DIE ZEIT: Frau Waterstradt, in den USA gibt es einen neuen tierischen Erziehungstrend, das panda parenting. Ersonnen hat ihn die Mutter und ehemalige Lehrerin Esther Wojcicki, ihr Ratgeberbuch Panda Mama ist gerade auf Deutsch erschienen. Würden Sie jungen Müttern raten, das Buch zu lesen?

Désirée Waterstradt: Nein, ein ganz klares Nein! Frau Wojcicki ist Jahrgang 1940, sie hat ihre Kinder in einer völlig anderen Zeit und Kultur großgezogen. Außerdem führen Tiermetaphern auf den Holzweg. Das war schon beim Schlachtruf der "Tigermutter" Amy Chua so, auf den Wojcicki ja antwortet.

ZEIT: Was meinen Sie mit Holzweg?

Waterstradt: Diese Ratgeber suggerieren, dass Erziehung instinktiv funktioniert, tatsächlich geht es um gesellschaftliche Standards des Verhaltens und Empfindens. Die werden immer anspruchsvoller und widersprüchlicher. Mütter etwa sollen Karriere machen, sexy sein, perfekt für die Kinder, den Partner, die Eltern da sein, für die Kita Kuchen backen, in den Elternbeirat gehen. Wenn man unbedingt eine Tiermetapher benutzen möchte, würde ich sagen: Eltern sind Packesel – jeder darf noch was draufpacken.

ZEIT: Darum suchen sie ja Rat!

Waterstradt: Das Problem ist, dass Ratgeber Missstände individualisieren. Als könnten einzelne Eltern das alles hinkriegen in einer Gesellschaft, die strukturell elternfeindlich ist. Es werden Rezepte versprochen, um rücksichtslosen Strukturen und überzogenen Ansprüchen gerecht zu werden. Das ist zynisch.

ZEIT: Betrifft das Mütter und Väter gleichermaßen? Werden Vätern auch Rollenmodelle aus dem Tierreich präsentiert?

Waterstradt: Wenig. Mütter werden bis heute als Hüterin der Familie angesprochen, Väter gelten eher als Helden, Abenteurer, große Kinder.

ZEIT: Wollen Sie sagen, es hätte sich so wenig verändert? Das Elterngeld hat vielleicht keine Wunder bewirkt, aber es gehen doch immer mehr Väter in Elternzeit und kümmern sich auch darüber hinaus um die Kinder.

Waterstradt: Doch, es hat sich viel verändert. Väter sind empathischer als ihre Väter und versuchen ihren Anteil an der Kindererziehung zu leisten. Und mittlerweile kann ein Mann im Business-Meeting darüber reden, dass er eine durchwachte Nacht hatte. Das wäre vor drei Jahrzehnten unmöglich gewesen. Väter können aber am Tag nach der Geburt ohne schlechtes Gewissen wieder arbeiten gehen.

ZEIT: Sie werden also weniger stark bewertet?

Waterstradt: Väter ereilt momentan eher die angenehme Seite des Sexismus. Sie werden gefeiert, wenn sie das Baby wickeln oder mit dem Kind auf den Spielplatz gehen – das nervt etliche Väter auch. Mütter können es dagegen kaum richtig machen. Der Grat zwischen Rabenmutter und Glucke ist sehr schmal.

ZEIT: Wieso sind diese Klischees über Eltern so hartnäckig?

Waterstradt: Interessant ist, was diese Sprachbilder, die Glucken, Helikopter- und Rabeneltern, eint: Sie gestehen Eltern nur eine dienende Funktion zu – entweder kümmern sie sich zu viel um die Kinder oder zu wenig. Im Zentrum steht immer das Kindeswohl. Das sieht man auch an all den Organisationen und Verbänden rund ums Kind.

ZEIT: Moment, Kinder müssen doch zurzeit irre gut funktionieren. Viele verbringen ganze Arbeitstage in Kindergärten und Kitas, in denen sie von zu wenig Erzieherinnen betreut werden. Das soll zu ihrem Wohl sein?

Waterstradt: Nein. Das zeigt nur, wie sehr alle Familienmitglieder gezwungen werden, sich der neoliberalen ökonomischen Welt anzupassen.

ZEIT: Was ist zu tun?

Waterstradt: Statt Eltern zu beschämen und in Schubladen zu stecken, sollte man schauen, wie es ihnen wirklich geht. Denn Kindeswohl gibt es selten ohne Elternwohl. Aber vor lauter Kindzentrierung wird das bislang kaum bemerkt. Es ist dringend Zeit, auf eine Balance von Kindes- und Elternwohl zu bestehen.

ZEIT: Es lauert da also noch eine weitere Aufgabe für Mütter und Väter?

Waterstradt: Nein, Ombudsstellen für Eltern oder auch Großeltern könnten zum Beispiel dafür eintreten, dass Elternschaft lebbar bleibt. Das wäre auf jeden Fall besser, als immer weitere Ansprüche draufzulegen.