Mein Freund, der Feind – Seite 1

Der Tag, an dem Torsten Wolf glaubt, für immer seine Heimat und seine Familie zu verlassen, ist der 18. Mai 1988, ein Mittwoch. Wolf hatte am Abend die Tür abgeschlossen, so wie immer, und doch steht am frühen Morgen ein fremder Mann in seiner Wohnung und sagt: "Ziehen Sie sich an, es geht los!"

Er sei von der Abteilung Inneres, sagt der Mann, mit ihm fährt Wolf zum Bahnhof Ilmenau. Dort kauft er sich eine Fahrkarte nach Gießen, über Erfurt und Bebra, so als sei dies eine ganze normale Sache. Danach nimmt ihm der Mann den Personalausweis ab und gibt ihm eine provisorische Bescheinigung, den PM12, für den Grenzübertritt.

"Damit war ich aus der Staatsbürgerschaft entlassen, also quasi staatenlos", sagt Torsten Wolf.

Heute, mehr als 30 Jahre später, sitzt er in einem Beratungszimmer im Dachgeschoss des Thüringer Landtags, dort, wo die Linke-Fraktion ihre Büros hat. Wolf ist Abgeordneter der Partei, die einst SED hieß. In der DDR hatte die SED die Macht.

Neben Wolf sitzt Frank Kuschel, sein Fraktionskollege. Er klingt nüchtern, fast amtlich, als er sagt: "Das, was Torsten passierte, lief eigentlich immer nach dem gleichen Schema ab." Er selbst habe ja damals die nötigen Papiere für einige Ausreisende unterschrieben, immer mit F. K. "Das Kürzel hat für meinen echten Namen gestanden – und für den Tarnnamen Fritz Kaiser."

Frank Kuschel war an dem Tag, als bei Torsten Wolf ein fremder Mann in der Wohnung stand, stellvertretender Bürgermeister von Ilmenau und Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Und er war in diesen beiden Funktionen für die sogenannte Bearbeitung der Antragsteller in der Stadt zuständig. Er und Wolf standen an der unsichtbaren Front, die mitten durch die DDR verlief, auf verschiedenen Seiten.

Der eine wollte ausreisen.

Der andere schikanierte die, die ausreisen wollten.

Heute, mehr als drei Jahrzehnte später, sind sie Genossen, Fraktionskollegen, und sprechen erstmals öffentlich darüber, wie sich damals, in der kleinen Stadt Ilmenau am Rande des Thüringer Waldes, ihre beiden Leben berührten. Sie reden darüber, wie der eine zum Täter wurde und der andere zum Opfer.

Frank Kuschel, massige Gestalt, Bart, bulliges Gesicht, ist mit kurzer Hose, kurzärmeligem Hemd und Sandalen gekommen. Er spricht laut und impulsiv. Torsten Wolf, hochgewachsen, sportlich, Brille, trägt ein Jackett zur Jeans. Er redet leise, angespannt, als er beginnt, seine Geschichte zu erzählen.

Im Frühjahr 1988, kurz vor seiner Ausreise, ist Wolf knapp 20. Er arbeitet als Instandhaltungsmonteur für die Ilmenauer Wasserwirtschaft und trägt eine Frisur, die nach Punk und Rebellion aussehen soll. Seit der achten Klasse engagiert er sich in einer kleinen Umweltgruppe der evangelischen Kirche, ein halbes Dutzend Jugendliche, sie legen Pflanzgärten an, registrieren Bäume für ein Kataster, nehmen Wasserproben, geben sogar eine kleine Zeitung heraus.

Damit befindet er sich automatisch im Visier von Frank Kuschel. Der Vizebürgermeister ist 27, natürlich SED-Mitglied. Er leitet bei der Stadt die Abteilung Inneres, ist zuständig für Feuerwehr, Wohnungswirtschaft – und den politischen Gegner. Er steht im ständigen Kontakt zur Kreisdienststelle der Staatssicherheit.

