In der Serie "Die ZEIT-Redaktion entdeckt..." schreiben Francesco Giammarco, Nina Pauer, Britta Stuff und Alard von Kittlitz jede Woche im Wechsel über Beobachtungen aus ihrem Alltag.

Ich hasse Geburtstage. Also, nicht meinen. Den finde ich super. Nur die Geburtstage der anderen nerven mich. Früher konnte man sie einfach vergessen, heute kann man ihnen dank Facebook und digitaler Erinnerungen kaum entkommen. Umso schneller steht man nicht nur als gedankenlos da, sondern gleich als böswillig, weil man nicht gratuliert hat. Allein im vergangenen Monat habe ich bestimmt vier Geburtstage von Freunden vergessen. Das hat meinem Verhältnis zu ihnen sehr geschadet. Ich fühle mich als schlechter Freund, wofür ich ihnen die Schuld gebe.

Wir haben es hier mit einem typischen Problem moderner digitaler Gesellschaften zu tun. Früher, im Naturzustand des Homo sapiens, als Höhlenbewohner oder Jäger und Sammler, da lebte der Mensch in kleinen Verbänden. Unter diesen Bedingungen war es natürlich leicht, dem Jonas oder der Hanna rechtzeitig zu gratulieren. Außerdem starben die Leute früher, zertrampelt von einem Mammut oder auch schon wegen leichter Infekte, die Gesamtzahl der Geburtstage war also geringer. Es waren einfachere Zeiten. Heute, mit der ganzen Kommunikationstechnologie, wo jeder jeden kennt, ist es praktisch unmöglich, an alle Geburtstage zu denken und auch noch zu gratulieren. Das sind unfaire Bedingungen. The system is rigged.

Dass es alles zu viel ist, merkt man schon an der Art und Weise, wie ich gratuliere, wenn ich es mal nicht vergesse. Früher habe ich auch mal zum Telefon gegriffen. Natürlich war es am besten, wenn der andere nicht rangegangen ist. Dann hatte ich – nachweislich! – meine freundschaftliche oder familiäre Pflicht getan, sogar ohne Small Talk. Heute bekommen Bekannte und Freunde eine WhatsApp-Nachricht. Wenn es ein wirklich guter Freund ist oder jemand, dem ich imponieren will, meine Chefin etwa, schreibe ich eine SMS, das wirkt irgendwie edler. Meine Grüße gehen immer gleich los: "Hey, noch schnell, bevor es zu spät ist: Alles Gute ...", so was schicke ich meistens gegen 23.40 Uhr raus. Sprachnachrichten sind eine bequeme Alternative, da kann man auch ein bisschen Begeisterung in die Stimme legen. Videobotschaften dagegen finde ich problematisch, ich habe meine Mimik nicht so gut im Griff.

Es ist so eine Quantität-und-Qualität-Sache. Viele Geburtstage entwerten den Einzelnen. Auf Facebook ist das gut zu beobachten. Da hat man ja meistens noch mehr Freunde als im echten Leben. Also auch mehr Geburtstage. Entsprechend sind die Geburtstagsgrüße an der Facebook-Pinnwand auch wirklich die niederste Kategorie von Glückwünschen. Auf Toilettenwände werden aufrichtigere Dinge geschrieben. Ich glaube, dass die Gratulation auf Facebook inzwischen sogar als Zeichen der Abneigung gilt. Das ist die Konsequenz der Geburtstagsinflation: Es geht wirklich nur noch darum, zu zeigen, dass man den Geburtstag wahrgenommen hat. Ich finde das unmöglich. Wenn ich auf Facebook sehe, dass jemand Geburtstag hat, schreibe ich eine Nachricht und tu so, als hätte ich von allein dran gedacht. Damit der andere sich gut fühlt.

Gratulationen sind zu einer Pflichtaufgabe verkommen. Es klingt altmodisch, aber ich will nicht, dass man mir gratuliert, weil es in einer To-do-Liste steht. Ich möchte, dass man an mich denkt, weil ich so ein netter Typ bin. Ein sympathischer Mensch. Eben ein richtig guter Freund.