee hat dann auf seltsame Weise ein Eigenleben entwickelt, hat immer mehr Relikte der DDR-Geschichte ins Buch geschwappt, nach und nach, wie Strandgut: hier einen Broiler, dort ein Mifa-Fahrrad, sogar eine Thälmannstraße mit Schlaglöchern und Pappelsaum. Und irgendwann war ein ganzes Dorf mit DDR-Vergangenheit angespült, und mein Buch hatte eine völlig neue Ebene.

Sollte der Roman anfangs von Heimweh, Heimatlosigkeit und den vielen Arten des Fremdseins erzählen, eine Geschichte über einen Umzug von Irland nach Deutschland sein, so wurde er immer mehr die Geschichte eines Umzugs von Irland nach Ostdeutschland. Das Thema Heimatlosigkeit geriet dadurch sogar komplexer, und es kamen noch ein paar Sorten Fremdsein hinzu.

Ich bin der Ostsee sehr dankbar für diesen Wink mit dem Buhnenpfahl und habe mich gefragt, warum ich in meinen ersten Büchern eigentlich immer an Ostdeutschland vorbeigeschrieben habe, obwohl ich in der DDR geboren und aufgewachsen bin. Der Osten kam in meinen Texten einfach nicht vor, auch die DDR-Geschichte nicht, schon gar nicht die Wende oder die verwirrende Zeit danach. Vielleicht lag es ja an jener sonderbaren Mischung: dass meine eigene DDR-Kindheit noch zu nah war, gleichzeitig aber zu weit weg und gewissermaßen doppelt vorbei, weil mein Kindheitsland nicht mehr existierte. Vielleicht habe ich einfach geahnt, dass solche sonderbaren Mischungen beim Schreiben wehtun können.

Erzählstoff hätte es wahrlich genug gegeben. Ich komme aus Plauen, einer mittelgroßen Stadt im sächsischen Vogtland, mein Kindergarten hieß "Sozialismus siegt". Manche sagen, in Plauen habe die Wende begonnen. Fünfzehntausend Menschen sind damals, am 7. Oktober 1989, auf die Straße gegangen, es war die erste richtige Großdemonstration gegen das DDR-Regime. Kann sein, dass ich danach nie wieder so viel Mut auf einmal gesehen habe.

Aber wie könnte ich in einem Buch von solchen Dingen erzählen, noch dazu für ein junges Lesepublikum? Und überhaupt: Wie lässt sich die DDR in Sprache übersetzen? Wie erzählt man von einem Land, das es nicht mehr gibt und das in so vielen Menschen trotzdem weiterhämmert, weiteratmet, weiterweint? Wie schreibt man das Schweigen in die Geschichten und wie die Würde? Wie fügt man all dem Farblosen, Dunklen und Trennenden, das so oft mit der DDR verbunden wird, etwas Buntes, Helles, Verbindendes hinzu? Wie schickt man die Klischees aus den Geschichten und lässt den Schmerz darin? Wie erzählt man von Einschränkung, perfider Überwachung und Diktatur, aber ebenso von Freundschaft, Gemeinschaft und Wärme? Wie zeigt man die Unterschiede zwischen DDR und Bundesrepublik auf, aber auch die vielen Gemeinsamkeiten?

Es kann gelingen, das weiß ich. Unterschiedliche Antworten auf solche Fragen habe ich in den vergangenen Jahren in einigen Kinder- und Jugendbüchern mit DDR- oder Wende-Thematik gefunden – darunter so großartige und nuancierte Werke wie Anne C. Voorhoeves Lilly unter den Linden, Dorit Linkes Fluchtgeschichte Jenseits der blauen Grenze oder Manja Präkels’ Roman Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß. Interessanterweise sind es sämtlich Geschichten, in denen menschliche Beziehungen vor dem Hintergrund von DDR-Politik oder Nachwende-Wirren eine große Rolle spielen, Freundschaften vor allem und familiäre Bindungen. Dieses Motiv überwiegt auch in den Kinder- und Jugendbüchern mit DDR-Sujets, die in diesem Herbst, 30 Jahre nach dem Mauerfall, in großer Zahl erscheinen. Vier davon haben mich besonders beeindruckt.

