Die Philosophen sind es leid, ewige Wahrheiten zu verkünden. Vorbei die Zeiten, da Draufgänger wie Thales oder Heraklit ihre Thesen wie gigantische Ballons in den Äther steigen ließen. Heute erzählen Philosophen, was andere Philosophen so erzählt haben, und listen wie in Produktbewertungen gewisse Vorzüge wie auch Nachteile auf. Wie gut, dass es die Popmusik gibt. Die Popmusik?

Eine der letzten fundamental wahren und ewig gültigen philosophischen Erkenntnisse stammt ausgerechnet von der Hamburger Hip-Hop-Gruppe Deichkind. Im Jahr 2012 lieferten die Edelprolls mit dem Song Leider geil die vermutlich luzideste Fundamentaldiagnose aller Zeiten: Die menschliche Existenz sei schlecht und bleibe schlecht, weil vieles Schlechte leider geil sei. Fette neue Karren, Sonnenbrille im Club, Barbara Salesch, LED unterm Sofa, Airbrushgemälde – "leider geil". Damit ist alles gesagt, was gesagt werden muss und gesagt werden kann. Macht also die geisteswissenschaftlichen Fakultäten dicht, verbuddelt die Suhrkamp-Bände auf Ibiza, ertränkt den spekulativen Realismus in Energydrinks! Die wirklich fetten Thesen, die das Denken so geil, so leider geil machen, gibt’s im Pop.

Im deutschsprachigen Raum sind Deichkind das beste Beispiel für ein Phänomen, das Popforscher "Avant-Pop" nennen: die seit den 1960er-Jahren fortschreitende Verquickung von Unterhaltung und Erleuchtung, Kommerz und Tiefsinn unter den Vorzeichen einer alles durchdringenden, sich unablässig ausdifferenzierenden Konsumkultur. Gegründet 1997, reüssierten Deichkind mit dem minimalistisch-knöcheligen, aber noch einigermaßen konventionellen Dancefloor-Hit Bon Voyage (feat. Nina MC). Wer sagt denn das? heißt ihr aktuelles Album. Heute sind das Trio und sein Produzent Roland Knauf mit ihrem luftig-lustig-schrulligen Sound und ihren superspätdadaistischen Kostümen nicht nur die Lieblinge kunstaffiner Großstadtmilieus, sondern von so ziemlich allen, weshalb sie bereits zu Deutschlands "Konsensband" geadelt wurden.

Deichkind bieten maximalverdichtete, so kritische wie unverbindliche Intelligenz in Slogans wie Like mich am Arsch, lassen Germanistenherzen mit Neologismen wie Egolution höherschlagen und haben obendrein noch verdammt viszerale Beats mit Punk-Appeal im Programm. Mit dieser Kombination lässt sich noch die schmutzigste Party guten Gewissens feiern. Jede eingeworfene Pille, jedes Arschwackeln ist ein potenzieller Beitrag zur Kunst- und Geistesgeschichte; in jedem Schlag der Four-on-the-floor-Bassdrum schwingt mindestens eine bedeutungsschwangere Fußnote mit. Wer zu Deichkind tanzt, weiß sich auf der sicheren Seite der Kapitalismuskritik (Arbeit nervt) wie auch postbildungsbürgerlicher Gelehrtheit. Die Songs strotzen nur so von Verweisen auf das Nerdwissen des Konsum- und Netzzeitalters (Travelpussy), aber auch auf höchsternstes Historisches wie die Internationale der Arbeiterbewegung (Hört ihr die Signale). Damit das nicht zu lehrerhaft wirkt, reimt sich "Russen" auf "Tussen" und "Polizei" auf "Gammelei". Und damit im Politischen keinerlei Zweifel aufkommen, wird im Video zur neuen Single Dinge gleich zu Beginn ein "Fuck AfD" eingeblendet.

Im Jahr 2010 gaben Deichkind ihr Theaterdebüt mit Deichkind in Müll – Eine Diskurs-Operette in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel. Aber nicht nur im Theater, auch in Mehrzweckhallen konkurriert das typische Deichkindsche Bühnen- und Kostümbild mit postmoderner Medien- und Installationskunst. Deichkind-Konzerte sind karnevaleske Zeremonielle, die sich wie Kooperationen zwischen Christoph Schlingensief und Kraftwerk, Cosima von Bonin und Richard Wagner, Masters of the Universe und Anselm Reyle ausnehmen. "Wann kriegt das größenwahnsinnige Projekt seine erste Ausstellung?", fragte kürzlich ein Kunstmagazin. Damit reihen sich Deichkind in die immer länger werdende Liste popistischer Hochkunstanwärter ein. Beyoncé kopiert im Video zu Hold Up nonchalant die Medienkünstlerin Pipilotti Rist, die französische Body-Art-Pionierin Orlan verklagte Lady Gaga wegen Plagiarismus, und Literaturnobelpreise werden mittlerweile auch an grantelig-nebulöse Langzeit-Barden vergeben.

Man kommt schwerlich umhin, das alles apokalyptisch zu nennen. Denn am Ende, ganz am Ende, so liest man es im Buch des fiebrigen Propheten Jesaja, werden die Wölfe "bei den Lämmern wohnen und die Parder bei den Böcken liegen. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben." Genau so verhält es sich bei Deichkind mit Blick auf Unterhaltung und Anspruch. Das Verführerische dieses Gesamtpopwerks besteht darin, die Versöhnung jener Gegensätze zu verheißen, die es in unserem irdischen Jammertal eigentlich nicht geben kann – Social Media nutzen und Social Media doof finden, die Diktatur des Marketingsprechs in Form marketingkompatibler Slogans aufs Korn nehmen, Apple veralbern und die Veralberung bei iTunes zum Verkauf anbieten und immer so weiter. Dagegen war der Katholizismus mit seinem Zielgruppenmaximierungsbrimborium ein Anfänger.

Im Neuen Jerusalem des Avant-Pop aus Hamburg strömt bei der "Druckbetankung durch den Trichter" immer ein Schuss Erkenntnis mit, beim "FKK in Rockstarposen" ist es nicht ausgeschlossen, dass sich die rettende Idee für den Abschluss einer Habilitationsschrift über den mittelalterlichen Mystiker Thomas von Kempen einstellt. Und da sage noch einer, Popspektakel seien "Religionsersatz". Von "Ersatz" kann keine Rede sein. Womöglich war ja Religion ein verfrühter Popersatz, ein schwacher Vorglanz dessen, was da noch kommen sollte.