Es war ein glücklicher Zufall: die Wiederlektüre von Effi Briest und Madame Bovary, in dieser Reihenfolge. Wieder die unendliche Sympathie für einen der menschenfreundlichsten Schriftsteller überhaupt. Effi Briest und Der Stechlin, ewige Lieblinge. Dann Flaubert. Und die Empörung wuchs über die vierhundert Seiten. Als Student nimmt man offenbar alles hin. Die Grausamkeit dieses Autors gegen seine Figuren ist grenzenlos – was übrigens schon die ersten französischen Rezensenten 1857 mit Befremden empfanden.

Natürlich, vorweg: Das ist Flauberts "Modernität". Das ist seine Stellung in der Geschichte der Literatur als Erfinder des sogenannten "unpersönlichen Romanstils". Kalt. Nüchtern. "Wissenschaftlich". Hart. Geschrieben mit einer "Feder aus Stein" – so ein Kritiker damals. Also geschenkt: "Modern" ist es. Aber muss man es deshalb mögen? Gern lesen? Im Lesen unerfüllt die Konsequenz bewundern, mit der Flaubert Liebe verweigert?

Effi und Emma: zweimal Ehebruch und Tod. Aber die erzählerischen Haltungen sind derart verschieden und zugleich die Parallelen, die bei der Nacheinanderlektüre ins Auge springen, derart zahlreich – des Romanpersonals, der Motive, einzelner Szenen gar –, dass man schnell einen elektrisierenden Verdacht hat. Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Matz hat ihn 2014 über viele Indizien bestätigt: Effi Briest ist eine Antwort auf Emma Bovary! "E. B." ist nur der bündigste Hinweis. Auch Fontane muss über Flauberts Buch empört gewesen sein. Und machte sich an die Arbeit, es besser, jedenfalls ganz anders zu machen. Allerdings war auch Wolfgang Matz, wie viele vor ihm, der Meinung, Fontane habe es vor allem schlechter gemacht.

Matz bemängelte unter anderem, zu vieles bleibe bei Fontane undeutlich. Was denn da eigentlich genau war zwischen Effi und Major Crampas – und warum, und wann, und wo. Oder warum Effi die verräterischen Briefe nicht verbrannt hat. Das fand Matz auch erzählerisch plump und unbefriedigend. Aber es gibt auf diese Fragen durchaus Antworten. So sagt Effi einmal, sie glaube nicht an die befreiende Wirkung des Verbrennens von Papier. Und was mit Crampas war, spiegelt sich in ihrer Befangenheit. Manche Frage verdampft auch in der Nähe und Atmosphäre dieser Figuren, die uns einsichtig und lesbar werden, auch ins Nichtausgeführte hinein.

Nun denn – wie heikel es auch sein mag, etablierte Ranglisten der Weltliteratur zu bezweifeln: Für ein eindeutiges Lesegefühl zugunsten Fontanes müssen sich Gründe nennen lassen. Alles läuft auf die Frage hinaus: Warum sollten wir erzählerische Gnadenlosigkeit besser finden müssen als Milde und Diskretion? Warum Gehässigkeit besser als Güte? Warum Flauberts antiromantische Programmkunst besser als Fontanes humane Tragik? "Realistisch", wie oft gemeint, ist Flauberts lieblose Farce jedenfalls nicht: Ausnahmslose Beschränktheit und Lächerlichkeit sind nicht realistisch.

Madame Bovary ist aus Tausenden Seiten Manuskript herausgeschält, aber das Buch wirkt immer noch zu lang: dafür, dass man schnell die Unerträglichkeit begriffen hat, die es bedeutet, mit Charles Bovary verheiratet zu sein. Und dafür, dass man genauso schnell den Überblick über die wiederkehrenden Stadien von Emma Bovarys Verachtung, Langeweile und Unausgefülltheit verliert. Wenn wenigstens diese Unausgefülltheit ihre Größe hätte! Aber sie ist so niedrig wie alles andere. Auch bei Fontane bekommt man früh Hinweise, dass das keine Komödie wird. Aber wie die fatalen Entwicklungen sich in Konstellationen guten Willens motivieren und ereignen, wie die Menschen sich um ihr Glück bringen, das will man lesen. Bei Flaubert bringen sie sich um nichts, was der Rede wert wäre. Überall mechanisch-uhrwerksmäßige Offensichtlichkeit im gleichbleibend Unerfreulichen. Man weiß, wie skrupulös Flaubert mit den Sätzen war – mit den Menschen macht er sich’s leicht. Es ist am Ende eine auch moralische Frage ans Künstlertum: Wie hältst du es mit den Menschen?

Was ist nachdenkenswerter: die Sehnsucht nach etwas anderem angesichts eines in ausnahmslos jeder Situation unangenehmen Ehemannes – peinlich, lächerlich, dumm, sentimental; ob sprechend, schlafend oder wachend? Oder jene gleiche Sehnsucht angesichts eines respektablen, ernsten, schönen Mannes von erheblicher Sensibilität?