Im März 1988 hat sich Kuschel gegenüber dem MfS als IM verpflichtet, als "inoffizieller Mitarbeiter zur politisch-operativen Durchdringung und Sicherung des Verantwortungsbereichs". Sein Hauptziel: Leute wie Wolf. In der handschriftlichen Erklärung des IM "Fritz Kaiser" ist nachzulesen: "Mir ist bewusst, dass der Gegner durch die Organisierung und Inspirierung von übersiedlungsersuchenden DDR-Bürgern einen politischen Untergrund und eine innere Opposition schaffen will. Deshalb sehe ich es als meine Pflicht an, dem MfS bei der Aufdeckung und Bekämpfung dieser Angriffe meine ganze Kraft zur Verfügung zu stellen."

"Das war kein Spaß mehr"

Als Kuschel das aufschreibt, als er sich der Stasi verkauft, rumort es längst im gesamten Ostblock, auch infolge von Michail Gorbatschows Politik von Perestroika und Glasnost in der Sowjetunion. Die DDR-Führung reagiert mit Repression. Im Januar 1988 nehmen die Sicherheitskräfte mehr als 100 Menschen fest, weil sie im Rahmen einer Demo "Freiheit für Andersdenkende" fordern. Viele von ihnen werden ausgebürgert.

Torsten Wolf: "Das war kein Spaß mehr. Nach den Verhaftungen in Berlin erhöhte der Staat auch bei uns in der Provinz den Druck. Wir mussten uns immer stärker gegenseitig absichern, über persönliche Kontakte, über die Kirche."

Frank Kuschel: "Ich musste die Vorfeld-Grenzsicherung koordinieren. Am Busbahnhof Ilmenau waren ständig Leute von uns in Zivil im Einsatz. Wir haben geguckt, ob jemand mit langen Haaren und Rucksack in den Bus nach Sonneberg einsteigt, wo die Staatsgrenze zur BRD verlief. Der war schnell wieder draußen."

Kuschel und Wolf sagen, sie erinnerten sich nicht, einander damals begegnet zu sein. Gemäß der offiziellen Sprachregelung der SED sind für Kuschel Leute wie Wolf in der Zeit "subversive Elemente", gesteuert durch den imperialistischen Klassenfeind. Er hat sie zu bekämpfen. Als Leiter der Abteilung Inneres ist er für die, wie es im Stasi-Deutsch heißt, "Bearbeitung" der Kirchengruppen zuständig.

Kuschel: "Für sie galt die übliche Ansage: kriminalisieren und zerschlagen. Ich hielt das aber bei diesen Umweltjungs für die falsche Strategie. Ich sagte in der Sitzung, wir machen das jetzt mal anders und holen die in den VEB Stadtgrün, das war ein städtischer Betrieb. Dort können sie sich um ihre Bäume kümmern und stiften weniger Unsinn."

Wolf: "Einige Freunde aus der Gruppe sind damals tatsächlich bei der Stadt untergekommen, ganz freiwillig, die haben dann im Stadtpark Bäume gepflanzt und Grünflächen gepflegt. Ich habe mich dann da auch beworben, doch das wurde mir verwehrt. Als ich bei Leuten im Amt nachfragte, was los sei, sagten die, bei Ihnen haben das andere entschieden. Da wusste ich endgültig, in diesem Staat habe ich keine Zukunft mehr. Ich durfte nicht den Arbeitsplatz wechseln, ich durfte nicht studieren, ich durfte nichts. Mir blieben nur Flucht, Ausreise oder inneres Exil."

Kuschel: "Wir haben damals nur drei Leute einstellen können. Als sich dann noch mehr bewarben, gab es viel Trara mit der SED-Kreisleitung. Es hieß, das sei Konzentration von Gegnern im Staatsapparat. Da ist der Torsten also zu spät gekommen."

Wolf: "Ich war wie eingesperrt, konnte mich null weiterentwickeln. Im November 1987 habe ich dann gemeinsam mit meiner Schwester einen Ausreiseantrag gestellt."

Wolf und seine Schwester gehören im Jahr 1988 zu den inzwischen etwa 50.000 Menschen, die die DDR verlassen wollen. Die staatlichen Organe befinden sich in Daueralarmbereitschaft. Jeden Freitag tagt im Rat des Kreises Ilmenau die Arbeitsgruppe Übersiedlung, in der beredet wird, wie der "Gegner" zurückgedrängt werden könnte. Zudem wird besprochen, wem die SED-Bezirksleitung in Suhl die Ausreise genehmigt. Und wem nicht.