Eines ist das künstlerisch gestaltete Buch Niemandsland. Erinnerungen an eine Kindheit (Kunstanstifter Verlag; ab 14 Jahren) von Matthias Friedrich Muecke, in dem episodenhaft eine Ostberliner Kindheit und Jugend in den Sechziger- und Siebzigerjahren erzählt wird; mit Worten, aber auch mit originellen Grafiken, die nahezu die Hälfte des Buches ausmachen. Zwei Freunde, einer davon ist der Ich-Erzähler, stolpern von einem staatsfeindlichen Abenteuer ins nächste, klammern die Politik schulterzuckend aus und werden doch stets von ihr umklammert. So nehmen sie zum Beispiel in Frauenkleidern an einer todernsten Feierlichkeit zum Republikgeburtstag teil oder versuchen in eine Zigarettenfabrik einzubrechen. Immer wieder kommen sie raus aus diesen Geschichten und Waghalsigkeiten. Eines Tages nicht mehr.

Sehr langsam erzählt Muecke auf dieses Ende hin, in einer präzisen, lakonischen Sprache und in realistischen Bleistiftzeichnungen, die durch bizarre Figuren wunderbar gebrochen werden und voller kühn kombinierter Motive sind: Da bewegt sich die Birke hinterm Stacheldraht, da flattert die Unterwäsche neben der DDR-Fahne. Nichts wird hier beschönigt – und nichts Schönes ausgespart.

Ein kleines Kunststück

Genau dies hat mich auch an Dirk Kummers Kinderroman Alles nur aus Zuckersand (Carlsen Verlag; ab 10 Jahren) so bewegt. Das Buch basiert auf dem preisgekrönten Film Zuckersand von 2017, für mich eine der eindrucksvollsten Produktionen über das Leben in der DDR. Kummer führte Regie und schrieb am Drehbuch mit, nun bearbeitete er den Stoff neu als Roman. Er erzählt von der innigen Jungenfreundschaft zwischen Fred und Jonas; wie in Niemandsland ist diese Freundschaft in Gefahr. Denn die Mutter von Jonas hat einen Ausreiseantrag gestellt. Zum Glück erklärt Freds alter Nachbar, dass man, wenn man nur lange genug im feinen Brandenburger Sand grabe, irgendwann auf der anderen Seite der Erdkugel rauskomme, in Australien. Also fangen die Kinder an zu buddeln, damit sie sich eines Tages in jenem fernen Land wiedertreffen können.

Es ist eine verschmitzt poetische und warmherzige, ja zärtliche Kinderperspektive, aus der Kummer seinen Fred von Freundschaft und Verlustangst, Sehnsucht und Grabungsarbeiten berichten lässt. Und irgendwann auch vom schmerzlichen Abschied. Die seriös gekleidete Skrupellosigkeit des DDR-Regimes wird nur am Rande erwähnt, sie wirkt aber angesichts des Guten, das sie gefährdet und zerstört, umso monströser. Trotzdem ist die Geschichte hier weitaus weniger tragisch als im Film, denn in seinem Kinderbuch gestaltet der Autor ein hoffnungsvolleres Ende, das mich aber nicht minder berührt hat.

Auch der wesentlich rasanter und explizit politischer erzählte, an jugendliche Leser gerichtete Briefroman Mauerpost (cbt; ab 13 Jahren) von Maike Dugaro und Anne-Ev Ustorf hat mir gezeigt, wie differenziert und spannend die DDR-Geschichte literarisiert werden kann – und dass man, um darüber zu schreiben, nicht notwendig im Osten sozialisiert worden sein muss. Die Geschichte setzt diesmal mit einer Trennung ein, erst danach beginnt eine Freundschaft zu wachsen: Julia aus Ost-Berlin und Ines aus West-Berlin werden dank einer gewieften Vermittlungsaktion von Ines’ Großmutter im Jahr 1988 geheime Brieffreundinnen. Zunächst zaghaft, dann immer bereitwilliger erzählen sie einander von ihren Leben, die, das wird allmählich klar, auf merkwürdige Weise miteinander verwoben sind.

