Wohin bloß mit dem Geld? Banken kündigen Sparverträge, Sparkassen erhöhen ihre Kontogebühren, und Zinsen gibt es praktisch nicht mehr. Wer es sich irgendwie leisten kann, kauft Aktien, Immobilien oder Gold. Wer das nicht kann, der muss zusehen, wie die Sparerträge schrumpfen und die Altersvorsorge in Gefahr gerät. So verschärft die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank die Spaltung der Gesellschaft.

Das ist die These, die die politische Diskussion bestimmt. Sie ist populär, weil der Blick auf das Bankkonto sie zu bestätigen scheint. Allerdings wird dieser Eindruck durch die ökonomische Wirklichkeit nur zum Teil bestätigt.

Zunächst einmal trifft es nicht zu, dass Deutschland auf breiter Front verarmt. Es ist so wohlhabend wie nie zuvor. Das Geldvermögen der privaten Haushalte hat nach Angaben der Bundesbank in diesem Jahr den höchsten Stand aller Zeiten erreicht. 6,17 Billionen Euro besitzen die Bürger. Das sind fast 300 Milliarden mehr als noch im Jahr zuvor. Seit Beginn der Amtszeit des Notenbankpräsidenten Mario Draghi im Jahr 2011 sind die Deutschen insgesamt um mehr als eine Billion Euro reicher geworden.

Die unteren 40 Prozent der Bevölkerung haben kein nennenswertes Finanzvermögen

Wie das alles zusammenpasst? Sind die Zinsen niedrig, vermehrt sich zwar einerseits das Ersparte nicht mehr so schnell. Aber andererseits entstehen mehr Arbeitsplätze, und die Löhne steigen schneller. Und wer mehr verdient, der kann auch mehr zurücklegen. Genau das ist in Deutschland passiert. Besonders für Normalverdiener ist das zusätzliche Einkommen oft wichtiger als der niedrigere Zins. Zumindest müssten in einer seriösen Bewertung die beiden Effekte gegeneinander abgewogen werden. Das passiert aber selten. Stattdessen werden in vielen Debattenbeiträgen die Zinsverluste oft einfach zusammengezählt, ohne den Zugewinn durch gestiegene Löhne und Gehälter zu berücksichtigen. Das ist dann nicht sehr aussagekräftig.

Hinzu kommt, dass die unteren 40 Prozent der Haushalte nach Abzug ihrer Schulden praktisch kein Finanzvermögen haben. Sie können nicht viel zur Seite legen. Deshalb hätten sie kaum etwas davon, wenn der Zins stiege. Dies gälte umso mehr, wenn steigende Zinsen dazu führten, dass weniger neue Jobs entstünden oder die Löhne stagnierten. Das Geldvermögen eines mittleren bundesdeutschen Haushalts beläuft sich laut Bundesbank auf rund 17.000 Euro. Stiege der Zins um einen Prozentpunkt, dann wären das 170 Euro mehr, im ganzen Jahr. Das ist die Größenordnung, um die es hier geht.

Es ist auch unwahrscheinlich, dass Mario Draghi morgens aufwacht und sich überlegt, wie er die deutschen Sparer heute wieder quälen kann. Die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank, sosehr man sie im Detail kritisieren kann, ist auch eine Reaktion auf sehr grundlegende ökonomische Verwerfungen im Spätkapitalismus: Überall wird zu viel gespart und zu wenig investiert, weshalb der Preis des Geldes – also der Zins – fällt. Dieser ist nicht nur in Deutschland, sondern in den meisten Industrienationen sehr niedrig. Wenig deutet darauf hin, dass sich daran bald etwas ändern wird.

All dies kann man beklagen, man kann aber auch versuchen, das Beste aus einer Welt ohne Zinsen zu machen. Denn diese Welt hat nicht nur Nachteile. Der Staat spart Jahr für Jahr einen zweistelligen Milliardenbetrag, weil er sich günstiger verschulden kann. Was spricht dagegen, einen Teil des Geldes jenen Sparern zukommen zu lassen, die in Nöte geraten? Man könnte damit beispielsweise Bürgeranleihen finanzieren, die höhere Zinsen abwerfen. Und ist es nicht vielleicht sogar eine glückliche Fügung, dass das Geld ausgerechnet jetzt so billig ist, jetzt, da angesichts gewaltiger Modernisierungsaufgaben infolge von Klimawandel, Alterung und Digitalisierung besonders viel davon gebraucht wird?

Am Thema Zinsen lässt sich aber noch etwas anderes zeigen: die "Heute so, morgen so"-Attitüde der politischen Debatte. Es fällt auf, dass in diesen Tagen ausgerechnet diejenigen ihre Liebe zum deutschen Kleinsparer entdecken, die sich für ihn ansonsten nicht sehr interessieren. Dazu zählen die Vorstände großer Banken, die viel Geld damit verdient haben, ihren Kunden dubiose Finanzprodukte anzudrehen. So drängt sich der Verdacht auf, dass es vielen Kritikern von Mario Draghi nicht darum geht, die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden – sondern diese für eigene Zwecke auszunutzen.