Genau dies hat mich auch an Dirk Kummers Kinderroman Alles nur aus Zuckersand (Carlsen Verlag; ab 10 Jahren) so bewegt. Das Buch basiert auf dem preisgekrönten Film Zuckersand von 2017, für mich eine der eindrucksvollsten Produktionen über das Leben in der DDR. Kummer führte Regie und schrieb am Drehbuch mit, nun bearbeitete er den Stoff neu als Roman. Er erzählt von der innigen Jungenfreundschaft zwischen Fred und Jonas; wie in Niemandsland ist diese Freundschaft in Gefahr. Denn die Mutter von Jonas hat einen Ausreiseantrag gestellt. Zum Glück erklärt Freds alter Nachbar, dass man, wenn man nur lange genug im feinen Brandenburger Sand grabe, irgendwann auf der anderen Seite der Erdkugel rauskomme, in Australien. Also fangen die Kinder an zu buddeln, damit sie sich eines Tages in jenem fernen Land wiedertreffen können.

Es ist eine verschmitzt poetische und warmherzige, ja zärtliche Kinderperspektive, aus der Kummer seinen Fred von Freundschaft und Verlustangst, Sehnsucht und Grabungsarbeiten berichten lässt. Und irgendwann auch vom schmerzlichen Abschied. Die seriös gekleidete Skrupellosigkeit des DDR-Regimes wird nur am Rande erwähnt, sie wirkt aber angesichts des Guten, das sie gefährdet und zerstört, umso monströser. Trotzdem ist die Geschichte hier weitaus weniger tragisch als im Film, denn in seinem Kinderbuch gestaltet der Autor ein hoffnungsvolleres Ende, das mich aber nicht minder berührt hat.

Auch der wesentlich rasanter und explizit politischer erzählte, an jugendliche Leser gerichtete Briefroman Mauerpost (cbt; ab 13 Jahren) von Maike Dugaro und Anne-Ev Ustorf hat mir gezeigt, wie differenziert und spannend die DDR-Geschichte literarisiert werden kann – und dass man, um darüber zu schreiben, nicht notwendig im Osten sozialisiert worden sein muss. Die Geschichte setzt diesmal mit einer Trennung ein, erst danach beginnt eine Freundschaft zu wachsen: Julia aus Ost-Berlin und Ines aus West-Berlin werden dank einer gewieften Vermittlungsaktion von Ines’ Großmutter im Jahr 1988 geheime Brieffreundinnen. Zunächst zaghaft, dann immer bereitwilliger erzählen sie einander von ihren Leben, die, das wird allmählich klar, auf merkwürdige Weise miteinander verwoben sind.

Mauerpost ist eine geschickt strukturierte und spannende Geschichte, die in die Pubertät zweier Mädchen die dunkelsten Kapitel der DDR-Geschichte hineinflicht: politische Haft und Zwangsadoptionen. Was mich aber am meisten fasziniert, ist die literarische Gegenüberstellung von Ost- und West-Berlin, durch die den beiden Autorinnen eine jeweils genaue Zeichnung des Lebens in der DDR und in der Bundesrepublik gelungen ist und durch die junge Leser heute einige Unterschiede, aber auch erstaunlich viele Gemeinsamkeiten entdecken können.

Obwohl Trennendes und Verbindendes auch in Franziska Gehms Kinderroman Pullerpause in der Zukunft (Klett Kinderbuch; ab 9 Jahren) eine wichtige Rolle spielen, ist er doch mit keinem der drei anderen Bücher vergleichbar. Einfach weil er so brüllend komisch ist. Trotzdem hatte ich beim Lesen nie das Gefühl, dass die DDR-Geschichte, die ja auch voller Tragik ist, hier pauschal verlacht wird. Und das allein ist schon ein kleines Kunststück.

In Gehms klugem, vergnüglichem Buch prallen nicht einfach nur Osten und Westen aufeinander, sondern die DDR des Jahres 1987 und das veränderte Ostdeutschland der Gegenwart. Wie schon im ersten Band, Pullerpause im Tal der Ahnungslosen, reist der Junge Jobst mithilfe eines Zeitreisekoffers ins Jahr 1987, diesmal aber, um seine DDR-Freunde Jule und Letscho abzuholen und mit in seine Gegenwart zu nehmen. Eine Gegenwart, die für die beiden im doppelten Sinne die Zukunft ist. In dieser gilt es, die Welt zu retten, jedenfalls ein kleines Stück davon: das Theater von Jules Vater, dem die Schließung droht.

Die Geschichte ist voll von Sprach- und Situationskomik und dadurch überaus unterhaltsam – zum Beispiel, wenn Letscho zum ersten Mal seinem älteren Ich gegenübersteht, das ein zutiefst kapitalistisches ist und seinen Sohn nach Bud Spencer benannt hat. Vor allem aber zeigt der Roman durch die heiter-komplexe Konfrontation von Ost und West sowie von Vergangenheit und Gegenwart, wie temporeich und teilweise absurd die Entwicklung der letzten 30 Jahre war. Die DDR ist dadurch umso klarer zu sehen, ich selbst konnte sie allerdings zuweilen nur durch Lachtränen hindurch erspähen, etwa wenn es um die Schwierigkeit geht, als zeitreisender DDR-Bürger fehlerfrei eine Kiwi zu verspeisen.

Es sind nicht nur diese wenigen Bücher, die mir in den vergangenen Jahren und in jüngster Zeit gezeigt haben, dass die DDR-Geschichte in Kinder- und Jugendbüchern erzählbar ist, literarisch erinnerbar, in vielen Facetten, und dass einige dieser Bücher diese Geschichte wirklich ans Licht zu holen vermögen, aus der historischen Abstraktheit heraus, in die sie von der Zeit gerückt wurde. Mir kommt es sogar vor, als ließe die Kinder- und Jugendliteratur der letzten Jahre mit Blick auf die DDR- und Wende-Thematik noch viel mehr Ambivalenzen zu und rüttele stärker an allzu festgefahrenen Ost-West-Bildern. Es wäre schön, wenn das so weiterginge. Denn ich weiß ja, es gäbe noch eine Menge zu erzählen.