Mauerpost ist eine geschickt strukturierte und spannende Geschichte, die in die Pubertät zweier Mädchen die dunkelsten Kapitel der DDR-Geschichte hineinflicht: politische Haft und Zwangsadoptionen. Was mich aber am meisten fasziniert, ist die literarische Gegenüberstellung von Ost- und West-Berlin, durch die den beiden Autorinnen eine jeweils genaue Zeichnung des Lebens in der DDR und in der Bundesrepublik gelungen ist und durch die junge Leser heute einige Unterschiede, aber auch erstaunlich viele Gemeinsamkeiten entdecken können.

Obwohl Trennendes und Verbindendes auch in Franziska Gehms Kinderroman Pullerpause in der Zukunft (Klett Kinderbuch; ab 9 Jahren) eine wichtige Rolle spielen, ist er doch mit keinem der drei anderen Bücher vergleichbar. Einfach weil er so brüllend komisch ist. Trotzdem hatte ich beim Lesen nie das Gefühl, dass die DDR-Geschichte, die ja auch voller Tragik ist, hier pauschal verlacht wird. Und das allein ist schon ein kleines Kunststück.

In Gehms klugem, vergnüglichem Buch prallen nicht einfach nur Osten und Westen aufeinander, sondern die DDR des Jahres 1987 und das veränderte Ostdeutschland der Gegenwart. Wie schon im ersten Band, Pullerpause im Tal der Ahnungslosen, reist der Junge Jobst mithilfe eines Zeitreisekoffers ins Jahr 1987, diesmal aber, um seine DDR-Freunde Jule und Letscho abzuholen und mit in seine Gegenwart zu nehmen. Eine Gegenwart, die für die beiden im doppelten Sinne die Zukunft ist. In dieser gilt es, die Welt zu retten, jedenfalls ein kleines Stück davon: das Theater von Jules Vater, dem die Schließung droht.

Die Geschichte ist voll von Sprach- und Situationskomik und dadurch überaus unterhaltsam – zum Beispiel, wenn Letscho zum ersten Mal seinem älteren Ich gegenübersteht, das ein zutiefst kapitalistisches ist und seinen Sohn nach Bud Spencer benannt hat. Vor allem aber zeigt der Roman durch die heiter-komplexe Konfrontation von Ost und West sowie von Vergangenheit und Gegenwart, wie temporeich und teilweise absurd die Entwicklung der letzten 30 Jahre war. Die DDR ist dadurch umso klarer zu sehen, ich selbst konnte sie allerdings zuweilen nur durch Lachtränen hindurch erspähen, etwa wenn es um die Schwierigkeit geht, als zeitreisender DDR-Bürger fehlerfrei eine Kiwi zu verspeisen.

Es sind nicht nur diese wenigen Bücher, die mir in den vergangenen Jahren und in jüngster Zeit gezeigt haben, dass die DDR-Geschichte in Kinder- und Jugendbüchern erzählbar ist, literarisch erinnerbar, in vielen Facetten, und dass einige dieser Bücher diese Geschichte wirklich ans Licht zu holen vermögen, aus der historischen Abstraktheit heraus, in die sie von der Zeit gerückt wurde. Mir kommt es sogar vor, als ließe die Kinder- und Jugendliteratur der letzten Jahre mit Blick auf die DDR- und Wende-Thematik noch viel mehr Ambivalenzen zu und rüttele stärker an allzu festgefahrenen Ost-West-Bildern. Es wäre schön, wenn das so weiterginge. Denn ich weiß ja, es gäbe noch eine Menge zu erzählen.