In einem Gastbeitrag plädiert der Informatiker Rainer Klute für neue Atomkraftwerke in Deutschland. 

Hinterher schimpften Kritiker über "Maßnähmchen", über einen "Schlag ins Gesicht von 1,4 Millionen Demonstranten", über ein Klimapaket "ohne Lenkungswirkung". Knapp zwei Wochen ist es her, dass die Bundesregierung bekannt gab, wie sie bis zum Jahr 2030 die Klimaziele einhalten will – und seit knapp zwei Wochen hagelt es Schelte: Ein bisschen CO₂-Steuer hier, ein wenig Ökostrom-Forderung da, obendrein günstigere Bahntickets – man muss kein "Fridays for Future"-Aktivist sein, um sich über dieses Stückwerk zu wundern. Denn tatsächlich gäbe es eine so viel wirksamere Maßnahme!

Deutschland braucht neue Atomkraftwerke.

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Atomkraft? In Deutschland? Ist dieses Thema nicht spätestens mit dem Ausstiegsbeschluss von 2011 endgültig erledigt? Warum sollte sich das Land wieder Diskussionen über Kernenergie antun? Ganz einfach: Weil wir mit der CO₂-Bepreisung allein das Klima nicht retten werden. Und: Weil Physiker und Ingenieure in den vergangenen Jahren, unbemerkt von einer atomhysterischen Öffentlichkeit, gewaltige Fortschritte gemacht haben.

Inzwischen gibt es moderne Reaktoren, die Energie aus bereits angefallenem "Atommüll" gewinnen können. Allein aus den gebrauchten Brennelementen in den verschiedenen Zwischenlagern könnte Deutschland 250 Jahre lang komplett mit Strom versorgt werden. Die Reaktoren der sogenannten Generation IV würden damit nicht nur die Endlagerfrage lösen, sie würden auch die Menge des nutzbaren Urans um das 50- bis 80-Fache strecken, sodass es für Zehntausende Jahre Stromerzeugung reichen würde – und das alles klimafreundlich und emissionsfrei.

Wie geht das? Um dies anschaulich zu machen, muss man sich die Funktionsweise eines Kernkraftwerks in Erinnerung rufen: Im Reaktorkern werden Uran-Atomkerne gespalten. Dabei entsteht Wärme, mit der wiederum Wasser verdampft wird. Der Wasserdampf wird auf eine Turbine geleitet, die einen Generator antreibt, der Strom erzeugt. So weit, so gut. Oder eben auch nicht.

Denn ein Nachteil der bisherigen Leichtwasserreaktoren besteht darin, dass sie als Brennstoff Uran-235 benötigen, das aber nur einen kleinen Bruchteil des gesamten Urans ausmacht.

Um eine kontrollierte nukleare Kettenreaktion in Gang zu setzen, werden die Brennstäbe mit Neutronen beschossen. Jede dadurch erzeugte Kernspaltung entlässt weitere Neutronen, die wiederum Kernspaltungen auslösen. Diese Kettenreaktion setzt unglaublich viel Energie frei. Ein einziges Gramm Uran liefert mehr Energie als die Verbrennung von zwei Tonnen Kohle.

Der Haken dabei ist: Die freien Neutronen, die "Antreiber" der Kettenreaktion, werden durch das Kühlwasser im Reaktor stark abgebremst. Das ist einerseits erwünscht, weil langsame Neutronen das Uran-235 leicht spalten. Allerdings bleibt der Großteil des Urans, das nicht spaltbare Uran-238, praktisch ungenutzt.

Aber was, wenn man statt Wasser ein anderes Kühlmittel verwendet – eines, das die Neutronen nicht so stark abbremst? Dann könnten die schnellen Neutronen auch das Uran-238 spalten – ein gewaltiger Vorteil! Nun, ein solches Kühlmittel gibt es: flüssiges Natrium. Reaktoren, die mit nicht abgebremsten Neutronen arbeiten, heißen "schnelle Reaktoren". Sie sind in verschiedenen Varianten seit den 1950er-Jahren in Betrieb, auch als Strom erzeugende Leistungsreaktoren.