Samstagnachmittag in Ramat Gan, einem Tel Aviver Vorort. Die Straßen sind fast menschenleer, die Ladenfronten geschlossen. Nur an einer Bushaltestelle warten ein paar Menschen, sie tragen Flipflops, Sonnenbrillen und Strandtaschen über der Schulter. Ein ungewohnter Anblick am Schabbat, dem jüdischen Ruhetag, an dem für gewöhnlich weder Busse noch Züge fahren. Doch dann biegt ein weißer Reisebus um die Ecke. "Sababus" steht in hebräischen Lettern unter der Frontscheibe, ein Wortspiel aus "Bus" und dem Slangwort "sababa", "cool". Im Ein-Stunden-Rhythmus verkehrt der Sababus seit Juli am Schabbat zwischen Ramat Gan und Strandpromenade. Der neue Bürgermeister der Stadt, Carmel Schama, hat den Service eingerichtet für all jene, denen Auto, Führerschein oder das nötige Kleingeld fürs Taxi fehlen.

Was nach einer denkbar harmlosen Initiative klingen mag, hat Schama wütende Schmähungen eingebracht. "Der Bürgermeister hat eine rote Linie überschritten", verkündeten Politiker der ultraorthodoxen Partei Jahadut Torah (Thora-Judentum) in einer Erklärung, "er hat die Stadt Ramat Gan beschmutzt durch die Zerstörung religiöser Werte und der Heiligkeit des Schabbats". Verkehrsminister Bezalel Smotrich von der rechts-religiösen Jamina-Partei schrieb auf Twitter, Schama trage nun ein "Kainsmal".

Der Streit um den Sababus ist nur eine von etlichen Varianten eines Konflikts, der das ganze Land beschäftigt: Mal geht es um Bauarbeiten am Schabbat, mal um Geschlechtertrennung in Hochschulkursen. Über all dem steht die seit 71 Jahren ungelöste Frage: Welche Rolle spielt die Religion im jüdischen Staat? Der Wahlkampf, der den Wahlen am 17. September vorausging, wurde entlang der säkular-religiösen Kluft geführt. "Die Debatte ist alt", sagt Schuki Friedman, Leiter des Center for Religion, Nation and State am Israel Democracy Institute, einem liberalen Thinktank. "Doch dass sich eine Wahl darum dreht, ist selten."

In Zukunft dürfte der Konflikt sich noch zuspitzen. Denn dem Land stehen demografische Verschiebungen bevor. Die Ultraorthodoxen, derzeit zwölf Prozent, werden laut Prognosen der israelischen Statistikbehörde in 40 Jahren knapp ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. Damit wächst ihr politisches Gewicht – und der Widerstand jener, die sich davor fürchten. Nach der Parlamentswahl im April zerbrachen die Koalitionsverhandlungen an der Frage, ob mehr ultraorthodoxe Männer den Wehrdienst antreten sollten.

Vor zwei Wochen fanden Neuwahlen statt, vergangene Woche beauftragte Präsident Reuven Rivlin Benjamin Netanjahu mit der Koalitionsbildung. Doch erneut gestalten sich die Verhandlungen schwierig. Als einzig realistische Option gilt eine Koalition der zwei stärksten Parteien, Netanjahus Likud und der zentristischen Blau-Weiß-Partei des früheren Armeechefs Benny Gantz. Letzterer wirbt für eine "säkulare Einheitsregierung", um den Einfluss der Religiösen zu beschneiden. Netanjahu jedoch will die ultraorthodoxen Parteien mit ins Boot holen. Welche Koalition auch immer Israel bald regieren wird, sie könnte wichtige Weichen stellen in einem Konflikt, der das Land in den kommenden Jahren noch stärker zu spalten droht.

"Langfristig werden die Haredim", also die Ultraorthodoxen, "mehr Ambitionen haben, der Gesellschaft religiöse Regeln aufzuzwingen", vermutet Friedman. Davor fürchten sich viele, in deren Leben die Religion allenfalls eine folkloristische Rolle spielt. Noch haben sie demografisch die Oberhand: 40 Prozent der Israelis beschreiben sich als säkular. Doch wegen der hohen Nachwuchsrate der Haredim von sieben Kindern pro Frau spielt die Zeit gegen die Säkularen. Manche Parteien haben sich deren Furcht im Wahlkampf zunutze gemacht. Die rechts-säkulare Partei Israel Beitenu ließ ein Video produzieren, das das Konterfei Netanjahus mit schwarzen Schläfenlocken zeigt, gefolgt von dem Slogan: "Ja zum jüdischen Staat – nein zum Halacha-Staat".