Kuschel sitzt in der Runde. In Arbeitsteilung mit der Abteilung Inneres beim Rat des Kreises bearbeitet Kuschel die Antragsteller, dienstlich, aber auch konspirativ. In der Akte von "Fritz Kaiser" ist protokolliert, wie er manche Antragsteller ausspioniert: "Es fällt mir auf, dass die Familie im Gegensatz zu 1989 nicht so intensiv Bestellarbeiten im Garten durchgeführt hat." Zudem sei ihm bekannt geworden, "dass Professor [geschwärzt] von der Technischen Hochschule das Haus und Grundstück der Familie [geschwärzt] kaufen" wolle.

Konkret um Wolf kümmert sich Kuschel damals nicht; sein Fall liegt zufällig beim Rat des Kreises. Aber dass der Vizebürgermeister durchgreifen kann, weiß jeder in der Stadt. Spuren die Antragsteller nicht, lässt er sie zuführen, verhaften. Der Lehrer Wolfgang Mayer, der 1988 mit einer ganzen Oppositionsgruppe aus Ilmenau die dänische Botschaft in Ost-Berlin besetzt, wird später in einem Buch über den "besonders rigiden Stil" des "Herrn Frank Kuschel" berichten, der "schnell die Karriereleiter" hinaufwollte.

"Für mich besaß er sadistische Züge"

Kuschel hat sich für seine Taten mehrfach öffentlich entschuldigt, entschuldigen müssen. Doch es gibt Menschen in Ilmenau, die ihm das nicht abnehmen. Der damalige katholische Pfarrer Gerhard Sammet, der immer noch in Ilmenau lebt, erinnert sich an Kuschel als einen Mann, vor dem selbst die Funktionäre im Kreis Angst gehabt hätten. "Für mich besaß er sadistische Züge", sagt er. "Was immer er tat, tat er aus Lust an der Macht – und aus der Lust, jemand anderes kleinmachen zu können."

Kuschel hingegen schildert sich als einen Getriebenen, ja Zerrissenen: "Mir war bewusst, welchen Druck wir ausüben. Ich hatte ja relativ früh das System durchdrungen, habe begriffen, was da abläuft, wie in Biografien eingegriffen wird." Ja, es sei ihm klar, dass Leute "traumatisiert waren zum Teil, die haben gelitten, vor allem unter der Ungewissheit, ob ihr Antrag genehmigt wird". Auf der anderen Seite habe er alle 14 Tage beim Bezirk antreten müssen und Vorhaltungen bekommen, dass er noch schärfer, noch härter durchgreifen solle. "Ich habe deshalb mithilfe von entlassenen Strafgefangenen fingierte Anträge fabriziert und danach gleich wieder zurückgezogen, damit wir nach Suhl Erfolge melden konnten."

Frank Kuschel, das Opfer? Wohl kaum. Kuschel sagt: "Wir waren überzeugte Sozialisten. Wir haben nicht das System infrage gestellt, wir wollten aber andere Methoden. Es gab harte Auseinandersetzungen zwischen uns Jüngeren und den Älteren, wie man mit solchen Problemlagen umgeht. Die Strategie war ja, über eine Kriminalisierung der Leute Abschreckung zu erzeugen. Nur liefen wir hier vor eine Wand."

Ab dem Mai 1988 ist Wolf im Westen. Er arbeitet in einer Zahnradfabrik in Schwäbisch-Gmünd und danach bei Volkswagen in Kassel. Daheim, in Ilmenau, ist seine Familie staatlichen Schikanen ausgesetzt, die eskalieren, als sich sein Bruder heimlich mit ihm in Prag trifft. Ende 1988 bewirbt sich Kuschel aus Ilmenau weg in die nahe Kleinstadt Großbreitenbach, wo ihn die SED als Bürgermeister einsetzt. In dieser Funktion, sagt er, habe er nicht mehr mit Antragstellern zu tun gehabt. An das MfS berichtet er aber weiter, über den örtlichen Fasching und später auch über die neue Oppositionsbewegung, die sich Neues Forum nennt. Kuschel glaubt nicht, dass sich etwas ändern wird, selbst dann nicht, als Zehntausende DDR-Bürger und Ungarn in den Westen flüchten. "Wenn mir jemand im September 1989 erzählt hätte, was im November passieren wird, dann hätte ich ihn für verrückt erklärt. Ich habe den Fortbestand der DDR nie infrage gestellt."

