Ein Glück, dass die Heimwerker der Steinzeit Faustkeile in Hülle und Fülle gefertigt haben. Künden diese uns doch heute von der Kunstfertigkeit unserer Vorfahren. Allzu oft ist das Werkzeug der einzige Hinweis auf die Existenz begabter Handwerker an Orten, wo keines Menschen Knochen überdauert hat.

Wenn Archäologen kommender Äonen schichtweise die Hinterlassenschaften unseres Zeitalters erschließen werden, könnte dieses Artefakt sie leiten: der Innensechskantschlüssel. So lautet der Fachbegriff. Und sagen Sie jetzt nicht "Imbus"! Das wäre ein Konsonanten-Fauxpas, Inbus heißt es, mit N, also "Innnnnnbus". Das steht für "Innensechskant Bauer und Schaurte", nach jener Fabrik im rheinischen Neuss, in welcher der Schraubkopf mit den sechs Kanten im Jahr 1936 entwickelt wurde. Kein anderes Schraubprofil überträgt so einfach und sicher so große Kräfte.

Wie so oft in der Technikgeschichte kamen auch auf diese Idee mehrere Erfinder unabhängig voneinander. Dokumentiert sind ähnliche Designs aus Großbritannien und Amerika. Und im Angelsächsischen heißt der Inbusschlüssel bis heute Allen key nach dem Entwickler William G. Allen.

Vom Ikea-Gründer Ingvar Kamprad und seinen Leuten stammt die Schraubenform jedenfalls nicht. Der Möbelkonzern war es jedoch, der dem kleinen Schlüssel zu weltweiter Allgegenwart verholfen hat. 1968 lag der Inbus erstmals flach verpackten Möbelteilen bei (aus denen die Sitzgruppe "Robin" und der Tisch "Pop 68" entstehen sollten). Zuerst hatte er die Form eines L, später nahm er die eines Z an. Mit dem ließ sich schneller schrauben.

Früher hatte das komplette Teil ein sechseckiges Profil, heute ist der Großteil rund, nur die Enden passen zum Innenschraubkopf. Nach der Montage ist das Werkzeug überflüssig, landet in Schublade oder Werkzeugkiste, als x-tes Exemplar neben den von früheren Möbelaufbausamstagen übrig gebliebenen Geschwistern: das Schicksal des Genial-Einfachen.

Inzwischen setzt der Selbstzusammenbaumöbel-Konzern zunehmend auf Steck- anstelle von Schraubverbindungen. Ikea-Ingenieure haben Steckdübel aus Holz und Kunststoff entwickelt und herausgefunden: Damit geht es noch schneller.

Im neuen Katalog, den Ikea seit Ende August in beinahe biblischer Auflage verschickt, taucht der Inbusschlüssel nicht mehr auf. In früheren Ausgaben hatte ein Foto des Teils suggeriert, wie mühelos der Möbelaufbau sein würde. Ist das nun der stille Abschied vom Inbus? Gegenthese: Er ist als archetypisches Werkzeug längst Teil des kollektiven Unterbewusstseins. Und er wird allein für Ikea jährlich immer noch 50-millionenfach produziert. Spüren Sie ihn nicht, wenn Sie das lesen, leicht und kühl in Ihrer Hand liegen? Ein Klassiker der Alltagstechnik, der Faustkeil unserer Zeit.

Ausgewählte Quellen und Links zu diesem Thema finden Sie hier.