Die Schweiz gilt als eine der besten Demokratien der Welt. Das ist keine selbstgefällige Behauptung, sondern wird durch zahlreiche Studien belegt. Aber besser geht immer. Das gilt auch für eine Demokratie. Deshalb präsentieren wir bis zu den eidgenössischen Wahlen vom 20. Oktober 10 Ideen für ein Demokratie-Update. Idee Nr. 9: Humor

Die Schweiz hat die allerbesten Voraussetzungen für eine hervorragende Humorkultur. Schließlich funktioniert Humor exakt nach den Regeln der direkten Demokratie. Jeder Witz ist eine beidseitige Verhandlungssache zwischen Komik und dem Publikum, jede gelungene oder missratene Pointe nicht weniger als ein Fiebermessen an einer gegenwärtigen Gesellschaft. So wie wir in der Schweiz unablässig befragt werden, ob wir das örtliche Schwimmbad renovieren, den Steuersatz senken, die geplante Umfahrungsstraße bodigen wollen, genauso werden wir durch Humor oder Satire unablässig mit der nützlichen Kontrollfrage konfrontiert: In was für einer Gesellschaft leben wir gerade? Und in was für einer wollen wir leben? Oder, wie es auf englischsprachigen Stand-up-Comedy-Bühnen als Opener zu jedem Thema immer heißt: "Hey, what’s that all about?"

Doch was soll, was kann, was darf der Humor überhaupt für die Demokratie leisten?

Seit Politiker angefangen haben, uns Komikern die Arbeit wegzunehmen, gibt es immer mehr Komiker und Satirikerinnen, die, entweder von buchhalterischer Revanche oder einfachem Bedeutungswahn getrieben, den entgegengesetzten Move machen und in die Politik drängen. Investigative Satire, Spaßparteien, Clowns als Volksvertreter; es ist so verständlich wie befremdend: Politsatire und satirisch anmutende Realpolitik befinden sich mittlerweile auf einem munteren Erasmus-Karussell, das sich so schnell dreht, dass man gar nicht mehr genau weiß, wer denn nun die Karikatur von wem ist.

Dass Spaßmacherinnen und Komiker selbst inhaltliche Positionen vertreten, statt in humor-ästhetischer Pose zu verharren, hat einerseits mit der zunehmenden Polarisierung der Positionen zu tun: Es wird für Humorarbeiterinnen, ganz abgesehen von moralischen Wertungen, immer schwieriger, ein Thema ohne klar erkennbare Wertung humoristisch aufzuarbeiten, da die meisten politischen Sachthemen bereits auf der Vorstufe der Satire, also von den Politikerinnen her, außerordentlich überspitzt serviert werden. Anders gesagt: Wenn dir die Politik Zitronen gibt, kannst du als Humorist daraus schlecht Orangensaft machen. Das ist der eine Grund. Der andere hat womöglich mit Kränkung zu tun: Mit der Kränkung, die auf der Einsicht fußt, dass sich Politik durch Satire nicht unmittelbar verändern lässt.

Aaaaaachtung! Es droht die Scheininformiertheit

Denn die Frage, ob und wie Satire und Humor eine Politik beeinflussen oder prägen, ist regelmäßig Gegenstand akademischer Studien. Und immer wieder kommt die Wissenschaft zu ähnlichen Schlussfolgerungen: Nein, Satire führt beim Publikum nicht zu messbaren Veränderungen der politischen Ansichten. Politische Satire kann sogar dazu führen, dass sich beim Publikum ein subjektiv empfunden erhöhtes Kompetenzgefühl einstellt, was politische Themen angeht. Die Forscherinnen nennen das "Scheininformiertheit". Dicke Post. Einerseits machen wir nicht nur keine Meinungen, nein, wir sorgen sogar noch dafür, dass das Publikum eine höhere von sich selbst hat, als es eigentlich haben dürfte.

Sind Satiriker also lediglich demokratische Homöopathen? Demokratieirrelevante Scharlatane? Oder theatraler gefragt: Ja, Himmelherrgott, sind denn alle unsere noch so träfen Pointen, mit denen wir Satiriker nach oben treten, sind jene humoristischen Sprengkörper, die wir quasi ins Zentrum der Macht hineinkatapultieren, in den Höllenschlund des Bösen hineinwummen, sind das wirklich allesamt nicht mehr als ein paar einsame, traurige Globuli, die sich in ewiger Nicht-Nachweisbarkeit auflösen? Sind wir wirklich nur dekorative Chügelidealer?

Ach. Womöglich ist es nicht gar so simpel. Komik entsteht schließlich meistens dann, wenn Sachverhalte, die als gefestigt gelten, in die Schwebe geraten. Wenn Unsicherheiten auftauchen, wo vorher keine waren; wenn Widersprüche offengelegt werden. Und solche Widersprüchlichkeiten aufzuzeigen aus der klaren Warte der Unbefangenheit, das kann die Satire. Selbstverständlich verkürzt, vereinfacht, überspitzt die Satire. Das muss sie auch. Darum darf sie für sich allein auch nicht als Aufklärungsvehikel oder als Ersatz für politische Berichterstattung gesehen werden. Aber Satire schafft Klarheit dadurch, dass sie auf die Möglichkeit von Unsicherheit hinweist. Und ich glaube, gerade in Zeiten, in denen politische Positionen polarisiert sind wie heute, ist es unablässig, Grauzonen zu kreieren, bei denen die Meinungen noch nicht gemacht sind. Momente der Unsicherheit zu kreieren, in denen plötzlich alle, egal wie gefestigt sie sich sonst voneinander abgrenzen, gleichermaßen ratlos sind. Wenn alle gleich sind vor dieser Unklarheit, dann ist plötzlich so etwas wie das Verhandeln von Positionen, also genuine Kommunikation, also Demokratie, möglich.

Vielleicht könnte man für die Wichtigkeit von Humor mit einem simplen Umkehrschluss argumentieren: Dass eine Demokratie durch Humor selbstverständlich besser wird, stabiler wird, demokratischer wird, lässt sich vielleicht einfach durch die Tatsache beweisen, dass sich ausnahmslos jede Diktatur durch den Humor immer existenziell gefährdet sieht. Heißt also: Ohne Humor keine Demokratie.

Der Kabarettist Gabriel Vetter tritt unter anderem in der Late-Night-Show "Deville" am Schweizer Fernsehen auf.