Auch Wolf sagt, er habe den Fall der Mauer nicht kommen sehen: "Ich bin von Ewigkeit ausgegangen. Ich bin ausgereist und habe gedacht, das alles hier, meine Stadt, meine Freunde, das sehe ich nie wieder. Und daran habe ich auch noch im Herbst 1989 geglaubt."

Der 9. November verändert alles. Kuschel wird nach der ersten freien Kommunalwahl im Mai 1990 von der neuen CDU-Mehrheit abgewählt. Er ist nur kurz arbeitslos, wird erst Geschäftsstellenleiter der Thüringer Zeitungsgruppe und gründet später ein Fuhrunternehmen. Nebenher macht er für die PDS Kommunalpolitik, sitzt im Stadtrat und im Kreistag. Seine Stasi-Mitarbeit, die seit den 1990er-Jahren bekannt ist, wird zum Politikum, als er 2004 in den Landtag einzieht. Er eckt überall an, mit seiner Vergangenheit und mit seiner Art, die vielen zu aggressiv ist. Gleich zweimal wird er mit den Stimmen von CDU und SPD wegen der Stasi-Akte für "parlamentsunwürdig" erklärt, was aber nichts daran ändert, dass er ab 2014 in der rot-rot-grünen Koalition plötzlich Abgeordneter einer Regierungsfraktion ist.

Torsten Wolf kehrt 1992 nach Ilmenau zurück, in einen, wie er sagt, "fremden, teilweise rechtsextremen Osten". Er hatte damals einen Aufnäher auf der Jacke, diesen Papierkorb, in dem ein Hakenkreuz landet. "Ich konnte mich damit definitiv nicht frei bewegen. Das hat mich extrem irritiert – und wiederum politisiert."

Er holt sein Abitur nach, studiert in Jena Politik und Geschichte und arbeitet hauptberuflich beim DGB. Er engagiert sich in der SPD, wo er sich aber nicht anerkannt fühlt, wechselt zur Linken und zieht 2014 in den Landtag ein. Dort trifft er auf Kuschel.

Konnte, kann er ihm verzeihen?

Wolf: "Es war eine Hürde in den ersten Monaten, auch im Umgang. Die Vergangenheit war bis dahin kein großes Thema für mich gewesen, nun kam sie wieder zurück. Einige Verwandte sagten: Wie kannst du nur mit dem zusammenarbeiten?"

Kuschel: "Ich war auf alles gefasst. Er hätte ja immerhin seine Gründe gehabt, mir Vorwürfe zu machen."

Wolf: "Ich habe gelernt: Jeder hat seine Biografie. Irgendwann habe ich meinen Frieden mit Frank gemacht."

Aber war die DDR nicht ein Unrechtsstaat? Und war Kuschel nicht dessen Helfer?

Wolf: "Ich kann mit dem Begriff wenig anfangen. Trotzdem glaube ich bis heute, dass die DDR, wenn sie nur dialogbereit gewesen wäre, wenn sie Freiheit zugelassen hätte, überlebensfähig gewesen wäre. Deshalb bin ich ja auch heute in einer sozialistischen Partei. Der Kapitalismus löst die entscheidenden Fragen ja auch nicht, bei Frieden, Gerechtigkeit, Umweltschutz."

Kuschel: "Es gab rechtsfreie Räume. Und ein Staat, der rechtsfreie Räume zulässt, lässt Unrecht zu, ist ein Unrechtsstaat. Wenn ich eine Zuführung anordnete, dann haben alle gespurt, auch Staatsanwälte und Richter. Ich hatte Macht, und ich habe sie genutzt. Das lässt sich nicht schönreden."

Frank Kuschel wird Ende Oktober, nach 15 Jahren als Abgeordneter, aus dem Landtag ausscheiden. "Wenn ich ehrlich bin, habe ich bisher noch von niemandem darüber Bedauern gespürt", sagt er. Dann lacht er dröhnend.