Das Erntedankfest ist wohl der kirchliche Feiertag, der die Bezeichnung "Fest" im landläufigen Sinne am ehesten verdient. An Erntedank geht es nicht um die Auseinandersetzung mit Sünde oder Tod. Und anders als an Weihnachten sehen sich Christenmenschen auch nicht mit dem Widerspruch konfrontiert, dass die Geburt ihres Erlösers in ärmlichsten Verhältnissen hierzulande traditionell mit üppigem Braten und Eierlikör gefeiert wird. Der feierliche und lebensbejahende Charakter von Erntedank hingegen erschließt sich von allein, auch ohne biblische Geschichte. Zeremonien des Erntegebets gibt es in vielen Religionen.

Doch ein Jahr nach dem Beginn der "Fridays for Future"-Bewegung und der dadurch entstandenen Aufmerksamkeit gegenüber dem Klimawandel wird immer deutlicher, dass Erntedank bald seine Selbstverständlichkeit verlieren wird. Die Menschheit hat nur eine Zukunft, wenn sie mit der Erde und ihren Ressourcen so umgeht, dass sie die jetzigen und künftigen Generationen mit Trinkwasser und Lebensmitteln versorgen kann. Allmählich setzt sich das Bewusstsein durch, dass wir nicht automatisch immer so weitermachen können. Setzte man die bisherige Landwirtschaftspraxis einfach weiter fort, sei in etwa 60 Ernten Schluss, so die Weltagrarorganisation FAO. Mit dem Boden erodiert die Lebensgrundlage.

Die Fülle, die an Erntedank in jeder Kirche gefeiert wird, ist den meisten Prognosen nach zeitlich begrenzt. Doch gerade in der Zurschaustellung des Überflusses liegt die Faszination des Erntedankfestes. Die Altäre werden mit allerlei Obst, Gemüse und Getreideerzeugnissen geschmückt, mancherorts hängt man Erntekronen auf. An der Dekoration soll das Maß ersichtlich werden, mit dem der Schöpfergott schenkt. Was von Gott kommt, wird ihm, von Erde und Wurzeln befreit, wieder zurückgegeben, ein archaisches Ritual. Nur werden die Gaben nicht angezündet und als Brandopfer dargebracht, sondern nach dem Gottesdienst entweder aufgeteilt, zu Suppe verkocht oder an die örtliche Tafel gespendet. Wenige christliche Feiertage sind so greifbar und intuitiv wie das Erntedankfest, weshalb es auch in einer überwiegend urbanen, spät-volkskirchlichen Gesellschaft noch einen Anlass zum Kirchgang darstellt.

Vor allem auf dem Land sind die Altarräume üppig geschmückt. Da, wo jeder mindestens eine Familie kennt, die von der Landwirtschaft lebt, ist noch ein persönlicher Bezug zu diesem Feiertag da. Von der Ernte kann die Existenz eines ganzen Hofes abhängen. Während meines Vikariats auf einem niedersächsischen Dorf wurde mir bewusst, wie abhängig Landwirte trotz aller Technologie letztlich doch vom Wetter sind. Während 2017 für mich ein trüber Sommer ohne Sommerkleider war, bedeutete der starke Regen für andere den Verlust ihrer gesamten Ernte. Ein Dreivierteljahr an Arbeit und Investitionen war plötzlich umsonst. Ein paar Dörfer weiter blieb ein Mähdrescher im aufgeweichten Ackerboden stecken und weder das Getreide noch die Maschine waren zu retten, ein Schaden, der in die Hunderttausende ging.

Diejenigen, bei denen Dürre oder Gewitter mehr als die Urlaubsstimmung kaputt machen, können die biblischen Texte und die Gesangbuchlieder nachvollziehen, die an Erntedank gelesen und gesungen werden. Sie versorgen die Gesellschaft mit Nahrungsmitteln und sehen sich ständig der Kritik ausgesetzt, wenn sie dies mit konventioneller statt ökologischer Landwirtschaft leisten. Doch wie feiert man Erntedank, wenn die Bevölkerung sich von Natur und Landwirtschaft entfremdet hat? Wofür dankbar sein, wenn man nichts erntet?

Die Dankbarkeit erfreut sich nicht nur in der Popkultur aktuell großer Beliebtheit. Der Empfehlung, in einem "gratitude journal", einem Dankbarkeitstagebuch, festzuhalten, wofür man dankbar ist, ist kaum zu entrinnen. Am besten überlege man sich morgens nach dem Aufstehen und abends vor dem Schlafengehen drei Dinge, die einen dankbar stimmen, dann verinnerliche man diese Haltung am besten. Es ist absurd: Nie gab es so viele Gründe für Dankbarkeit wie heute, und ausgerechnet diese in Wohlstand und Frieden aufgewachsenen Generationen müssen jetzt aufschreiben, wofür sie dankbar sind, um mit Freude auf ihr Leben zu blicken.

Während Dankbarkeit eine Fähigkeit zu sein scheint, die der Übung bedarf, braucht es lediglich Ermunterung, um sich etwas gönnen zu können. "Gönn dir" war 2014 Jugendwort des Jahres und ist danach auch in den Sprachgebrauch (jüngerer) Erwachsener übergegangen. Man bestärkt sich damit gegenseitig darin, es sich gut gehen zu lassen. Mehr noch: Es erinnert daran, dass einem Genuss zusteht, ganz gleich, ob es sich dabei um einen ganzen Samstag mit Netflix-Serien, ein neues iPhone oder den Burger mit doppeltem Bacon handelt.

Wer sich etwas gönnt, statt es sich zu verwehren, geht gut mit sich selbst um, so die Überzeugung. Sei nicht streng mit dir, wenn es um Konsum geht, sagt die kollektive innere Stimme. Und so wird die Zurschaustellung des Genießenkönnens zum vermeintlichen Zeugnis eines gesunden Selbstwerts. Die Genussfähigkeit wird mittels Bildern vom eigenen Essen zur Schau gestellt, man präsentiert sich gern als jemand, der Bœuf Bourguignon kochen kann oder sich für einen langen Arbeitstag mit Sushi to go belohnt.